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Anti-G-8-Demonstrationen:Fünf Finger für ein Siegeszeichen

Singen, sitzen und blockieren - nach dem Krawall zu Beginn erobern die bunten Demonstranten das Feld, und der Schwarze Block fühlt sich im Abseits.

Man muss sich dieses Gesellschaftsspiel so vorstellen wie eine große Schnitzeljagd. Es gibt drei Mannschaften, die durch die Landschaft stiefeln. Die erste ist grün und steckt die Routen ab. Die zweite ist bunt und kommt auf Schleichwegen zum Ziel. Die dritte ist schwarz und meistens auf Abwegen.

Fünf-Finger-Taktik

Ein Demonstrant reckt fünf Finger in den Himmel: Die Taktik der Gipfelgegner ging auf, sie überraschten die Polizei und gelangten bis an den Sicherheitszaun.

(Foto: Foto: ddp)

Sieger ist, wer nach tagelangem Dauerlauf noch immer gute Laune hat. Und seine Botschaft rüberbringt.

Als der Wettlauf zum Zaun um Heiligendamm am Donnerstag in seine nächste Runde geht, da brennt die Sonne, und am Himmel über Mecklenburg knattern Hubschrauber wie dicke Insekten. Am Boden dominieren heute die grünen Mannschaften. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Großen Acht und ihre Entourage nicht wieder vom Rest der Welt abgeschnitten werden.

Am Vortag ist das passiert: Globalisierungskritiker kappen zeitweilig alle Landwege nach Heiligendamm. Sie kippen Kies auf Schienen, sitzen auf Schienen, rennen auf die Autobahn. Tausende verbringen dann die Nacht friedlich schlummernd vor einem der beiden Tore, die in die verbotene "Rote Zone" von Heiligendamm führen. Die Polizei lässt sie, sie sind einfach zu viele.

Falter an der Feuertonne

So kommt es, dass der Weiler Hinter Bollhagen am Donnerstag zum Schauplatz von ein paar kleineren Scharmützeln wird. Hinterm Wald befindet sich das zweite Tor durch den Zaun, und die Polizei soll es offen halten. Schon morgens fahren am Waldrand Wasserwerfer auf. Mittags sieht man, wie gut 2000 Demonstranten es sich auf einer Anhöhe gemütlich machen.

Und am Abend werden Bilder um die Welt gehen, in denen Demonstranten sich unter Wasserwerfern krümmen, Polizisten rennen und alle brüllen. Spektakuläre Bilder liefert auch mal wieder Greenpeace, als mehrere Boote der Organisation in die Schutzzone eindringen. Es gibt eine wilde Verfolgungsjagd und einige Verletzte.

So geht das dauernd in Heiligendamm. Im Fernsehen sieht es aus, als würde hier überall gekämpft. Die Wirklichkeit dagegen wirkt ganz anders.

Am Mittwoch zum Beispiel taucht im Irgendwo hinter der Kurstadt Bad Doberan die bunte Karawane auf. Sechs- bis achttausend Menschen bahnen sich da einen Weg durch Wiesen, Rapsfelder und Kuhfladen, sie johlen, singen "Happy Birthday", schwenken Fahnen. Ein paar Clowns schlagen Purzelbäume, andere sind als Piraten verkleidet. Wie ein riesiger Kindergeburtstag kommt dieser Aufzug daher, auch wenn hier in klarer Formation marschiert wird. Die meisten Demonstranten gehören zum Netzwerk "Block G 8", sie sind strikt gewaltfrei und trainieren seit Tagen in Zeltlagern die Fünf-Finger-Taktik.

Jede Gruppe versteht sich als Finger einer Hand und trägt Fahnen und Klamotten einer bestimmten Farbe. Laufen die Demonstranten vorwärts, bleiben die Finger beieinander. Wollen sie eine Polizeikette durchqueren, spreizen die Finger sich weit auseinander. Die grünen Hundertschaften, das ist bekannt, mögen die bunten Finger nicht.

"Stöcke weg!", brüllt es plötzlich aus dem orangefarbenen Finger, und dann rennen ein paar Demonstranten los und skandieren: "Keine Gewalt!" Sie meinen nicht die Polizei, die am Horizont ein paar Beamte in viel zu schwerer Montur in die Wiesen jagt. Ausgebuht werden hier sechs schwarze Figuren, die auf einer Kuppe am Waldrand stehen. Sie reden sächsisch und manche fränkisch, und sie sagen, dass ein bisschen Randale sie nicht stören würde.

Die Schwarzen haben seit Beginn der Proteste am meisten von sich reden gemacht. Sie haben die Auftaktdemo in Rostock aufgemischt, 1000 Menschen wurden da verletzt, und als Antwort hat das Bundesverfassungsgericht einen Sternmarsch zum Zaun verboten. Das hat die Autonomen viele Bundesgenossen gekostet. Immer, wenn der Treck der Friedfertigen in den Feldern jetzt über einen Wassergraben muss, packen helfende Hände zu. Immer wenn die Autonomen am Bach stehen, reißt die Kette der Hände ab.