Anschlag in Manchester Sicherheitsbehörden hatten Attentäter auf dem Radar

Whalley Range: Eine Woche nach dem Anschlag ist die Polizei in Manchester im Dauereinsatz.

(Foto: dpa)
  • Im Zusammenhang mit dem Anschlag nach einem Konzert der US-Sängerin Ariana Grande in Manchester hat die Polizei 14 Menschen festgenommen.
  • Die Sicherheitsbehörden hatten den Attentäter offenbar auf dem Radar, stuften den Mann allerdings nicht als akut gefährlich ein.
  • Der Attentäter stammt aus einer Familie libyscher Einwanderer. Sein Vater und Bruder kehrten, wie viele Exil-Libyer aus Manchester, wieder in ihr Heimatland zurück. Dort werden sie festgehalten.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo, und Christian Zaschke, London

Die Ermittlungen zum Terroranschlag in Manchester laufen weiter auf Hochtouren. Am Sonntag und am Montag nahm die Polizei weitere Verdächtige fest, so dass jetzt 14 Menschen in Untersuchungshaft sitzen.

Tausend Beamte sind in zwei Schichten rund um die Uhr im Einsatz, um mögliche Komplizen des Selbstmordattentäters Salman Abedi zu finden, der sich in der vergangenen Woche nach einem Popkonzert in der Manchester Arena in die Luft sprengte und dabei 22 Menschen in den Tod riss sowie 116 meist schwer verletzte, unter ihnen viele Kinder und Jugendliche.

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Von 20 000 potenziell gewalttätigen Islamisten werden 3000 dauernd beobachtet

Gut eine Woche nach dem schrecklichen Anschlag steht nun die Frage im Raum, ob er zu verhindern gewesen wäre. Die Sicherheitsbehörden sind mindestens drei Mal gewarnt worden, dass Abedi, 22, extremistische Ansichten vertrete und Selbstmordanschläge prinzipiell gutheiße. Während er 2012/13 das Manchester College besuchte, haben sich unabhängig voneinander zwei Bekannte Abedis bei einer Anti-Terrorismus-Hotline gemeldet und über dessen Radikalisierung berichtet.

Die Sicherheitsbehörden hatten ihn durchaus auf dem Radar, allerdings stuften sie ihn nicht als akut gefährlich ein. Die Behörden gehen davon aus, dass sich 20 000 potenziell gewalttätige Islamisten in Großbritannien befinden. Davon werden 3000 permanent beobachtet. Zu dieser Gruppe gehörte Abedi nicht. Der Inlandsgeheimdienst MI5 teilte mit, er müsse Prioritäten setzen und sich auf die Verdächtigen konzentrieren, die er für die gefährlichsten halte.

Am Montag verkündete MI5, dass es eine Untersuchung darüber geben werde, wie der Dienst mit den Warnungen bezüglich Abedis umgegangen ist. Nach Informationen der Zeitung Guardian soll es sogar zwei Untersuchungen geben: eine, die bereits in der vergangenen Woche unmittelbar nach dem Anschlag angelaufen ist und klären soll, ob es konkrete Fehler im Fall Abedi gab, und eine weitere, die sich grundsätzlicher damit beschäftigt, wie MI5 mit solchen Warnungen umgeht.

Familienmitglieder des Attentäters werden in Tripolis festgehalten

Dass Abedi für die Sicherheitsbehörden kein Unbekannter war, geht auch daraus hervor, dass sie bereits eine Stunde nach dem Anschlag wussten, wer der Täter ist. Ungewöhnlich deutlich äußerte sich dazu Michael Clarke, ehemals Chef des renommierten Royal United Services Institute (Rusi), das sich mit Sicherheitsfragen beschäftigt. Er sagte, es deute viel darauf hin, dass der Anschlag hätte verhindert werden können.

Raffaello Pantucci, Direktor für internationale Sicherheit beim Rusi, sagte, es sei besser, dass die Behörden immerhin wussten, wer der Täter war - so hätten die Ermittlungen gleich in die richtige Richtung laufen können. Noch schlimmer wäre es gewesen, wenn der Täter völlig aus dem Nichts gekommen wäre. Innenministerin Amber Rudd warnte hingegen davor, bezüglich der Vermeidbarkeit der Tat zu "vorschnellen Schlüssen" zu kommen.

Abedi wurde in Manchester als Sohn libyscher Eltern geboren, weshalb ein Teil der Ermittlungen sich auf Libyen konzentriert. Dort sagte Ahmed bin Salem, ein Sprecher der Miliz "spezielle Abschreckungskräfte" (Rada), der Vater des Attentäters, Ramadan Abedi, sei ein Mitglied der militant-islamistischen Libysch-Islamischen Kampfgruppe (LIFG) gewesen, die in den Neunzigerjahren versucht hatte, den Diktator Muammar al-Gaddafi zu töten. Die Rada hält sowohl Abedis Vater als auch seinen jüngeren Bruder Haschim seit der vergangenen Woche auf einem Gelände am Flughafen Mitiga in Tripolis gefangen.

Exil-Libyer aus Großbritannien als "Manchester-Brigade" bekannt

Der Vater, Ramadan Abedi, musste Libyen 1991 wegen seiner islamistischen Ansichten verlassen und fand vorübergehend in Saudi-Arabien Zuflucht, bis er sich 1992 oder 1993 mit seiner Familie in Großbritannien niederließ. Wie andere Exil-Libyer mit ähnlichem Hintergrund kehrte er 2011 in sein Heimatland zurück, um gegen Gaddafi zu kämpfen. Seine drei Söhne, der Attentäter Salman, sein in Großbritannien festgenommener Bruder Ismail und der in Tripolis inhaftierte Haschim, begleiteten ihn zumindest zeitweise nach Tunesien und möglicherweise nach Libyen, wo er sich den Tripolis-Brigaden anschloss, die an der Eroberung der Hauptstadt durch Rebellen beteiligt waren. Von Haschim gibt es ein Foto, das der Vater im Internet veröffentlicht hat, auf dem er mit einer automatischen Waffe posiert. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war er vermutlich 15 Jahre alt.

Quellen in Tripolis berichten, die Zahl von Exil-Libyern speziell aus der Region Manchester unter den Rebellen sei so hoch gewesen, dass intern von der "Manchester-Brigade" die Rede gewesen sei. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 soll 2011 dafür gesorgt haben, dass diese Leute ungehindert nach Libyen reisen konnten. Möglich, dass auch dieses Thema bei der nun geplanten Untersuchung zur Sprache kommt.

Ein Schlaglicht auf die Stärke dschihadistischer Gruppen in Libyen wirft auch der Anschlag auf ägyptische Kopten vom vergangenen Freitag, bei dem mindestens 28 Menschen getötet wurden. Die Täter sollen laut ägyptischen Sicherheitsquellen mit Allradfahrzeugen durch die an Libyen grenzende Wüste gekommen sein. Ägypten bombardierte daraufhin Ziele in Libyen, bei denen es sich angeblich um Ausbildungslager der Terrormiliz Islamischer Staat handeln soll.

Die Sicherheitsbehörden in Manchester gehen davon aus, dass der Attentäter Teil eines Terrornetzwerkes war, dessen Wurzeln in Libyen liegen. Deshalb ist der Strang der Ermittlungen in Nordafrika ebenso bedeutsam wie der in Großbritannien. Die britische Innenministerin Amber Rudd warnte, trotz der zahlreichen Festnahmen könnten sich noch immer Mitglieder des Netzwerkes auf freiem Fuß befinden

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