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Anschlag in Frankreich:Die grauenvolle Nacht von Nizza

Ausgelassen flanieren die Menschen an der Promenade - doch die Feierlichkeiten enden in der Katastrophe. 84 Menschen werden getötet, mit einer Waffe, für die es keinen Waffenschein braucht.

Die einen tragen Luftmatratzen über die Promenade des Anglais. Die anderen tragen Schutzmasken und Handschuhe. Die Touristen in Nizza versuchen, das Urlaubsleben aufrechtzuerhalten. Die Polizisten, die Spuren des Todes zu sichern.

Ein Attentäter, mutmaßlich tunesischer Herkunft, ist am Donnerstagabend mit einem geliehenen Lkw auf der Flaniermeile von Nizza in eine Menschenmenge gerast. Er hat mindestens 84 Menschen getötet, darunter viele Kinder und mindestens drei Deutsche, wie mehrere Medien berichten. Es hätten leicht noch mehr Opfer sein können: Die Straße direkt am Strand war gut besucht - der 14. Juli ist Nationalfeiertag in Frankreich, er wird an der Cote d'Azur traditionell im Freien gefeiert.

Entsprechend groß ist der Schrecken, entsprechend groß ist die Trauer. Erst am Mittwochabend hatte der französische Präsident François Hollande verkündet, den seit den Anschlägen von Paris am 13. November 2015 bestehenden Ausnahmezustand nicht zu verlängern. Zuletzt war die Fußball-EM in Frankreich, begleitet von einem gewaltigen Sicherheitsapparat, ohne besondere Vorkommnisse zu Ende gegangen. Es schien Ruhe eingekehrt zu sein. Doch jetzt das.

Noch in der Nacht kündigte der Präsident an, den Ausnahmezustand um weitere drei Monate zu verlängern. Zudem rief er eine dreitägige Staatstrauer aus. Am Freitagmittag reiste er im Anschluss an ein Treffen des Verteidigungsrates in Paris nach Nizza. Er will sich selbst am Ort ein Bild davon machen, was Donnerstagnacht geschehen ist.

Das ist auch in Amateurvideos zu sehen. Sie zeigen, wie der weiße Lkw zunächst langsam auf die Promenade fährt. Sie war eigentlich für den Verkehr gesperrt. Nach einigen Metern beschleunigt der Fahrer und macht sein Transportmittel zur Waffe. Eine Waffe, für die der Täter keinen Waffenschein brauchte, auch keine illegalen Quellen oder eine Ausbildung in einem Terrorlager. Nur einen Führerschein und einen Mietvertrag, fertig. Auch das macht den Anschlag von Nizza so furchterregend.

Der Tag nach dem Anschlag: Manche Touristen versuchen, Urlaubsnormalität zu leben.

(Foto: AFP)

Der Lastwagen ist so schnell, dass den arglosen Opfern kaum eine Chance bleibt. "Ich war ungefähr hundert Meter entfernt und hatte nur wenige Sekunden, um auszuweichen", sagt der AFP-Journalist Robert Holloway, ein Augenzeuge. "Wir sahen, wie Leute getroffen wurden und wie Gegenstände umherflogen." Panik habe sich breit gemacht, "die Leute haben geschrien, es war das absolute Chaos".

Widersprüchliche Informationen

Der Lkw kommt erst nach knapp zwei Kilometern zum Stehen, Polizisten eröffnen das Feuer. Die Front ist zerstört, die Windschutzscheibe mit Einschusslöchern übersät. Bei dem Täter wird eine kleinkalibrige Waffe gefunden. Offenbar hatte sich der Fahrer mit den Polizisten noch einen Schusswechsel geliefert, bevor er getötet wurde.

Erkenntnisse über den Täter kommen nur langsam ans Licht, sie sind teilweise widersprüchlich. Die Ermittler hätten im Inneren des Fahrzeugs die Ausweispapiere eines Franko-Tunesiers gefunden. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP handelt es sich um einen 31-Jährigen mit Wohnsitz in Nizza. Reuters berichtet, sein Geburtsort liege in Tunesien. Die dpa berichtet allerdings, der Mann sei 1985 in Nizza geboren. Der Mann sei zwar offenbar polizeibekannt gewesen, die Geheimdienste hätten aber keine Meldungen über ihn gehabt - und er sei nicht als politisch radikalisiert bekannt gewesen.

AFP berichtet unter Berufung auf Nachbarn über eine Razzia in der Wohnung des Mannes, die in einem Viertel im Osten der südfranzösischen Küstenstadt liegen soll. Ob er allein handelte oder Komplizen hatte? Ob der sogenannte Islamische Staat, der sich (noch) nicht zu der Tat bekannt hat, verantwortlich war oder dem Täter als Inspiration diente? Man weiß noch nicht genug zu diesem Zeitpunkt, die Ermittlungen der Polizei dauern noch an.

Nizza stand für Urlaub, für Luxus, für Reichtum, auch wenn die Stadt diesem Ruf der nicht immer ganz gerecht wird. Jetzt steht Nizza in der Reihe jener Städte, die vom Terror getroffen wurden.

© SZ.de//gal

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