Terrorismus:Festnahmen wegen Anschlagsplan auf Synagoge in Heidelberg

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Thomas Strobl, Innenminister von Baden-Württemberg, zeigte sich erleichtert darüber, dass "die mörderische Tat" verhindert werden konnte. (Foto: Marijan Murat/DPA)

Zwei mutmaßliche Islamisten sollen geplant haben, Jüdinnen und Juden mit Messern anzugreifen. Die jüdische Gemeinde will sich nicht einschüchtern lassen.

Von Christoph Koopmann und Roland Muschel, München/Stuttgart

In Heidelberg haben die Sicherheitsbehörden offenbar einen Anschlag auf die Synagoge verhindert. Zwei Männer sollen geplant haben, Jüdinnen und Juden dort mit Messern anzugreifen und sich anschließend von der Polizei erschießen zu lassen, um einen "Märtyrer-Tod" zu sterben, wie die baden-württembergischen Sicherheitsbehörden am Freitag mitteilten. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung aus Sicherheitskreisen soll das mutmaßlich geplante Attentat einen islamistischen Hintergrund haben. Beide Tatverdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Einer wurde bereits am 3. Mai festgenommen, der Zweite am 18. Mai.

Die jungen Männer, 18 und 24 Jahre alt, hatten offenbar die Jüdische Kultusgemeinde Heidelberg im Visier. Deren Synagoge liegt in der Weststadt, ein hoch symbolisches Ziel im Zentrum Heidelbergs. "Wir sind beunruhigt", sagt Rabbiner Janusz Pawelczyk-Kissin am Telefon. Und: "Natürlich nehmen wir das ernst, auch weil wir die Hintergründe nicht kennen. Zwei Verdächtige sind festgenommen, aber wer weiß, ob da nicht noch jemand ist." Er sagt, sie seien am Donnerstag von den Behörden informiert worden. Mit den Sicherheitsbehörden habe man schon verabredet, dass der Polizeischutz für die Gemeinde verstärkt wird.

Der 24-Jährige wurde angeschossen

"Die mörderische Tat gegen jüdisches Leben konnte verhindert werden", sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU), das sei das Entscheidende. "Wir schützen jüdisches Leben im Land."

An der Synagoge Heidelberg wollten die mutmaßlichen Islamisten offenbar ihren Anschlagsplan in die Tat umsetzen. (Foto: Dieter Leder/dpa)

Die Staatsschützer sind auf den Anschlagsplan offenbar durch intensive Ermittlungsarbeit gekommen - allerdings zu einer ganz anderen Sache. An der Wohnung des 24-Jährigen in Bad Friedrichshall bei Heilbronn rückte die Polizei vor drei Wochen zwar auch wegen des Verdachts der Vorbereitung einer "schweren staatsgefährdenden Gewalttat" an, dabei ging es nach SZ-Informationen aber nicht um einen Anschlag. Sie hatten offenbar den Verdacht, dass der Mann zu einer Terrormiliz im Ausland ausreisen wollte. Wohin, das sagten die Ermittler am Freitag zunächst nicht.

Als die Polizisten die Wohnung an jenem 3. Mai wegen dieses Verdachts durchsuchen wollten, soll der Mann sich mehrere Küchenmesser gegriffen haben und durch ein Fenster nach draußen gesprungen sein. Die Beamten stellten ihn, forderten ihn auf, die Messer hinzulegen und stehenzubleiben. Der 24-Jährige soll das ignoriert haben - und mit einem Messer nach den Polizisten geworfen, mit weiteren zwei Messern in den Händen auf sie zugelaufen sein. Ein Beamter schoss auf ihn. Der Verdächtige wurde dabei verletzt. Zu seinem Gesundheitszustand konnte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart am Freitag nichts sagen.

Der 18-Jährige hat die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft

Als die Ermittler später sein Handy durchforsteten, stießen sie auf verdächtige Chats. In diesen soll er sich mit dem 18-Jährigen aus Weinheim in der Nähe von Heidelberg darüber ausgetauscht haben, dass sie mit Messern die Heidelberger Synagoge stürmen sollten. LKA-Beamte und Spezialkräfte nahmen den jüngeren der beiden am frühen Morgen des 18. Mai in seiner Wohnung fest. Er hat die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft, der schon vorher Festgenommene nach Angaben der Staatsanwaltschaft Stuttgart nur die deutsche.

Ihr Anschlagsplan soll noch eher vage gewesen sein, jedenfalls gehen die Ermittler derzeit nicht von einer "unmittelbar bevorstehenden Gefährdung" für die Besucher der Synagoge aus. Drohungen kennen sie in der jüdischen Gemeinde in Heidelberg schon aus den vergangenen Jahren, aber so ein Anschlagsplan, "das ist schon eine besondere und beunruhigende Geschichte", sagt Rabbiner Pawelczyk-Kissin. "Aber wir wollen uns nicht einschüchtern lassen."

Das Gemeindeleben soll möglichst normal weitergehen. Einige Mitglieder hätten gesagt, man müsse doch jetzt erst mal zumachen, erzählt der Rabbiner. "Aber das wollen wir nicht." Die Gemeinde ist klein, sie hat knapp 400 Mitglieder. Gerade deshalb sei der Zusammenhalt jetzt wichtig, sagt Pawelczyk-Kissin. Für den Freitagabend hat das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Heidelberg eine Solidaritätskundgebung für die jüdische Gemeinde angekündigt. Und eine Menschenkette um die Synagoge.

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