Nordrhein-Westfalen:Ermittler folgen nach Anschlägen auf Synagogen einer Iran-Spur

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Nordrhein-Westfalen: Nach Schüssen auf das Rabbinerhaus in Essen hat die Polizei ihre Präsenz vor jüdischen Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen erhöht - wie hier vor der Synagoge in Hagen.

Nach Schüssen auf das Rabbinerhaus in Essen hat die Polizei ihre Präsenz vor jüdischen Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen erhöht - wie hier vor der Synagoge in Hagen.

(Foto: Alex Talash/DPA)

Hinter Vorfällen in Dortmund, Bochum und Essen könnte das Regime in Teheran stecken - und ein Rocker, der einst einen angeblichen Verräter zerstückelt haben soll.

Von Christoph Koopmann und Christian Wernicke, Düsseldorf

Es klingt nach Stoff, der selbst den Autoren von Crime-Serien auf Netflix womöglich zu unglaubwürdig erscheinen würde: Ein Rockerboss, der einen vermeintlichen Verräter ermordet und zerstückelt haben soll, noch dazu angeblich Verbindungen ins Clanmilieu hat, organisiert für das iranische Regime Anschläge auf Synagogen in Deutschland. Doch genau dieser Spur gehen Ermittler hierzulande gerade nach.

Vorige Woche hatte die Zentralstelle Terrorismusverfolgung in Düsseldorf bestätigt, dass gegen einen 35-jährigen Deutsch-Iraner ermittelt werde, weil er versucht haben soll, einen anderen Mann zu einem Brandanschlag auf die Synagoge in Dortmund anzustiften. Er habe ihm auch angeboten, nach dem Anschlag Zuflucht in Iran zu finden. Es gebe außerdem Indizien, dass der 35-Jährige einen Molotowcocktail auf eine Schule in Bochum geworfen hat, die direkt neben der örtlichen Synagoge liegt.

Am 18. November wurde der Mann festgenommen - derjenige, den er mutmaßlich anzustiften versuchte, hatte sich der Polizei offenbart. Unklar ist noch, ob der Festgenommene etwas mit vier Schüssen auf die Tür der Rabbinerwohnung neben der alten Synagoge in Essen zu tun hat, die in der Nacht vor der Festnahme fielen.

Die Spuren nach Iran

Bereits vergangene Woche hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nach Informationen der Süddeutschen Zeitung unter Ausschluss der Öffentlichkeit dem Innenausschuss des Landtags berichtet, dass "staatliche Einflussnahme" aus dem Ausland nicht auszuschließen sei. Jetzt führen die Spuren nach Iran, in das Land, das seit Wochen von heftigen Protesten gegen die strengen religiösen Vorschriften des Mullah-Regimes erschüttert wird - und von der heftigen Reaktion der Staatsmacht.

Dabei geht es um Ramin Y., Gründer des Mönchengladbacher Ablegers der "Hells Angels". Y. wird per Haftbefehl gesucht - er soll im Januar 2014 einen Clubkameraden, den er für einen Spitzel hielt, erschossen haben. Die Leiche soll er mit einem Komplizen zerteilt und in den Rhein geworfen haben. Noch Monate später wurden Leichenteile in Duisburg angeschwemmt. Die Bild-Zeitung taufte Y. den "Zerstückler".

Doch er ist für die Fahnder nicht zu greifen - Y. hält sich in Iran auf, "im Urlaub", wie er im vergangenen Jahr in einem Statement auf Social Media erklärte. Dieser "Urlaub" währt nun schon ziemlich lange. Auf Instagram postet Ramin Y., der dort mit seinem vollständigen Namen auftritt, inklusive blauem Häkchen für ein "verifiziertes" Profil, Eindrücke aus seinem Leben: auf der Couch, vor der Moschee, in den Bergen. Und: teure Autos.

Der Kontaktmann des Mullah-Regimes

Nun haben die deutschen Behörden Erkenntnisse gewonnen, dass Y. dort eben nicht nur im Urlaub weilt. Offenbar steht er in Diensten des iranischen Regimes. Nach SZ-Informationen soll er Kontakt zu dem Mann gehabt haben, der wegen des gescheiterten Anschlagsplans in Dortmund inzwischen in Untersuchungshaft sitzt. Das berichteten Bild und das ARD-Magazin "Kontraste". Y. soll eine Art Kontaktmann für das iranische Mullah-Regime in Deutschland sein. Den Berichten zufolge wird darum der Generalbundesanwalt die Ermittlungen übernehmen.

Deutsche Sicherheitsbehörden beobachten seit Längerem, dass Iran Verbindungen ins Ausland aufbaut, auch in die Bundesrepublik. Kontaktleute würden aus der Botschaft in Berlin oder den Generalkonsulaten instruiert. Und jüngst erst hat der Bundestag die Bundesregierung aufgefordert, ein Verbot des "Islamischen Zentrums Hamburg" zu prüfen, eines Moscheevereins, der nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes direkt von Teheran gesteuert wird.

Aus Sicherheitskreisen heißt es, dass gerade jetzt, da in Iran die Protestwelle hochschlägt und auch in Deutschland Demonstrationen gegen das Regime stattfinden, die Einflussversuche Irans auf Oppositionelle und Regimegegner in Deutschland zunehmen. Menschen werden offenbar bedroht und eingeschüchtert.

Auch Anschläge im Auftrag Irans auf symbolträchtige Einrichtungen, gerade jüdische oder mit Israel assoziierte, nehmen Sicherheitsbehörden schon seit geraumer Zeit als reale Gefahr wahr. Dass dafür das iranische Regime Mittelsmänner organisiert und Dritte beauftragt, wie mutmaßlich im Fall des verhafteten 35-Jährigen in Dortmund, gilt in Geheimdienstkreisen als eingeübte Praxis.

Doch der Anwalt des Beschuldigten kennt die Vorwürfe bisher nur aus der Zeitung: "Die Presse weiß im Moment mehr als der Verteidiger," sagte Jörg Tigges der Süddeutschen Zeitung am Freitag: "Ich habe nix!" Auch die Hinweise auf eine mutmaßliche Iran-Connection seines Mandaten kenne er nur aus den Medien. Dazu sagt Anwalt Tigges nur: "Ich habe da keinerlei Hinweise auf irgendwelche Verbindungen."

Ein Sprecher Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf wollte zu dieser neuen Dimension keine Angaben machen. Er bestätigte Probleme bei der Zustellung der bisherigen Ermittlungsergebnisse an den Dortmunder Anwalt, versicherte aber, man werde dem Verteidiger des verhafteten Verdächtigten "Akteneinsicht gemäß der gesetzlichen Bestimmungen gewähren".

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