Papst kommt nach Deutschland:Im Land der vielen Götter

Papst Benedikt XVI. kommt in ein Land, in dem viele nichts mehr mit ihm anfangen können. Katholisch, evangelisch, wen interessiert das noch? Und doch bleibt Deutschland eine Glaubensrepublik. Denn etliche Menschen sind auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Glauben. Unser Autor hat drei von ihnen besucht - und dabei durchaus eine Gemeinsamkeit zu Papst Benedikt XVI. festgestellt.

Matthias Drobinski

Agnes kann man auf dem Evangelischen Kirchentag treffen, wo sie sich von Margot Käßmann begeistern lässt; am Aschermittwoch aber war sie in einer katholischen Kirche und hat sich das Aschekreuz auf die Stirn zeichnen lassen. Ganz eigentümlich war ihr da zumute, wo sie doch kein Kirchenmitglied ist und die meiste Zeit ihres Lebens ohne Religion verbracht hat.

Lichterfest auf Burg Scharfenstein zur Einstimmung auf den Papstbesuch

Der Papst ist in den Hintergrund gerückt. In Deutschland können viele Menschen mit der traditionellen Kirche nichts mehr anfangen.

(Foto: dapd)

Fatme Ibrahim ist freitags selbstverständlich in der Moschee, das Kopftuch ist streng gebunden; sie hat aber nicht mehr so viel Angst, dass sie nach dem Tod in die Hölle kommt.

Liane Büsing wiederum legt einem die Karten, schaut in den Kaffeesatz, sagt die Zukunft voraus und spricht von den guten Mächten, die sie umgeben. Drei gläubige Frauen leben in Dresden, Berlin und bei Frankfurt. In Deutschland. In dem Land, das am Donnerstag Besuch von Papst Benedikt XVI. bekommt.

Es ist ein Land mitten im Säkularisierungsprozess, sagen die Soziologen, Detlef Pollack aus Münster zum Beispiel. Auch deshalb ist dieser Papstbesuch umstritten: Es gibt genügend Menschen, die mit einem Papst nichts mehr anfangen können. Nur noch 60 Prozent der Deutschen sind Mitglied der evangelischen oder der katholischen Kirche. Zur Zeit der Wiedervereinigung waren es noch 70 Prozent; innerhalb von 20 Jahren haben die beiden großen Volkskirchen mehr als acht Millionen Mitglieder verloren.

In Ostdeutschland gehörten 1989 zwei Drittel der Bevölkerung keiner Kirche an, heute sind es drei Viertel. Bald dürfte es in Deutschland so viele Kirchenmitglieder wie Konfessionslose geben. Und wer weiter Kirchensteuer zahlt, weiß oft trotzdem nicht mehr, ob Moses sieben oder zehn Gebote empfing, auf welchem Berg auch immer, und ob Jesus von der Auferstehung der Toten sprach oder nicht doch von der Wiedergeburt.

Dennoch ist die Bundesrepublik nicht auf dem Weg in den kollektiven Unglauben, sie wird eine Glaubensrepublik bleiben. Einmal, weil die Kirchen trotz des Mitgliederschwunds die größten Institutionen im Land bleiben, weil Kirchen, christliche Kunst, Musik, Philosophie zur Kultur des Landes gehören.

Aber auch, weil der Glaube nicht verschwindet, wenn die Leute aus der Kirche austreten. Deutschlands Frömmigkeit wird vielfältig, wie seine Landschaften es sind, flach und gebirgig, lieblich und schroff, einsames Schilf und Häusermeer. Es wird das Land der vielen Götter, der großen Götter der Weltreligionen und der vielen, kleinen, selbstgemachten und persönlich zusammengesetzten.

Im Land der vielen Götter wohnen Menschen wie Agnes, die nur ihren Vornamen veröffentlicht sehen will, weil ihr das mit dem Glauben doch ein bisschen peinlich ist. Verwaltungsangestellte ist sie und 50 Jahre alt, ein unauffälliger Typ mit kurz gestuften Haaren, Jeans und T-Shirt, aufgewachsen in der DDR mit einer Mutter, die Religion strikt ablehnte, wie kann man da überhaupt an Gott denken?

Und dann kam er doch in ihr Leben, dieser Gott. Nach der Scheidung, dem Zusammenbruch in der Kur, zuerst über die Bücher, die sie las - dann kam Jürgen, sie wurden ein Paar, und Jürgen ist katholisch. Rituale und Diskussionen darüber, was nach dem Tod kommt, findet sie gut, Dogmen schlecht, eine Kirchenmitgliedschaft unvorstellbar. "Mein Glaube muss mein Lebensgefühl wiedergeben", sagt sie. Wie so viele das sagen, die sich irgendwie als Christen fühlen.

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