Anschlag in Québec Wenn Mitgefühl nicht für alle da ist

Das Brandenburger Tor leuchtet im November 2015 für Frankreich. Warum nicht auch für die getöteten Muslime in Kanada?

(Foto: dpa)

Terror in westlichen Ländern löst größeren Schrecken aus als Anschläge im Nahen Osten. Das ist nicht zynisch, sondern menschlich. Aber was ist mit dem Attentat auf eine Moschee in Québec?

Kommentar von Ronen Steinke

Für einen kurzen Moment, nachdem im kanadischen Québec sechs Menschen in einer Moschee erschossen wurden, gab es ein Missverständnis: Der Attentäter sei Marokkaner gewesen, ein Islamist. Es war bemerkenswert, was dieses Missverständnis auslöste. Der neue US-Regierungschef Donald Trump rief bei seinem kanadischen Kollegen Justin Trudeau an, machte auch öffentlich eine große Sache aus seiner Anteilnahme, aus dem Zusammenstehen gegen den Hass. Dann stellte sich heraus, der Täter war in Wirklichkeit ein weißer, nichtmuslimischer Kanadier, ein Rassist. Und: Es wurde still.

Auch in Deutschland fällt auf, dass die Anteilnahme eher verhalten ausgefallen ist, vergleicht man sie etwa mit den deutschen Reaktionen auf Anschläge gegen weiße, nichtmuslimische Belgier oder Franzosen in den vergangenen Monaten. Weder wurde das Brandenburger Tor in den Nationalfarben Kanadas angestrahlt, wie zuletzt bei Terroranschlägen durchaus auch mit weniger Todesopfern. Noch schlug in den sozialen Medien die Stunde der Hashtags und Facebook-Profilbilder. #JeSuisQuébec? #JeSuisMusulman?

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Man hat sich schon gewöhnt an diesen doppelten Standard. Dass Terroranschläge in westlichen, den Europäern näher am Herzen liegenden Ländern größeres Erschrecken und Mitgefühl auslösen als Anschläge im Irak, Pakistan oder selbst der Türkei. Das ist nicht zynisch, sondern zu einem großen Teil nur menschlich. Aber Kanada ist ein westliches Land. Es gehört kulturell genauso "zur Familie" wie Belgien, Frankreich oder die USA. Liegt die Idee, eine kanadische Flagge irgendwo hinzuprojizieren oder Grablichter und Blumen vor das kanadische Konsulat zu legen in Gedenken an diese sechs muslimischen Opfer vielleicht nur deshalb ferner, weil sie nicht in erster Linie als Kanadier gesehen werden, sondern eher so, wie sie ihr rassistischer Mörder sehen wollte, als Fremde? Dann hätte er genau das Spaltwerk verwirklicht, das ihm vorschwebte - und das ihn übrigens mit den anderen Feinden der offenen, pluralistischen Gesellschaft verbindet, den Dschihadisten.

Ähnlich war es schon bei den vier jüdischen Todesopfern im koscheren Supermarkt Hypercacher in Paris, deren Ermordung durch einen Islamisten zeitlich mit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo zusammenfiel. Es gab großes Erschrecken und Anteilnahme, sicher, aber neben "Je suis Charlie" war der Kontrast frappierend. Im Fall von Charlie Hebdo unterstrich eine Menschenkette aus Obama, Holland, Merkel, Netanjahu und Abbas für die Fernsehkameras, dass dies ein Anschlag "auf uns alle" gewesen sei. Beim Hypercacher dagegen? Wenn die Opfer koscher eingekauft oder nach Mekka gebetet haben, werden solche Gefühle offenbar weniger stark geweckt, es fühlen sich viele Menschen offenbar weniger getroffen. Auch innerhalb westlicher Gesellschaften zeigt sich ein doppelter Standard.

Gesellschaften müssen in ihrem Mitgefühl gewichten

Es ist unumgänglich, dass Gesellschaften gewichten in ihrem Mitgefühl. Man muss sich nur vorstellen, das Brandenburger Tor würde in stoischer Fairness bei jedem Terroranschlag, der eine bestimmte Opferzahl erreicht, gleichermaßen angestrahlt. (Meistens würde das Tor dann grün oder rot-weiß-schwarz leuchten, für Pakistan und den Irak.) Das Wahrzeichen Berlins würde fast nur noch im Zeichen des Terrors stehen. Absurd. Also: Auswahl muss sein. Aber wie diese Auswahl getroffen wird, sagt doch etwas darüber aus, was für eine Gesellschaft das eigentlich ist, die man gegen Terroristen verteidigt.

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