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Anschlagserie auf dem Sinai:Armee ohne Rückhalt

Ägyptische Armee im Nordsinai.

Hubschrauber und Panzer - die ägyptische ARmee hält das Gouvernement praktisch besetzt.

(Foto: AP)
  • Der Angriff auf dem Sinai war der Opferzahl nach die schwerste Attacke seit dem Anschlag auf einen Militärposten am 24. Oktober. Sie übertraf diese jedoch bei weitem, was Planung und Koordinierung betrifft.
  • Das ägyptische Militär hat das Gouvernement de facto besetzt.
  • Die Bewohner stehen den Sicherheitskräften oft skeptisch oder gar feindlich gegenüber.

Die Angreifer kamen im Schutz der Dunkelheit. Es galt schon die Ausgangssperre. Viele Menschen in al-Arisch, der Hauptstadt des Gouvernements Nordsinai, saßen vor den Fernsehern, um das Fußball-Derby zwischen den Kairoer Clubs al-Ahly und Zamalek zu verfolgen, das einem Spiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund gleichkommt.

Plötzlich hallte der Lärm von Explosionen durch die Nacht, Mörsergranaten und mehrere Autobomben detonierten. Terroristen attackierten am Donnerstagabend simultan mehr als ein Dutzend Einrichtungen der Sicherheitskräfte in al-Arisch, dem nahegelegenen Scheich Zuwaid und Rafah an der Grenze zum Gazastreifen. Per Twitter-Nachricht bekannte sich die Gruppe Ansar Beit al-Maqdis dazu, die sich inzwischen als "Provinz Sinai" der Terrormiliz Islamischer Staat bezeichnet und im Oktober dem Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi die Treue geschworen hatte.

Hohes Ausmaß an Planung

Am Freitagmorgen waren nach Angaben des ägyptischen Gesundheitsministeriums mindestens 30 Menschen tot, 69 wurden verletzt. Von ihnen schwebten fünf noch in Lebensgefahr. Unter den Opfern sollen etliche Zivilisten sein, sechs Frauen und ein 13-jähriger Junge starben laut der staatlichen Zeitung al-Ahram.

Präsident Abdel Fattah al-Sisi brach seine Reise zum Gipfeltreffen der Afrikanischen Union in Addis Abeba ab, um am Abend in Kairo eine Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates zu leiten. Das Militär durchkämmte al-Arisch und angrenzende Orte auf der Suche nach den Angreifern; Drohnen und Apache-Kampfhubschrauber waren in der Luft, wie Augenzeugen berichteten.

Es war der Opferzahl nach die schwerste Attacke seit dem Anschlag auf einen Militärposten am 24. Oktober mit damals 31 Toten. Sie übertraf diese jedoch bei weitem, was Planung und Koordinierung betrifft: Die Angreifer attackierten das Gebäude der Sicherheitsdirektion in al-Arisch, auf einen nahegelegenen Stützpunkt der Armee feuerten sie gleichzeitig zehn Mörsergranaten und zündeten eine Autobombe am Hintereingang des Gebäudes. Neun Checkpoints in der Stadt und auch in Rafah beschossen sie mit Granaten und Raketen. Auch ein Hotel, in dem Soldaten untergebracht waren, wurde Ziel eines Anschlags.

Zerstörte Tunnel - dennoch Angriffe möglich

Das ägyptische Militär hat das Gouvernement de facto besetzt und kämpft dort seit Monaten mit gut ausgerüsteten und ausgebildeten Einheiten gegen die militanten Islamisten. Die Regierung hat den Ausnahmezustand verhängt, ebenso eine Ausgangssperre zwischen dem Einbruch der Dunkelheit und sieben Uhr morgens. Bilder aus der Gegend zeigen immer wieder Kampfhubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge im Einsatz. Fast täglich meldet die Armee die Tötung von Terroristen, ohne dass sich die Umstände im Einzelnen nachvollziehen ließen - das Gebiet ist für ausländische Journalisten nicht zugänglich.

Rafah machte die Armee nach dem Anschlag im Oktober dem Erdboden gleich und errichtete eine einen Kilometer breite Pufferzone zum Gazastreifen. Die Regierung in Kairo beschuldigt die dort herrschende Hamas, die Terroristen auf dem Sinai zu unterstützen. Daher beschloss sie, die Tunnel zu zerstören, die jahrelang zum Schmuggel von Gütern aller Art dienten, Waffen eingeschlossen, aber auch Militanten ermöglichten, zwischen dem Palästinensergebiet und Ägypten hin und her zu wechseln. Trotz all dieser Maßnahmen war Ansar Beit el-Maqdis in der Lage, diese neue Welle von Anschlägen zu verüben, an der Dutzende ihrer Mitglieder beteiligt gewesen sein müssen - was Zweifel an der Strategie der Armee wecken dürfte.

Vor allem ist fraglich, ob sie ohne Unterstützung der lokalen Bevölkerung, überwiegend Beduinen, die Militanten besiegen kann. Der Abriss von Rafah und die Militäroperationen verärgern viele Bewohner. Sie stehen den Sicherheitskräften ohnehin oft skeptisch oder gar feindlich gegenüber. Auch ist die vernachlässigte Region schon lange ein Rückzugsort militanter Islamisten. Emissäre von Präsident Sisi suchten die Stammesältesten auf und haben Entschädigungen versprochen, doch ob das ausreichen wird, um die Loyalität der Bevölkerung zu gewinnen, ist unklar.

Die Regierung in Kairo versucht die Bedrohung durch die einst von al-Qaida inspirierte Ansar Beit al-Maqdis in Zusammenhang zu bringen mit der als Terrororganisation verbotenen Muslimbruderschaft und damit ihre breit angelegte Repression gegen diese zu rechtfertigen. Militärsprecher Mohammed Samir teilte mit, die Angriffe seien eine Reaktion auf die "erfolgreichen Schläge der Streitkräfte und der Polizei gegen terroristische Elemente" im Nordsinai und auf das "Versagen der terroristischen Bruderschaft, die sie unterstützt", während des Jahrestags der Revolution am 25. Januar Chaos zu verbreiten.

Fast täglich Angriffe

Die Regierung fühlte sich nach dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen nur teilweise gewalttätige Proteste zum Jahrestag der Revolution zu Unrecht kritisiert. Das Außenministerium sagte, es sei "die Verantwortlichkeit des Staates, Terrorismus entschlossen durch die Anwendung von Gewalt entgegenzutreten". Allerdings differenziert der Staat nicht zwischen friedlichen Demonstranten, Protesten gewaltbereiter Gruppen oder dem Terror von Ansar Beit al-Maqdis, wie auch westliche Diplomaten und Menschenrechtler immer wieder monieren.

Es kommt im Großraum Kairo und anderen Orten landesweit fast täglich zu Explosionen von Sprengkörpern, Brandstiftungen oder Angriffen auf Polizisten, die zum Teil tödlich enden. So detonierte auch in Suez eine Bombe, in Port Said erschossen die Sicherheitskräfte einen Militanten, der versuchte, einen Sprengsatz an einer Umspannstation zu platzieren.

Die Regierung macht für die Vorfälle kollektiv die Muslimbrüder verantwortlich; die meisten werden allerdings nie aufgeklärt. Belege für direkte Verbindungen zwischen Ansar Beit al-Maqdis und der Bruderschaft fehlen ebenso wie für eine direkte Verwicklung der Organisation in die Planung oder Ausführung von Anschlägen - auch wenn einiges dafür spricht, dass sich manche ihrer Anhänger an politisch motivierten Gewalttaten beteiligen.