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Anschläge in Moskauer U-Bahn:Islamisten und Separatisten

Ebenfalls zurück im Fokus ist damit das Phänomen der "schwarzen Witwen". In der Vergangenheit hatten wiederholt weibliche Angehörige getöteter Rebellen aus dem Nordkaukasus Anschläge verübt, zum Beispiel 2004. Bei dem schweren Attentat - ebenfalls in der Moskauer U-Bahn - sprengte sich eine Selbstmordattentäterin in die Luft und riss 41 Menschen mit sich in den Tod. Sie konnte im Nachhinein als Untergrundkämpferin aus dem Kaukasus identifiziert werden.

Vor allem islamistische Gruppen rekrutieren Frauen als Täterinnen. "Der Krieg im Kaukasus wird mit großer Grausamkeit geführt", sagt Russland-Experte Schröder. "Familien werden ausgelöscht, russische Sicherheitskräfte foltern und morden. Der Hass ist groß." Diesen Hass machen sich die Islamisten zunutze.

Doch nicht alle Rebellen aus dem Nordkaukasus sind religiöse Fanatiker. Auch hier betont Schröder, dass die Gemengelage äußert kompliziert sei. Zum einen gibt es den Konflikt der Regionen mit Zentralrussland, da die Teilrepubliken (mehr) Unabhängigkeit von Moskau anstreben. Zum anderen gibt es terroristische Gruppen, die ein islamisches Emirat im Kaukasus wollen. "Nicht alle Separatisten sind jedoch Islamisten und umgekehrt", sagt Schröder.

Hinzu kommen Streitereien zwischen den mächtigen Klans der Region und organisierte Kriminalität, vor allem Drogenhandel. Alle diese Konfliktlinien vermischen und überlappen sich. Auch der Inlandsgeheimdienst FSB kämpft in der Region gegen die Untergrundkämpfer. Präsident Medwedjew will angesichts der Anschläge die "Jagd auf die Banditen" nun verstärken.

Eine der beiden Attentäterinnen hatte eine Bombe an der U-Bahn-Haltestelle Lubjanka gezündet, wo auch die Geheimdienstzentrale liegt. Dass der FSB deswegen das Ziel war, glaube SWP-Experte Schröder jedoch nicht. "Das Gebäude ist hundert Meter von der U-Bahn-Station entfernt", sagt er. Die Zündung an diesem Ort könne höchstens symbolisch gegen den Geheimdienst gerichtet gewesen sein.

Die Moskauer U-Bahn war schon häufig Ziel von Terroranschlägen. Sie ist die Achillesferse im Sicherheitskonzept Moskaus. Bis zu neun Millionen Menschen nutzen das Nahverkehrsmittel jeden Tag, hier absolute Sicherheit zu garantieren, ist utopisch. Doch wer es schafft, die U-Bahn lahmzulegen, legt ganz Moskau lahm.

Inzwischen haben Sicherheitskräfte eine weitere scharfe Sprengladung in einer der betroffenen U-Bahn-Stationen entdeckt. Nach Angaben von Ermittlern ist an der Haltestelle Park Kultury ein nicht detonierter Sprengstoffgürtel entschärft worden. In der Station wurden auch der Kopf und weitere Körperteile einer Selbstmordattentäterin im Alter von etwa 18 bis 20 Jahren gefunden.

© sueddeutsche.de/liv

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