Süddeutsche Zeitung

Anschlag in Ankara:Erdoğan: "Wir werden den Terrorismus in die Knie zwingen"

  • Bei einem Autobomben-Anschlag im Stadtzentrum on Ankara starben am Sonntag mindestens 37 Menschen. Mindestens 120 weitere wurden teils schwer verletzt.
  • Es ist bereits das dritte Attentat mit zahlreichen Todesopfern, das die türkische Hauptstadt innerhalb weniger Monate trifft.
  • Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan kündigt ein hartes Vorgehen gegen den Terrorismus an.

Von Mike Szymanski, Istanbul

Wo liegt nur die Schmerzgrenze dieser Stadt? Hat sie überhaupt noch eine? Sonntagabend, 18.45 Uhr. Auch diese Millionenstadt hätte Ruhe verdient. Und dann knallt es schon wieder, am Kızılay-Platz. Eine Autobombe geht hoch. Die Detonation ist noch im Stadtviertel Çankaya zu hören. Dort steht der Premierspalast von Ahmet Davutoğlu. Es ist nicht lange her, da hatte er vom Balkon aus Kanzlerin Angela Merkel mit großer Geste seine Stadt gezeigt. Was man heute sieht, ist eine vom Terror gezeichnete Stadt.

Wieder steigt Rauch auf. Wieder heulen die Sirenen. Wieder melden die TV-Sender, dass die umliegenden Krankenhäuser voll sind, weil so viele Menschen verletzt sind. Gegen 20 Uhr meldet sich der Gouverneur zu Wort mit einer ersten Bilanz des Schreckens: 27 Tote, mindestens. Später ist von 37 Toten die Rede, von mindestens 120 Verletzten. Das Fernsehen meldet diesmal, dass die Krankenhäuser keine Blutspender bräuchten. Haben sie sich bevorratet, nach diesen grausamen Monaten? Es ist schon der dritte Anschlag in einem halben Jahr, der die türkische Hauptstadt erschüttert.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan kündigt ein hartes Vorgehen an. Er werde den "Terrorismus in die Knie zwingen", die Türkei werde ihr Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen. Auch das kennt man schon.

Im Oktober kamen am Hauptbahnhof mehr als 100 Teilnehmer eines Friedensmarsches ums Leben. Zwei Selbstmordattentäter hatten sich in die Luft gejagt, Männer der Terrormiliz Islamischer Staat. Dessen Todbringer haben längst ihre Finger nach der Türkei ausgestreckt.

Im Februar starben 29 Menschen bei einem Anschlag

Die Türkei hat aber nicht nur diesen Feind. Seit Sommer vergangenen Jahres tobt auch wieder der Krieg gegen die Terroristen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK im Südosten des Landes. Im Dezember hatte das Militär eine Großoffensive gestartet und eine Kurdenhochburg nach der anderen in den Würgegriff genommen. Wochenlange Gefechte und Ausgehsperren haben die Menschen dort mürbe gemacht. Als Vergeltung dafür trägt eine Splittergruppe der PKK, die sogenannten Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), den Terror in die Metropolen im Westen des Landes.

Es war Februar, als wieder in Ankara Blut floss. Ein Kommando der Freiheitsfalken steuerte ein mit Sprengstoff beladenes Auto in eine Militärkolonne, die an einer roten Ampel gestoppt hatte. Damals bebten die Scheiben im nicht weit entfernten Parlament. 29 Menschen - zumeist Soldaten - waren ums Leben gekommen.

Wenige Stunden nach der Tat am Sonntag heißt es, es gibt Parallelen zum Anschlag, für den die Gruppe TAK die Verantwortung übernommen hat; es gibt Vermutungen, dass nun erneut kurdische Extremisten dahinter stecken. Wieder soll es sich um eine Autobombe gehandelt haben. Sie ging im Abendverkehr hoch. Der Kızılay-Platz ist fast rund um die Uhr belebt. Der Güven-Park grenzt an. Für Ankara hat dieser Platz eine so zentrale Bedeutung wie der Taksim für Istanbul.

Der Terror hat die Türkei längst verändert

Die Bombe ging genau dort hoch, wo die Menschen auf den Bus warten. Wer hier einen Sprengsatz zündet, will großen Kummer über das Land bringen. Augenzeugen berichteten von fünf bis sechs Fahrzeugen, die in Brand stünden. Die Regierung verhängte umgehend eine Nachrichtensperre - das ist gängige Praxis nach Anschlägen geworden. Staatspräsident Erdoğan lässt sich von seinen Sicherheitsleuten unterrichten. Premierminister Ahmet Davutoğlu berät sich mit seinen Ministern.

Im Fernsehen spricht jetzt Erdinç Yazıcı, Dozent der Gazi-Universität, zu den Zuschauern. "Das ist ein Anschlag, der direkt in das Herz der Landes zielt", sagt er. Mal wieder, denkt man sich.

In Europa schaut man mit Sorgen in die Türkei

Immer hat sich danach die Spirale der Gewalt ein Stück weit schneller gedreht. Der Terror hat das Land längst verändert. Am 12. Januar hatte sich in Istanbul, direkt vor der Sultanahmet-Moschee, ein Selbstmordattentäter inmitten einer Gruppe deutscher Touristen in die Luft gejagt. Zwölf Urlauber kamen ums Leben. Dafür sollen wieder die Islamisten vom IS verantwortlich sein.

Man verliert schon den Überblick darüber, wer wann wo in der Türkei tötet. Viele Touristen wollen schon nicht mehr kommen. Wirtschaftlich steht das Land vor einem schwierigen Jahr, wenn der Tourismus einbricht. Auch dieser Anschlag wird nicht ohne Folgen bleiben.

Mit Sorgen schaut man auch aus Brüssel auf dieses Land. In der Flüchtlingskrise soll es eine Schlüsselrolle einnehmen. Es will sich als verlässlicher Partner zeigen, der Europa die Verzweifelten aus Syrien abnimmt. Aber wie soll das gehen, wenn sich die Türken bald selbst in ihrem Land nicht mehr sicher fühlen können. Nach dem letzten Anschlag in Ankara hatte Davutoğlu seine Teilnahme am Gipfel in Brüssel abgesagt. Der Terroranschlag hatte den ganzen Zeitplan durcheinandergebracht. Ende der Woche steht wieder ein Krisengipfel an. Welche Folgen hat dieser Anschlag?

Am Kızılay-Platz in Ankara liegen die Glasscherben 700 Meter von der Explosionsstelle entfernt. Ausgebrannte Autos, Blaulicht. Die Polizei riegelte den Platz ab und warnte vor einer möglichen zweiten Bombe. Der Terror ist mitten in der Stadt. Und die Angst ist wieder da.

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SZ vom 14.03.2016/mahu
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