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Anschlagsverdacht am Breitscheidplatz:Angriff auf das Herz Berlins

Der Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gehört zu den beliebtesten der Hauptstadt. Nachdem ein Lkw dort in eine Menschenmenge fuhr, herrschte erst Chaos - dann traurige Stille. Die Stadt steht unter Schock.

Es ist kurz nach 20 Uhr, als geschieht, was man so lange schon befürchtet hatte: In der Berliner City West fährt ein Lastwagen, von Westen her aus der Gegend des Bahnhofs Zoo kommend, die Budapester Straße entlang. Plötzlich biegt er ab, mitten hinein in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Ein Polizeisprecher sagt später, der Sattelschlepper habe sich 50 bis 80 Meter "schneisenartig über den Weihnachtsmarkt" bewegt. Das Fahrzeug kommt zwischen der Gedächtniskirche und dem Bikini-Haus zum Stehen. Auf ersten Bildern, die ein Reporter der Berliner Morgenpost, der zufällig am Ort war, mit dem Smartphone aufgenommen hat, sieht man Menschen herumrennen, telefonieren, am Boden liegen. Viele der Holzbuden sind zerstört, Rettungskräfte suchen nach Verletzten und finden auch Tote.

Ein Lastwagen, der in eine Menschenmenge rast - die Erinnerung an den Terroranschlag von Nizza, bei dem 86 Menschen ums Leben kamen, ist sofort gegenwärtig. Ein Zeuge, der am anderen Ende des Platzes miterlebte, dass etwas geschehen war, erzählt später, die Einsatzkräfte seien sehr schnell am Ort gewesen. Zunächst scheint der Vorfall in Berlin glimpflich abgelaufen zu sein, es ist von einem Toten und mehreren Verletzten die Rede. Doch dabei bleibt es nicht. Gegen 21.15 Uhr bestätigt die Berliner Polizei über den Nachrichtendienst Twitter, dass mindestens neun Menschen gestorben sind, es gebe "viele Verletzte". Polizeisprecher Winfried Wenzel sagt später, das Bild vor Ort sei "verheerend". Später wurde die Zahl der Todesopfer auf zwölf korrigiert, 48 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz gehört zu den beliebtesten Weihnachtsmärkten in der Hauptstadt. Mehr als 100 Stände sind in dem Areal rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche jedes Jahr in der Adventszeit aufgereiht. Es gibt Kunsthandwerk und Buden mit Speisen, abends dient der Markt als Treffpunkt, wenn die großen Kaufhäuser in der unmittelbaren Umgebung schließen.

Das berühmte Kaufhaus des Westens ist nur rund 200 Meter vom Breitscheidplatz entfernt. Auch das legendäre Kino Zoo-Palast befindet sich unmittelbar an der Budapester Straße. Die Gänge zwischen den Buden sind eng, es gibt wenig Ausweichmöglichkeiten. Wenn der Markt voll ist, wird man eher von den Menschenmassen über das Areal geschoben, als dass man noch frei gehen kann.

Wo der Lastwagen auf den Platz gefahren ist, steht ein Tor, die Aufschrift ist noch immer zu lesen: "Frohe Weihnacht". Doch die vorweihnachtliche Stimmung ist an diesem Abend schlagartig verschwunden. Viele Menschen kommen ahnungslos zum Ort des Geschehens, weil sie mit Freunden oder Kollegen verabredet sind. Schon nach kurzer Zeit ist kein Durchkommen mehr. Der Platz ist weiträumig abgesperrt, überall sieht man Polizeiautos, Rettungswagen und Feuerwehr. Bis gegen 21.30 Uhr verlassen immer wieder Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene den Ort des Geschehens, offenkundig um Verletzte in die Krankenhäuser zu bringen.

Der Lastwagen, dessen Außenhaut aus silberner Folie zu sein scheint, steht wie ein riesiger Quader quer vor der Gedächtniskirche. Zwei Männer sollen in der Führerkabine des Lastwagens gesessen haben. Einer stirbt am Tatort, ihn finden die Sicherheitskräfte auf dem Beifahrersitz. Der zweite Mann, möglicherweise der Fahrer, ist zunächst flüchtig. Gegen 21.30 Uhr bestätigt ein Polizeisprecher, dass ein Verdächtiger gefasst wurde. Es könnte sich um den Mann handeln, der das Fahrzeug gefahren hat. Angeblich wurde er in der Nähe der Siegessäule am Großen Stern festgenommen. Dies würde dafür sprechen, dass er nach der Tat durch den Tiergarten in Richtung Norden geflohen war. Die Siegessäule befindet sich rund zwei Kilometer vom Breitscheidplatz entfernt. Dazwischen liegt das abgesperrte Gebiet des Zoos.

Der Lastwagen soll ein polnisches Nummernschild gehabt haben. Unbestätigten Berichten zufolge soll das Fahrzeug in Stettin ausgeliehen worden sein. Die Polizei hält sich zunächst mit Spekulationen über die Unglücksursache zurück, spricht nicht von einem terroristischen Anschlag. Das Landeskriminalamt übernimmt die Untersuchungen am Ort. Gegen 22 Uhr gibt die Bundesregierung bekannt, dass der Generalbundesanwalt in Karlsruhe die Ermittlungen an sich gezogen hat.

Die ersten politischen Reaktionen treffen ein. Noch sind sie von Unsicherheit darüber gekennzeichnet, was wirklich passiert ist und ob die Tat einen terroristischen Hintergrund hatte. Innenminister Thomas de Maizière teilt mit, dass er im ständigen Kontakt mit den Sicherheitskräften stehe und die Hilfe der Bundespolizei angeboten habe. De Maizière hatte immer wieder erklärt, dass die Sicherheitsbehörden ihr Möglichstes tun würden, man aber einen Anschlag in Deutschland ähnlich denen in Frankreich nicht ausschließen könne. Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt über ihren Regierungssprecher Anteilnahme für die Angehörigen mitteilen.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller kommt gegen 21.45 Uhr zum Breitscheidplatz. Er wolle sich ein Bild machen, sagt der SPD-Politiker. Er wirkt geschockt. "Es ist einfach furchtbar, das hier zu sehen." Es sei "sehr bedrückend, ein Schock, weil wir immer gehofft haben, dass wir diese Situation in Berlin nicht haben werden". Müller versucht, die Menschen zu beruhigen, spricht davon, dass die Lage unter Kontrolle sei. Die Krankenhäuser der Stadt, insbesondere die Charité, seien in der Lage, die Verletzten aufzunehmen.

Kurz darauf wird hinter dem nahe gegelegenen Hotel Waldorf Astoria ein verdächtiger Gegenstand entdeckt. Wieder sperrt die Polizei ab. Dann stellt sich heraus: Es ist nur ein Schlafsack.