Anti-Banken-Proteste in den USA:"Ist denn die Diskussion allein schon das Ziel?"

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Die inhaltliche Unschärfe, die Occupy von Anfang an vorgehalten wurde, ist indes noch immer nicht beseitigt. Zwei Mitglieder der Thinktank-Gruppe berichten bei der Konferenz von ihrer Arbeit: Wie sie "Diskussionen erleichtern", wie sie jedem eine "Stimme geben", und dass jedes Treffen von Archivaren der New York University aufgezeichnet werde. Nur worüber da diskutiert wurde, das konnten sie nicht sagen. "Ist denn die Diskussion allein schon das Ziel?", rief da einer von hinten. "Wir glauben, dass es in diesem Stadium sehr wichtig ist, jedem eine Stimme zu geben", entgegnete die Frau am Mikrofon frostig, und der Mann neben ihr winkte beflissen mit den Fingern seiner erhobenen Hände: "Stimme zu", heißt das im Handzeichenvokabular von Occupy.

Wie unterschiedlich die Positionen innerhalb der Bewegung und ihrer Unterstützer sind, wurde schon zuvor klar. Die Historikerin Julia Ott, Doug Henwood vom Left Business Observer und Carne Ross, ein ehemaliger britischer Diplomat, der jetzt in einer Occupy-Gruppe über ein alternatives Bankwesen nachdenkt, waren sich zwar einig in ihrer Analyse des "kranken" (Henwood) Finanzsystems, das in den letzten 30 Jahren in den USA zum profitabelsten und dominanten Wirtschaftszweig geworden sei. So einträglich, dass auch Firmen wie General Motors mittlerweile einen Großteil ihrer Profite im Kreditgeschäft machen. Dass die Banken, die einmal Geld-Händler für alle waren, heute vor allem Gelder von einem Investor zum anderen verschieben. Und dass die angebliche Sozialisierung der Firmenprofite durch die Aktien, die 50 Prozent aller US-Haushalte besitzen, eine Illusion sei.

Doch als es um Schritte ging, dieses System abzulösen, war es mit der Einigkeit vorbei. Ross berichtete von Plänen bei Occupy, eine Bank zu kaufen oder zu gründen. Auch über finanzielle Peer-to-peer-Systeme und alternative Währungen denke man nach. Nur indem man die Autonomie vom Staat und von den Großbanken anstrebe, die den Dollar und die staatlichen Institutionen kontrollierten, lasse sich das derzeitige System überwinden.

Der Marxist Henwood wollte davon nichts wissen. "Mit Alternativwährungen kann man vielleicht einen Haarschnitt bezahlen, aber keine Schere und sicher keinen Stahl", sagte er. Und Ott meinte: "Es ist naiv zu glauben, das System werde verschwinden, nur weil ein paar Leute sich aus ihm lösen. Goldman Sachs ist es egal, dass du deine eigenen Hühner hältst. Wir müssen die politische Kultur verändern."

"Wer kürzere Arbeitstage hat, hat mehr Zeit zum Kämpfen"

Überhaupt scheinen viele unter den Occupy-Leuten derzeit die ansteckende Revolutionsromantik des Herbsts durch einen neuen Pragmatismus zu ersetzen. "Der Rausch, den die Aktionen einem geben, kann süchtig machen. Aber man muss sich hüten davor, dieselben Sachen mit immer geringerem Effekt einfach endlos zu wiederholen", meinte L.A. Kauffman vom Global Justice Movement. "Man kann nicht jeden Tag in den Schlagzeilen stehen."

Derselben Ansicht war auch Yotam Marom, einer der prominentesten Leute vom Zuccotti Park: "Es ist wichtig, sich nicht vom Glamour der direkten Aktion blenden zu lassen. Sie wird nicht automatisch Millionen aufwecken; sie wird uns nicht über Nacht aus unserer Gefangenschaft befreien. Wie können wir jetzt kleine Siege erringen, wie können wir unsere Lebensbedingungen verbessern?" Zwar werde die "Revolution" nicht einfach der Kulminationspunkt einer Serie von Reformen sein. Dennoch könnten diese die Voraussetzung für einen Systemwandel schaffen: "Wer kürzere Arbeitstage hat, hat mehr Zeit zum Kämpfen."

Wichtig sei es, von der Orthodoxie früherer linker Bewegungen loszukommen, meinte Anne Snitow. "Wir sollten unterschiedliche Dinge gleichzeitig tun. Alles tun, damit Obama wiedergewählt wird, aber trotzdem nicht nachlassen mit unserer Kritik an seiner Regierung."

An Ambition, Mut und Phantasie mangelt es den Occupy-Leuten eindeutig nicht. Was sie wohl am meisten einschüchtert, ist, in Zukunft an dem gemessen zu werden, was sie in den letzten drei Monaten erreicht haben: "Wir haben keine neuen Wahrheiten entdeckt, sondern die Möglichkeit des Widerstands. Es hieß immer: Die Amerikaner lassen alles mit sich machen, sie wehren sich nicht. Wir haben gezeigt, dass das nicht stimmen muss."

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