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Anschlag am tunesischen Strand:Auswärtiges Amt befürchtet deutsche Todesopfer

The body of a tourist shot dead by a gunman lies near a beachside hotel in Sousse, Tunisia

Szene des Terroranschlags bei Sousse, Tunesien: Für die Terrorattacke auf die Ferienanlage war nach Angaben des Innenministeriums ein Einzeltäter verantwortlich

(Foto: REUTERS)
  • Bei einem Angriff auf eine Hotelanlage sind in Tunesien mindestens 37 Menschen getötet worden.
  • Unter den Opfern sind offiziellen Angaben zufolge Deutsche, Briten und Belgier.
  • Das tunesische Innenministerium geht von einem Täter aus, der sich als Tourist tarnte und am Strand um sich schoss.

Terror am Strand

Die Urlauber, die am Freitagmittag auf weißen Plastiklegen unter Sonnenschirmen nahe des Imperial Marhaba Hotels am Strand von Sousse liegen, haben die Gefahr nicht kommen sehen. Die Stimmung ist so friedlich, dass Gary Pine, als er in etwa 100 Metern Entfernung die ersten Schüsse hört, zunächst glaubt, Urlauber hätten Feuerwerkskörper gezündet.

Dann bricht Panik aus. Dutzende von Urlaubern rennen vom Strand ins Hotel. "Mein 22 Jahre alter Sohn war noch im Wasser, meine Frau und ich riefen ihm zu, er solle schnell das Meer verlassen und mit uns ins Hotelgebäude kommen", erzählt der 47-jährige Brite später der Deutschen Presse-Agentur. "Als mein Sohn schließlich bei uns war, sagte er, er habe gerade mitangesehen, wie ein Mensch auf dem Strand erschossen wurde."

Angeifer versteckte Sturmgewehr im Sonnenschirm

Der britische Guardian zitiert einen Hotelangestellten, der den Angriff beobachtet hat. "Der Angreifer eröffnete das Feuer auf Touristen und Tunesier mit einer Kalaschnikow am Strand des Hotels. Es war ein junger Typ, der kurze Hosen trug, als wäre er selber ein Tourist."

Die Waffe, so berichten es Augenzeugen, soll der Mann plötzlich aus einem zusammengefalteten Sonnenschirm gezogen haben. Einige erzählen auch, dass sie zwei Attentäter gesehen haben. Später teilte das Innenministerium in Tunis mit, dass für die Terrorattacke ein Einzeltäter verantwortlich sei. Der Angreifer sei in einem Feuergefecht mit Sicherheitskräften getötet worden.

Sousse, 115 Kilometer südlich von Tunesiens Hauptstadt Tunis.

(Foto: Google-Maps)

Auch Stunden nach dem Attentat liegen die Leichen der Getöteten noch immer am Strand - von Handtüchern bedeckt. Im Laufe des Tages korrigieren die Behörden die Zahl der Opfer immer weiter nach oben. Von 37 Toten wird am Abend berichtet, sowohl der britische Guardian als auch ein lokaler Radiosender berufen sich dabei auf das tunesische Gesundheitsministerium. 36 Menschen sollen demnach verletzt worden sein.

Noch keine Bestätigung zu deutschen Opfern

Ob auch deutsche Urlauber unter den Opfern sind, ist unklar. Vom Gesundheitsministerium in Tunis heißt es, unter den Toten seien Briten, Belgier, Deutsche und Tunesier. Auch Salwa al-Kadri, eine Reiseführerin, die sich nach der Tat in dem Hotel aufhielt, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Telefon, dass mehrere Deutsche getötet worden seien.

Das Auswärtige Amt in Berlin will diese Angaben nicht bestätigen. Man befürchte deutsche Opfer, heißt es lediglich. Die deutsche Botschaft rät allen Staatsbürgern, die Umgebung des von tunesischen Sicherheitskräften abgeriegelten Tatorts zu meiden. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte in Berlin: "Das ganze Ausmaß der Tat steht noch nicht fest" Nach Angaben des Ministeriums bemüht sich die deutsche Botschaft in Tunis "mit Hochdruck" um Aufklärung. Ein Team sei unterwegs zum Anschlagsort.

