Anschlag in Barcelona Der Terror kann Spanien nichts anhaben

Nach dem Attentat von Barcelona wird sich die offene Haltung gegenüber Muslimen im Land kaum ändern. Doch die Politik hat einen entscheidenden Fehler gemacht.

Kommentar von Thomas Urban

Wird sich Spanien durch den Terroranschlag von Barcelona verändern? Wenig spricht dafür. Denn das Land und seine Menschen sind nicht zum ersten Mal von terroristischer Gewalt betroffen. Schon vor dreizehn Jahren, als Islamisten vier Pendlerzüge in Sichtweite des Madrider Bahnhofs Atocha in die Luft sprengten und 191 Menschen in den Tod rissen, verfiel Spanien nicht in Hysterie. Auch heute sind kaum Stimmen vernehmbar, die nach Vergeltung und Repression rufen.

Wahrscheinlich wird die Politik an der bisherigen Doppelstrategie festhalten: Einerseits werden islamistische Gefährder scharf überwacht, es wird weiterhin vorbeugende Inhaftierungen geben; ebenso wird der Nachzug von Migranten aus dem Maghreb sowie den Ländern südlich der Sahara sehr begrenzt bleiben. Andererseits werden verstärkt Angebote für den gesellschaftlichen Aufstieg der bereits im Lande lebenden Muslime gemacht.

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In den dreizehn Jahren seit dem Bombenterror von Atocha hat es nie Attacken auf Moscheen oder islamische Kulturzentren gegeben. Das hängt auch damit zusammen, dass führende Muslime im Lande eine kluge Politik machen: Sie betonen, dass sie loyal zu Spanien stünden und die Vorzüge eines demokratischen Rechtsstaats zu schätzen wüssten. Statt auf Abschottung setzen sie auf kulturellen Dialog und stoßen so bei der spanischen Elite auf offene Türen.

Gerade unter den Intellektuellen gibt es seit geraumer Zeit eine Auseinandersetzung mit Spaniens maurischem Erbe, ausgehend von Andalusien mit den Metropolen Córdoba, Granada und Sevilla, in denen einst Muslime, Christen und Juden friedlich miteinander lebten. Immer mehr verblasst das früher verbindliche nationalkatholische Geschichtsbild, dem zugrunde lag, dass die christlichen Ritter in der Reconquista, der Zurückeroberung, die Mauren als Vertreter einer minderwertigen Kultur zu Recht und mit Gottes Segen vertrieben hätten. Kein Schulbuch, kein Dokumentarfilm, kein Politiker stellt heute noch infrage, dass die Mauren eine Hochkultur erschufen.

Nur ein Bruchteil der knapp zwei Millionen Muslime im Lande sieht sich als Dschihadisten. Bei ihnen spielt in Wirklichkeit weniger die Religion die entscheidende Rolle als vielmehr ein Bündel eher sozialer Gründe: Fast alle Extremisten sind Bildungsverlierer ohne Berufsperspektiven, junge Männer, denen es wegen ihres schwachen sozialen Status an gesellschaftlicher Akzeptanz fehlt, die auch bei der Partnerwahl schlechte Karten haben. Die schwere Wirtschaftskrise, die vor fast einem Jahrzehnt mit dem Platzen der Immobilienblase einsetzte, hat die ohnehin minimalen Aufstiegschancen weiter verschlechtert. Früher oder später könnte es zu weiteren Gewaltakten junger Männer kommen, die ihre Frustrationen mit einem missgeleiteten Verständnis eines "Gotteskrieges" kompensieren wollen.

Spanien hat beim Stellenwert der Religion einen Kardinalfehler begangen

Die spanische Politik hat beim Aufbau der demokratischen Ordnung allerdings denselben Kardinalfehler begangen wie die französischen Nachbarn, die Laizismus als einen der Pfeiler ihrer Republik verstehen. Sie hat unterschätzt, welch hohes Maß an Orientierung die Religion den muslimischen Einwanderern aus dem Maghreb und ihren Nachkommen bietet. Für den Staat blieb dieses Feld stets eine Leerstelle, an spanischen Schulen gibt es keinen islamischen Religionsunterricht. Radikale Imame nutzen dieses Vakuum. Einer von ihnen wurde offenbar zur Autorität für die Attentäter von Barcelona.

Einen anderen Kardinalfehler der Franzosen hat man in Spanien nicht wiederholt. Im Gegensatz zu Paris hat Madrid schnell auf eine restriktive Einwanderungspolitik gesetzt. Unter den großen Parteien gibt es keinen Dissens über die Abschottung von Ceuta und Melilla, den beiden spanischen Enklaven in Nordafrika. Nur bei der linksalternativen Partei Podemos sieht man dies anders.

Offen wird ausgesprochen, dass die allermeisten Migranten aus Afrika in keiner Weise die Kriterien erfüllen, um als politische Flüchtlinge Asyl zu bekommen. In einem Bericht der Caritas, die sich sehr um jugendliche Einwanderer kümmert, wird sogar darauf hingewiesen, dass diese mehr Chancen hätten, ihr Lebensglück zu finden, wenn sie in den Heimatländern blieben, anstatt in Europa ein Leben am Rande der Gesellschaft zu fristen - eine Beobachtung, die auch in der bundesdeutschen Debatte weitgehend unberücksichtigt bleibt. Ähnlich ist dies auch mit einem anderen, auf den ersten Blick paradoxen Aspekt: Auch die islamischen Verbände in Spanien vertreten die Ansicht, der Zustrom von Glaubensbrüdern aus Nordafrika müsse strikt begrenzt bleiben - um die demokratische Gesellschaft nicht aus dem Lot zu bringen.

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