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Anschlagspläne in Deutschland:Marcia M. meldete, das Paket sei "gerade am Ballern"

Kurz vor Weihnachten 2016 dann schlägt Amri zu, der Tunesier stand mit dem "Islamischen Staat" in Verbindung, aber war doch nach allen bisherigen Erkenntnissen ein Einzeltäter. Was also könnte dann erst ein an Waffen und Sprengstoff geschultes Kommando anrichten? "Wir wussten, dass nichts, aber auch gar nichts mehr schiefgehen darf," erinnert sich ein Beamter, der an den damaligen Diskussionen beteiligt war.

Im Januar 2017 meldete sich Marcia M. erneut, das Paket sei "gerade am Ballern". Offenbar kämpften die "Brüder", die für den Anschlag ausgesucht wurden, noch in Syrien. Die Kommunikation wurde immer weniger, riss schließlich ganz ab. Der Vormarsch einer internationalen Staatenkoalition auf die IS-Gebiete zeigte endlich Wirkung. Die IS-Terroristen gerieten unter Druck. Im GTAZ fragte man sich, was denn nun aus dem Plan geworden sei. Und ob der unter Druck geratene IS diesen überhaupt noch würde ausführen können. Der einst brisanteste Fall verlor zunächst an Bedeutung.

Jetzt, mit dem weitgehenden Zerfall des "Islamischen Staats", sind entscheidende Informationen hinzugekommen. Oguz G. und Marcia M. sind nur zwei von Hunderten Kämpfern, die sich ergeben haben. Sie alle sitzen nun in Gefangenenlagern und viele von ihnen reden. Der Bundesnachrichtendienst schickt regelmäßig Befragungsspezialisten dorthin. Von Oguz G., seiner Frau und einer dritten Person stammen inzwischen umfangreiche Angaben zu dem Plot.

Demnach habe die Abteilung "Externe Operationen" 2016 entschieden, dass es Deutschland nun einmal so richtig treffen solle. Die erste der drei Gruppen habe aus zwei Männern bestanden, die mit Hilfe von Haartransplantationen und einer Nasenoperation ihr Äußeres verändern sollten. Durch Nahrungsergänzungsmittel sollten sie an Gewicht zulegen. In Deutschland seien sie aber nie angekommen, tatsächlich nehmen die türkischen Behörden im Oktober 2016 zwei Männer fest, auf die eine solche Beschreibung passt. Dies ist offenbar das "hängen gebliebene" erste Paket, von dem Marcia M. in ihren Chats damals sprach.

Ein Name, der Sicherheitsbehörden bereits seit Jahren beschäftigt

Die zweite Zelle soll sich aus Männern rund um einen Deutschen mit dem Kampfnamen "Abu Qaaqa" zusammensetzen. Die Behörden vermuten, dass es sich bei ihm um Dominik W. handelt, der ebenso wie Oguz G. aus der Hildesheimer Szene stammt. W. wurde angeblich angewiesen, den Bart zu rasieren, Alkohol zu trinken und sich tätowieren zu lassen. Zur Tarnung, um nicht als religiöser Fundamentalist aufzufallen. Eine dritte Zelle habe aus zwei Kämpfern bestanden, deren Namen nicht bekannt sind.

In den Verhören fiel auch ein Name, der deutsche und amerikanische Sicherheitsbehörden bereits seit Jahren beschäftigt: Es geht um einen Europäer, Deckname "Abu Mussab al-Almani", der es in der Hierarchie der Geheimtruppe "Externe Operationen" weit nach oben gebracht haben soll. Lange Zeit hatten der Bundesnachrichtendienst und die CIA versucht, ihn zu identifizieren, der Name wurde immer wieder mit Plänen für Anschläge in Verbindung gebracht. Er war einer der wenigen Europäer, die im IS tatsächlich wichtige Positionen eingenommen haben.

Inzwischen sind die deutschen Sicherheitsbehörden weitgehend gewiss, dass es sich bei ihm um den Schweizer Staatsbürger Thomas C. handelt: blond, blaue Augen, groß gewachsen. Aufgewachsen ist er in der Schweiz, dann zog er nach Frankfurt. 2013 war er einer der ersten, der sich dem IS anschloss. Zunächst soll er Kämpfer ausgebildet, dann aber eine steile Karriere gemacht haben.

Stück für Stück wird in Karlsruhe und bei den beteiligten Behörden noch immer der Plot zusammengesetzt. Thomas C. und Dominik W. könnten bei den Kämpfen im Kalifat ums Leben gekommen sein. Sicher ist dies nicht. Und noch sind ohnehin nicht alle Beteiligten identifiziert, man fürchtet, dass einige von ihnen noch immer zur Tat bereit sein könnten. Der IS ist geschwächt. Aber nicht geschlagen.

Weder Staatsanwälte noch Polizisten konnten Oguz G., Marcia M. oder all die anderen nun einsitzenden Mitwisser bisher direkt zu den mörderischen Plänen des IS befragen. Mit Syrien gibt es keine Rechtshilfe. Oguz G. sagt, er wolle so schnell wie möglich wieder nach Hause und "dort auch mit den Sicherheitsbehörden kooperieren". Allerdings behauptet er, nur wenig zu wissen. Glaubensbrüder hätten nach Deutschland reisen sollen, "um sich irgendwo in die Luft zu jagen. Ich bin in diese Sache reingerutscht und mein Problem war, wie ich ohne blaues Auge da wieder rauskomme", sagt der Häftling, bevor ihn vermummte Sicherheitskräfte aus dem Raum führen. Das jedenfalls wird ihm wohl kaum gelingen.

Islamismus "Bin Sonntag wieder da. Linda"

Deutsche IS-Kämpferin

"Bin Sonntag wieder da. Linda"

Der "Islamische Staat" ist zerschlagen. Aber seine Frauen, Kinder und Männer irren noch umher. Ein Treffen in Bagdad mit der 17-jährigen Linda W. aus Sachsen.   Von Volkmar Kabisch, Georg Mascolo, Amir Musawy und Nicolas Richter