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Terror in Österreich:Mitten ins Herz

Islamistischer Terrorismus galt als größte Bedrohung für die Sicherheit Österreichs. Nun ist eingetreten, wovor Verfassungsschützer gewarnt hatten.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Österreich ins Visier des islamistischen Terrors geraten würde. Österreich, das sich so gerne als "Insel der Seligen" bezeichnet, war gewarnt, konnte sich aber vor dieser Attacke nicht schützen. Es war ein Angriff mitten ins Herz - im Zentrum von Wien. Innenminister Karl Nehammer trug im Stakkatoton am Dienstagmorgen um sechs Uhr früh vor, dass nicht auszuschließen ist, dass es sich um mehrere Täter handelt. Es gab Hausdurchsuchungen und mehrere Festnahmen.

Wie der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig noch in der Nacht berichtete, haben die Täter "wahllos auf Menschen geschossen" - auf all jene, die sich an diesem letzten Abend vor dem coronabedingten Lockdown noch einmal vergnügen wollten: im Burgtheater, in der Staatsoper, in den Lokalen im sogenannten Bermudadreieck in der Innenstadt und auf den Freiflächen draußen, den Schanigärten, wo man bei ungewohnt lauen Novembertemperaturen noch ein letztes Bier, ein Achterl Wein genießen wollte - vor der Schließung der Gaststätten um Mitternacht.

Der Täter oder eben die Täter zogen durch die Straßen, schossen um sich. Vier Passanten starben, ein Attentäter konnte durch Schüsse gestoppt werden. Er hatte ein Sturmgewehr bei sich und trug einen vermeintlichen Sprengstoffgürtel, der sich als Attrappe herausstellte. Dass er ein Anhänger des IS sei und seine Wohnung aufgesprengt wurde - viel mehr wollte der Innenminister nicht preisgeben.

Es war bekannt, dass die Terrormiliz IS in Österreich aktiv ist

Im jüngsten Verfassungsschutzbericht wird der islamistische Terror als "größte Gefahr für die Sicherheit Österreichs" bezeichnet. Bei der Präsentation des Berichts sagte der damalige Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Franz Lang, noch: Die Sicherheitslage sei im Vergleich zu anderen Ländern in Europa und weltweit "entspannter".

Der vor Kurzem in Rente gegangene Direktor des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), Peter Gridling, verwies in den vergangenen Jahren wiederholt darauf, dass die Terrormiliz IS weiterhin Anhänger in Österreich habe, aktiv sei und über beträchtliche Geldmittel verfüge. Ein "beträchtliches und unkalkulierbares Gefährdungspotenzial" stellten für Gridling sogenannte Rückkehrer dar. Insgesamt waren den Behörden 320 Personen aus Österreich bekannt, die in die Kriegsgebiete Syrien und Irak gereist sind oder dorthin reisen wollten, um zu kämpfen. 58 wurden mit höchster Wahrscheinlichkeit getötet, zumindest 93 sind wieder nach Österreich zurückgekehrt.

Bundeskanzler Sebastian Kurz hat sich den Kampf gegen den politischen und militanten Islam auf seine Fahnen geschrieben. Er tritt auch vehement gegen einen EU-Beitritt der Türkei auf. Es hat in Österreich Tradition, sich als Bollwerk gegen die vermeintliche Expansion des Osmanischen Reichs zu gerieren. Die FPÖ hält regelmäßig Feiern zum Gedenken an das Ende der Türkenbelagerung im Jahr 1683 ab.

Weil der Terrorakt nach ersten Erkenntnissen in der Seitenstettengasse seinen Ausgang genommen hat, liegt nahe, dass es einen antisemitischen Hintergrund gibt. In der Seitenstettengasse befindet sich die Synagoge und der Hauptsitz der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Dieses Attentat kann also auch ein Anschlag auf das jüdische Leben in Wien gewesen sein - das in den vergangenen Jahren floriert und auch deutlicher sichtbar wird: Durch koschere Geschäfte und jüdische Einrichtungen. Rund 15 000 Juden leben derzeit in Österreich, der Großteil in Wien. Immer mehr Juden zieht es wieder nach Wien, vor allem aus Osteuropa gibt es Einwanderer, von denen sich viele zum orthodoxen Judentum bekennen.

In den 1970er und 1980er Jahren waren israelische und jüdische Einrichtungen immer wieder Ziel von Anschlägen, für die palästinensische Gruppen verantwortlich waren. 1979 explodierte in der Synagoge in der Seitenstettengasse ein Sprengsatz. 1981 hatte das palästinensische Terrorkommando der Abu-Nidal-Gruppe den Wiener Stadttempel in der Seitenstettengasse überfallen und zwei Menschen ermordet. Im gleichen Jahr wurde der Wiener Stadtrat Heinz Nittel, Vorsitzender der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, von dieser Gruppe getötet, 1985 verübten militante Palästinenser einen Anschlag auf den Flughafen Wien vor dem Schalter der israelischen Fluglinie El Al, es gab vier Tote und 38 Verletzte.

Von größeren Anschlägen ist Österreich in den vergangenen Jahren verschont geblieben. Allerdings gab es in den vergangenen Tagen Randale und Vorfälle in Wiener Kirchen - der Antonskirche im Stadtteil Favoriten und dem Stephansdom im Herzen der Stadt. Dabei wurden "Allahu Akbar"-Rufe laut, der Staatsschutz nahm die Ermittlungen auf. Nach Frankreich, nach Deutschland und Belgien, nach Spanien und Großbritannien ist nun Österreich mit Wucht vom islamistischen Terror getroffen worden.

© SZ.de/bepe
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