Tui bietet Urlaubern kostenlose Stornierung

Auch der Reiseveranstalter Tui hat noch keine Erkenntnisse, ob deutsche Urlauber betroffen sind. Allerdings müsse man davon ausgehen. Der Konzern, der nach eigenen Angaben 260 Gäste am Ort des Anschlags untergebracht, hat allen Tunesien-Urlaubern den kostenlosen Rücktritt von Reisen angeboten. Alle Kunden, die in der aktuellen Sommersaison eine Tunesienreise gebucht haben, könnten bis einschließlich 15. September gebührenfrei umbuchen oder stornieren, teilte das Unternehmen mit. Für Urlauber vor Ort, die ihre Reise vorzeitig beenden wollten, organisiere man vorzeitige Abreisen. Derzeit befänden sich insgesamt etwa 3800 deutsche Tui-Gäste in Tunesien. Auch andere Veranstalter bieten ihren Kunden einen kostenlosen Rücktritt von ihren Tunesien-Reisen an.

Sousse - Ziel für Millionen Touristen

Die 170 000-Einwohner-Stadt Sousse ist eine Hochburg der tunesischen Tourismusindustrie. Die drittgrößte Stadt des Landes verfügt über eine schöne Altstadt und Hunderte Hotels, die bislang Jahr für Jahr Millionen von Touristen anziehen. Manche Hotels stehen dort allerdings auch schon seit Jahren leer. Das Imperial Marhaba Hotel - nach tunesischer Wertung ein 4,5-Sterne-Haus - ist besonders bei Pauschaltouristen beliebt. Es liegt direkt am Meer, verfügt über diverse Swimmingpools und bietet großen Luxus. Sousse und der fünf Kilometer entfernte Badeort El-Kantaoui liegen etwa 150 Kilometer südlich der Hauptstadt Tunis.

Tunesiens Touristenhotels sind üblicherweise stark von privaten Sicherheitsdiensten bewacht. Jeder, der unbekannt ist und sich auf dem Gelände bewegt, wird befragt, ob er ein Hotelgast ist. Laut einem SZ-Mitarbeiter, der kürzlich vor Ort war, kann man hier fast von einer "gated community" sprechen, da sogar die Zufahrtswege stark bewacht werden. In dem künstlich angelegten Ort El-Kantaoui, der als Vorzeigeprojekt des Tourismus in Tunesien gilt, wohnen fast ausschließlich Urlauber. Das Imperial Marhaba liegt etwas nördlich der Marina (dem eigentlichen Touristenzentrum). In der Marina, die einem spanischen Pueblo blanco nachempfunden wurde, gibt es einige Restaurants und sogar einen kleinen Freizeitpark, der aber fast ausschließlich von Tunesiern genutzt wird.

Riu Hotels & Resorts ist eigentlich eine spanische Hotelkette mit mehr als 100 Hotels und 17 000 Beschäftigten bestehende Kette mit einer Milliarde Euro Umsatz. Seit 1976 hält der Reisekonzern Tui die Hälfte der Anteile an Riu. Somit wird das Hotel Imperial Marhaba auch von dem deutschen Touristikkonzern Tui betrieben.

Erinnerungen an den Anschlag auf das Bardo-Museum

Tunesien ist das einzige Land Nordafrikas, in dem nach dem arabischen Frühling 2011 ein friedlicher Übergang zur Demokratie gelungen ist. Das Land gilt zudem als der am weitesten säkularisierte Staat in der von religiösen Konflikten bestimmten Region.

Mitte März hatten zwei Bewaffnete in Tunis das berühmte Bardo-Nationalmuseum angegriffen und dabei 21 Touristen und einen Polizisten getötet. Genau wie damals zielen die Extremisten auch jetzt auf den Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle des Landes.

Zumindest kurzfristig dürfte ihnen das gelungen sein, wie Reiseführerin Salwa al-Kadri bestätigt. "Die meisten ausländischen Überlebenden haben es vorgezogen abzureisen, wir koordinieren das mit ihren Reisebüros. Sie kamen als Touristen, aber sie haben den Tod mit eigenen Augen gesehen."

© SZ.de/dpa/AFP/Reuters/mcs/lala/olkl/dd

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