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Prozessauftakt:Attentäter von Halle offenbart sein rechtsextremes Weltbild

Zu Beginn des Prozesses um den Anschlag in Halle schildert der geständige Angeklagte, warum er zwei Menschen erschoss, die eigentlich nicht sein Ziel waren - und warum er meint, sich "global lächerlich gemacht" zu haben.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger, Magdeburg

Der Angeklagte geht sofort in Abwehrhaltung. Er habe kein Interesse daran, die Richterin zu überzeugen. Er habe kein Interesse daran, über seine Kindheit zu reden. Er will auch nicht über seine Familie sprechen. Offensichtlich hat er nur an einem Interesse: über "die Eroberer" zu reden, die angeblich Europa überrennen.

Und über jene, die die Flüchtlingsströme der Welt seiner Meinung nach direkt nach Deutschland lenken: die Juden - so sagt es der Angeklagte Stephan B. aus dem Dorf Benndorf in Sachsen-Anhalt, der am 9. Oktober 2019 versucht hat, einen Anschlag auf die Synagoge von Halle zu begehen.

Er hat kein Interesse, aber er redet. Über Stunden. Abgehackt, überzeugt von sich selbst, gefangen in einer eigenen Welt. Der Welt, in der er als weißer Mann für die weiße deutsche Heimat kämpft, gegen Muslime, gegen alle Menschen anderer Hautfarbe und gegen Frauen, die wegen der Emanzipation nicht genug Kinder bekommen. Eine davon hat er erschossen. "Es tut mir sehr leid, dass ich sie erschossen hab", sagt er, eine "Kurzschlussreaktion" sei das gewesen. Und einen jungen Mann hat er getötet, den hatte er für einen "Nahöstler" gehalten.

Es war ein Maler aus Halle. Mit dem Attentat auf die Synagoge habe er zeigen wollen, dass Attentäter in aller Welt nicht allein sind, sagt er. Deswegen hat er die Tat im Internet gestreamt. Er wollte Nachahmer finden, kam aber nicht rein in die Synagoge. "Ich habe mich global lächerlich gemacht", sagt er an diesem ersten Tag vor dem Oberlandesgericht Naumburg, das in Magdeburg tagt.

Dann gesteht er all das, was ihm die Bundesanwaltschaft vorwirft. Die hält dem ehemaligen Chemiestudenten vor, zwei Menschen erschossen und versucht zu haben, die 52 Menschen in der Synagoge zu töten.

Mehrere Menschen überlebten nur, weil die Waffe klemmte

Zudem hat er auf mehrere Menschen angelegt und abgedrückt. Nur weil die Waffen klemmten, überlebten sie: ein Autofahrer, der vor der Synagoge hielt und die tote Frau liegen sah. "Ich hielt ihn für einen Juden", sagt Stephan B.. Eine Frau, die das Geschehen sah - für ihn war sie eine Feindin. Er drückte ab. Die Waffe klemmte. Drei Passanten vor einem Dönerladen, auf die er zielte. Die Waffe ging nicht los.

Dann die Menschen im Dönerladen, zu dem er fuhr, als er nicht in die Synagoge kam: Sie entkamen durch die Hintertür, einer versteckte sich auf der Toilette, einen erschoss Stephan B.. Als er dann floh, versuchte er, ein Auto in seine Gewalt zu bringen. Als ihm der Besitzer den Schlüssel verweigerte, schoss er ihn in den Hals und seine Lebensgefährtin in die Hüfte. Insgesamt wertet die Bundesanwaltschaft das als neunfachen versuchten Mord an 68 Personen.

"Juden seien die Wurzel der von ihm erkannten Probleme", sagt Bundesanwalt Kai Lohse über den Angeklagten. "Er bezeichnete Juden als Ratten, die er aus der Synagoge herauslocken wollte." Um sie zu töten.

Von Unsicherheit keine Spur beim Angeklagten

Es ist einer der international meist beachteten Prozesse in Deutschland. Juden und Jüdinnen aus Berlin, Paris, aus Halle und New York sind im Saal. Sie wissen: Es hätte ein Massaker werden können, hätte nicht die Tür gehalten, auf die der Attentäter schoss. Nun sehen sie ihn zum ersten Mal mit eigenen Augen: ein kleiner, 1,70 Meter großer Mann, drahtig, mit ausgeprägten Geheimratsecken, das Haar Millimeter kurz geschoren.

Vier vermummte Justizbeamte in Kampfmontur bringen ihn in den Saal. Den Mann, der der Justiz an Pfingsten fast entwischt wäre. Da hatte man ihn in der JVA fast zehn Minuten allein im Hof gelassen - er nutzte das, um über einen Zaun zu klettern und durch offene Türen zu gehen. Nun sind die Sicherheitsvorkehrungen umso höher: Alle werden durchsucht, die Anwälte, die Nebenkläger, die Besucher. Das führt zu einer Verzögerung von zwei Stunden.

Als es kurz vor 12 Uhr losgeht, sieht Stephan B. aufmerksam in den Saal, unverwandt blickt er die Nebenkläger an. Von Unsicherheit keine Spur. Dann legt er los. "Im Jahr 2015 habe ich mich entschieden, nichts mehr für diese Gesellschaft zu tun, die mit Muslimen und Negern durchsetzt ist", sagt der Mann, der zwei Studiengänge nach kurzer Zeit abgebrochen hatte und auf Kosten seiner Mutter lebte.

Die Richterin bremst - und stellt Fragen

Richterin Ursula Mertens, 57, bremst ihn sofort. "Ich will hier keine Beschimpfungen hören. Ich habe die Möglichkeit, Sie aus der Verhandlung auszuschließen. Ich dulde nicht, dass Sie Menschen beleidigen." Sie wird ihn den ganzen Tag immer wieder ermahnen. Vor allem aber stellt sie Fragen.

Fragen, auf die der Mann vor ihr recht aggressiv reagiert. Gerade hat er erzählt, dass immer mehr Ausländer nach Deutschland kämen und dann Menschen wie er keine Chance mehr hätten. Die Richterin fragt: "Ich verstehe nicht, in wieweit Menschen aus anderen Ländern Sie in Benndorf beeinträchtigen? Wie viele Einwohner hat Benndorf?" 7000, antwortet der Angeklagte. "Und wie viele Flüchtlinge sind nach Benndorf gekommen?", fragt die Richterin. Stephan B. fährt sie an: "Woher soll ich das wissen? Ich mache keine Statistiken." Nur eines ist ihm wichtig, und das schleudert er der Richterin entgegen: "Es sind Eroberer aus dem muslimischen Kulturkreis."

Das Gericht will am Mittwoch das Tätervideo zeigen, das Stephan B. von seinen Taten gemacht hat. Die meisten der Nebenkläger wollen dann den Saal verlassen.

© SZ vom 22.07.2020/gal
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