Eurobarometer zu Antisemitismus "Europas Schande"

Antisemitismus sei in Europa "nach wie vor sehr lebendig", kritisierte EU-Justizkommissarin Vera Jourová in Brüssel . "Wir müssen wachsam sein."

(Foto: AP)
  • Einer groß angelegten Eurobarometer-Umfrage zufolge sind 61 Prozent der Deutschen überzeugt, dass Anfeindungen gegenüber Juden in den vergangenen Jahren zugenommen haben.
  • EU-weit nimmt lediglich jeder Dritte einen Anstieg von Antisemitismus wahr.
  • Der Studie zufolge sind zudem viele Menschen überzeugt, nur wenig über das Judentum und seine Geschichte zu wissen. Diesen Trend haben auch schon andere Erhebungen bestätigt.
Von Benedikt Peters

74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hält die überwiegende Mehrheit der Deutschen Antisemitismus für ein wachsendes Problem. Dies geht aus einer groß angelegten Eurobarometer-Umfrage hervor, die EU-Justizkommissarin Vera Jourová in Brüssel vorstellte. 61 Prozent der Deutschen sind demnach überzeugt, dass Anfeindungen gegenüber Juden in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Zwei Drittel der Deutschen stimmen zudem der Aussage zu, Antisemitismus sei hierzulande ein Problem.

Die Werte für Deutschland liegen damit höher als in vielen anderen Ländern Europas. EU-weit nimmt lediglich jeder Dritte einen Anstieg von Antisemitismus wahr, ein "Problem" sehen etwa die Hälfte der Befragten.

Ein völlig anderes Bild ergibt sich gleichwohl unter in Europa lebenden Juden. Eine Befragung der EU-Agentur für Grundrechte hatte vor Kurzem ergeben, dass 90 Prozent von ihnen der Meinung sind, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt. Vier von zehn Befragten erwägen nach eigener Aussage, aus Europa wegzuziehen.

Für die Vorstellung der Studie hatte sich die EU-Kommissarin Jourová einen symbolträchtigen Ort ausgesucht. Sie sprach im jüdischen Museum von Brüssel - also an dem Ort, an dem bei einem Terroranschlag im Mai 2014 vier Menschen getötet wurden. Vor wenigen Tagen hat in Brüssel der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen, er soll Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat gehabt und aus antisemitischen Motiven gehandelt haben.

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Jourová kritisierte in ihrem Redemanuskript, Antisemitismus sei in Europa nach wie vor sehr lebendig. "Wir müssen wachsam sein." Mit Blick auf die Befragung der EU-Grundrechte-Agentur sagte sie gar, der Umstand, dass 90 Prozent der Juden sich zunehmend mit Anfeindungen konfrontiert sähen, sei "Europas Schande".

In der Eurobarometer-Studie wurde ebenfalls untersucht, inwieweit sich die EU-Bürger gut über das Judentum informiert fühlen. Die Ergebnisse sind ernüchternd: So finden 68 Prozent der Befragten, die Menschen in ihrem Land wüssten zu wenig über die Geschichte und Bräuche der Juden. In Deutschland liegt der Anteil mit 74 Prozent noch höher.

Eine ähnliche Tendenz hat sich in Bezug auf das Gedenken an den Holocaust bereits in anderen Studien gezeigt. Der Nachrichtensender CNN veröffentlichte im vergangenen November eine repräsentative Erhebung unter jungen Europäern. 40 Prozent der befragten Deutschen im Alter von 18 bis 34 Jahren antworteten damals, sie wüssten "wenig" oder "gar nichts" über die Judenvernichtung unter den Nazis im Zweiten Weltkrieg. Unter allen europäischen Befragten - sie stammten aus Österreich, Frankreich, Ungarn, Polen, Großbritannien und Schweden - lag der Wert bei 33 Prozent. Fünf Prozent der Befragten sagten sogar, sie hätten "nie vom Holocaust gehört". Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung nannte die Ergebnisse erschreckend, das Internationale Auschwitz-Komitee sprach von einem "Alarmsignal".

Ob neben dem Unwissen auch die antisemitischen Übergriffe zunehmen, dazu gibt es für Deutschland unterschiedliche Befunde. Der Polizeistatistik zufolge haben Straftaten gegen Juden in den vergangenen Jahren nicht zugenommen, Anfang der 2000er-Jahre lag die Zahl der Delikte etwas höher als zuletzt. Experten vermuten allerdings, dass die Dunkelziffer hoch sein könnte.

Es gibt aber auch Zahlen, die darauf hindeuten, dass Probleme mit Antisemitismus zunehmen. So ergab eine Studie der FU Berlin, dass es im Internet immer häufiger zu judenfeindlichen Äußerungen kommt. Die Autoren der Studie um die Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel haben dafür etwa eine Viertelmillion User-Kommentare ausgewertet.

Wiesen 2007 noch 7,5 Prozent der Kommentare antisemitische Stereotype auf, war der Anteil bis 2014 auf das etwa Fünffache gewachsen. Zudem gab es zuletzt mehrere Fälle antisemitischer Übergriffe oder Ausfälle. Die Sichtbarkeit der Anfeindungen, so könnte man es zusammenfassen, hat also sehr wohl zuletzt zugenommen.

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