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Anti-Erdoğan-Demo:Nur ein kleiner Gruß von der anderen Seite

Türkischer Präsident in Deutschland - Köln

Die Erdoğan-Gegner, die in Köln demonstrieren, versammeln sich auf der rechten Rheinseite im Stadtteil Deutz,

(Foto: dpa)
  • Weniger Menschen als erwartet demonstrieren in Köln gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan, der zur einer Moscheeeröffnung nach Köln gekommen ist.
  • Einige Aktivisten glauben, dass das Chaos um die Organisation des Erdoğan-Besuchs viele verwirrt hat.

Die Verlierer dieses Samstags stehen auf der "schäl Sick", also, wie der Kölner sagt, auf der falschen, weil rechtsrheinischen Seite. Tausend, vielleicht 1500 Menschen sind gekommen, um auf einem Schotterplatz am Flussufer klarzustellen, dass Recep Tayyip Erdoğan "not welcome" sei in Köln. Die Veranstalter, vor allem kurdische, alevitische und linke deutsche Gruppen, hatten unter der Woche auf 7000 bis 10 000 Demonstranten gehofft.

Eine Steintreppe dient als Bühne, die Lautsprecher dröhnen, als beschallten sie Volksmassen. Nur: Weite Teile der "Deutzer Werft" bleiben menschenleer. Man sei da Opfer vom Chaos um die Eröffnung der Ditib-Moschee geworden, glaubt eine Aktivistin: "Das Hin- und Her um die Verbote der Pro-Erdoğan-Aufmärsche hat die Leute verwirrt", glaubt ein Mitorganisator.

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Erdoğan ist schuld. Das glaubt auch Seher Turan, die deutsche Kurdin, die extra aus dem hessischen Hanau an den Rhein gekommen ist, um gegen den Autokraten aus Ankara zu protestieren. "Klar bin ich enttäuscht", sagt die Frau mit den roten Haaren, "aber die Leute haben eben Angst - auch hier in Deutschland." Dann erzählt sie, wie ihr Sohn bei der Einreise in die Türkei neulich sieben Stunden lang am Flughafen festgehalten wurde. Wie andere Türken verhaftet wurden, und wie froh sie war, als ihr Sohn drei Tage später wieder zuhause in Deutschland war.

Neben Turan steht Mesut Duman und nickt. Der 43-jährige Erzieher aus Frankfurt hält ein Plakat in den Händen, das das Foto eines Landsmanns zeigt: "Freiheit für Adil Demirci!" steht auf dem Poster. Demirci, deutscher und türkischer Staatsbürger, Kölner Sozialwissenschaftler und linker Journalist, wurde im April dieses Jahres in Istanbul festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt. Ankaras Sicherheitsbehörden werfen ihm terroristische Verstrickungen vor - offenbar nur, weil er von drei Beerdigungen militanter Kurden berichtet hatte. Der "Fall Demirci" ist eine Causa, die die deutsch-türkischen Beziehungen weiter belasten dürfte.

Auch Berivan Aymaz redet in Deutz von Demirci. Aymaz, grüne Abgeordnete im NRW-Landtag, erwähnt ebenso Hozan Cane, die deutsche Kurdin aus Köln, die seit Ende Juni ebenfalls in türkischer Untersuchungshaft sitzt. Aymaz findet es zwar richtig, dass Armin Laschet, der CDU-Ministerpräsident, am Samstag nicht mit Erdoğan in die Moschee gegangen ist. Aber sie verlangt mehr vom Landesvater: "Herr Laschet sollte ein Zeichen setzen und die in Deutschland lebenden Angehörigen der Inhaftierten empfangen."

Immerhin erklärt Laschet am Nachmittag, der habe Erdoğan bei einem protokollarischen Gespräch am Flughafen Köln-Bonn seine "Sorge" mitgeteilt über "die Verhaftungswellen, von der auch deutsche Staatsbürger betroffen waren und sind".

Ohne Zwischenfälle verlief am Nachmittag eine Konfrontation zwischen einigen hundert linken und mehreren Dutzend rechten Demonstranten am Kölner Hauptbahnhof. Die Polizei trennte beide Lager mit Sperrgittern, nach fast dreistündigen Verbalattacken zogen beide Seiten ab.

"Du trinkst Menschenblut"

Der Protest an der Deutzer Werft dümpelt währenddessen vor sich hin. Ein Graubart verkauft die "Rote Fahne". Und weiter hinten trägt ein kleiner, untersetzter Mann mit Kappe und Sonnenbrille ein Plakat kreuz und quer über den Platz: "Du trinkst Menschenblut", steht auf seinem Anti-Erdoğan-Schild. Das halbe Leben lang zahlt Ercan Karaman Steuern in Deutschland, vor 25 Jahren kam der heute 50-jährige Arbeiter nach Köln. Er ist längst Deutscher, "und als Deutscher ärgert es mich, dass ich ein Staatsbankett mitbezahle für einen Mann, der uns mit Hitler und Nazis verglichen hat."

Laut singt ein Liedermacher ein Heldenlied auf Kobane, die kurdische Stadt in Nordsyrien ("Auf der Brust der Partisanen brennt der rote Stern"). Dann schreit eine türkische Rednerin noch ein "Hoch die internationale Solidarität" in den blauen Herbsthimmel. Zu ihren Füßen liegen große Farbfotos eines bärtigen Mannes, der mit dem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand ein V zeigt. Der Mann, so belehrt 50 Meter weiter ein Transparent auf dem Asphalt, ist Ümit Acer.

Der 28-jährige Kurde, so vermeldet die kurdische Nachrichtenagentur, soll sich am Donnerstag in der Nähe von Ingolstadt selbst verbrannt haben - angeblich, um gegen Erdoğans Besuch zu protestieren und um die Freilassung von Abdullah Öcalan zu verlangen, des Führers der europaweit verbotenen PKK. Die Hintergründe des Falls sind noch völlig unklar, die Polizei nennt keinerlei Details und viele Medien, auch die SZ, haben deshalb bisher bewusst nicht oder nur sehr zurückhaltend über den Fall berichtet, so wie stets bei mutmaßlichen Suiziden.

Es scheint dennoch so, als ob die kurdische Bewegung, marginalisiert beim türkischen Staatsakt auf kölschem Boden, ihn zum Märtyrer gemacht hat.

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