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Anschlag in Masar-i-Scharif:Die tägliche Angst vor den Taliban

Einen Krater hat die Autobombe, die vor dem deutschen Generalkonsulat in Masar-i-Sharif explodierte, in die Straße gerissen.

(Foto: Farshad Usyan/AFP)
  • Nach dem Angriff auf das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Sharif gibt es am Freitagmorgen einen zweiten Zwischenfall in der nordafghanischen Stadt.
  • Diesmal schießen deutsche Soldaten auf drei Motorradfahrer, die auf das Konsulat zufahren. Zwei der Motorradfahrer sterben.
  • Die Instabilität des Landes wirft auch Fragen nach dem künftigen deutschen Engagement auf.

Von Christoph Hickmann und Tobias Matern

Gegen sechs Uhr Ortszeit ging es wieder los. Schon am Donnerstagabend, Stunden zuvor, hatte die Explosion eines mit Sprengstoff beladenen Lastwagens die Außenmauer des deutschen Generalkonsulats in Masar-i-Scharif beinahe komplett zerstört und einen tiefen Krater in die Straße gerissen. Danach schafften es Angreifer auf das Gelände des Konsulats und ins Gebäude.

Es wurde geschossen, bis es dem Sicherheitspersonal des Konsulats nach Angaben der Bundesregierung gelang, den Angriff abzuwehren, gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften sowie deutschen, georgischen, belgischen und lettischen Sondereinsatzkräften der internationalen Afghanistan-Mission "Resolute Support". Doch nun, am frühen Freitagmorgen, kam es zum nächsten Vorfall.

Motiv: Deutschland ist seit 15 Jahren an Nato-Mission beteiligt

Diesmal fuhren nach Informationen aus dem Bundesverteidigungsministerium drei Motorradfahrer auf das Konsulat zu. Doch die zum Schutz des Gebäudes abgestellten deutschen Soldaten waren auf dem Posten. Auf Warnschüsse, abgegeben unter anderem mit Signalpistolen, sollen die Fahrer nicht reagiert, sondern sich weiter genähert haben. Daraufhin eröffneten die deutschen Soldaten das Feuer. Sie erschossen zwei Motorradfahrer, der dritte wurde verletzt in ein Krankenhaus gebracht.

Am Ende der Nacht waren nach Agenturberichten mindestens vier Tote und mehr als 120 Verletzte zu zählen. Angehörige des Generalkonsulats waren nicht darunter. Doch das Gebäude wurde schwer beschädigt. Ein Sprecher der Taliban begründete den Angriff auf das Konsulat damit, dass die Deutschen seit 15 Jahren Teil der Nato-Mission in Afghanistan seien und die "amerikanischen Eindringlinge mit Geheimdienstinformationen für Luftschläge unterstützen".

Deutsche Soldaten erschießen zwei mutmaßliche Angreifer, drei Jahre nach dem Abzug aus dem lange umkämpften Kundus, knapp zwei Jahre nach dem offiziellen Ende des internationalen Kampfeinsatzes in Afghanistan. Sie tun dies an einem Ort, Masar-i-Scharif, der bislang als vergleichsweise sicher galt. Was sagt das aus über die Sicherheitslage im Land, nach all den Jahren des Engagements? Und vor allem: Was heißt es für das künftige deutsche Engagement, wenn in Afghanistan gezielt eine nichtmilitärische deutsche Institution attackiert wird?

In Berlin vermieden es die Verantwortlichen am Tag danach zunächst, Antworten auf solch grundlegende Fragen zu geben. "Ich bin erleichtert, dass alle Angehörigen des Generalkonsulats, Deutsche und Afghanen, in Sicherheit und unverletzt geblieben sind", sagte stattdessen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), "aber wer die Bilder von den Zerstörungen gesehen hat, die der Sprengstoffanschlag ausgelöst hat, den kann die traurige Nachricht kaum überraschen, dass bei dem Angriff auch Menschen ums Leben gekommen sind und auch sehr viele verletzt wurden." Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gab sich vorsichtig: Die Lage sei "noch nicht vollständig geklärt".

Dolmetscher erzählt: "Unser Leben verschlechtert sich von Tag zu Tag"

Für Shams Mohammed ist die Lage im Gegensatz zur Ministerin in Berlin eindeutig - und sie verheißt nichts Gutes. "Unser Leben verschlechtert sich von Tag zu Tag", sagt der Bewohner von Masar-i-Scharif der Süddeutschen Zeitung am Freitag in einem Telefonat. Die Detonation der Bombe hat der 24-Jährige noch kilometerweit vom Anschlagsort entfernt gespürt, die Scheiben seines Apartments zitterten. Angst sei das alles beherrschende Lebensgefühl. "Wir wissen nicht, ob wir in einer Minute nicht schon tot sind", fasst der junge Mann, der in Masar-i-Scharif Betriebswissenschaften studiert und für die amerikanische Armee als Dolmetscher arbeitet, die Haltung vieler Menschen in Afghanistan zusammen.

Der Job für die von den Taliban verhassten Amerikaner ist für Shams Mohammed Segen und Fluch zugleich, und er ist auch der Grund dafür, dass er in einer westlichen Zeitung nicht mit seinem richtigen Namen zitiert werden möchte. Einerseits hofft er, dass die US-Botschaft bald seinem Ansinnen nachgibt und ihm ein Visum für die Vereinigten Staaten gewährt. Schließlich arbeitet er schon seit fünf Jahren für die Amerikaner und kann argumentieren, dass ihn der Job in Lebensgefahr bringt.

Shams Mohammed sehnt sich nach einem Leben in Sicherheit, er sehnt sich danach, Afghanistan verlassen zu dürfen. Dieser Job ist zwar gut bezahlt, aber er ist auch ein Fluch, solange er nicht ausreisen darf: "Natürlich wissen alle Leute in meiner Umgebung, für wen ich arbeite. Ich weiß, dass die Taliban darum bemüht sind, Leute wie mich zu fangen", sagt Shams Mohammed. Schließlich gelte er als Kollaborateur, den es aus Sicht der Taliban zu bestrafen gelte.

Berlin will Afghanen nicht im Stich lassen

Die Angst des Shams Mohammed, sie ist das Resultat einer sich verschlechternden Sicherheitslage in weiten Teilen des Landes. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden im ersten Halbjahr 2016 so viele Zivilisten Opfer des Konflikts wie nie zuvor seit Einführung der Statistik. Zwar kämpfen die afghanischen Sicherheitskräfte tapfer, aber sie können die Islamisten nicht so unter Druck setzen, dass diese Friedensgespräche mit der Regierung aufnehmen - auch wenn Präsident Aschraf Ghani mit aller Macht darum bemüht ist.

Der Staatschef sprach den Angehörigen der Opfer am Freitag sein Beileid aus und betonte, den Islamisten werde es auch durch Attacken wie auf das Konsulat nicht gelingen, "unsere freundlichen und historischen Beziehungen mit Deutschland zu schwächen". Berlin betont immer wieder, die Afghanen nicht im Stich zu lassen. Doch die Taliban breiten sich in den Provinzen weiter aus, und sie konzentrieren sich auf spektakuläre Anschläge wie in Masar-i-Scharif. Damit wollen sie den Preis für einen Deal mit der Regierung in Kabul in die Höhe treiben.

© SZ vom 12.11.2016/lkr
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