Süddeutsche Zeitung

Paris:Terrorgipfel im Klimagipfel

  • Sicherheit ist alles am ersten Tag der Weltklimakonferenz in Paris mit 150 Staats- und Regierungschefs.
  • Gastgeber François Hollande will die Konferenz nutzen, um ein weltweites Bündnis gegen den IS-Terror zu schmieden.
  • In dieser Frage nehmen sich sogar US-Präsident Obama und sein russischer Kollege Putin eine halbe Stunde Zeit für ein Gespräch.

Von Christian Wernicke, Paris

Die Angst, die allen am Stadtrand von Paris im Nacken sitzt, bekommt Dilma Rousseff als erste zu spüren. Brasiliens Präsidentin ist in Eile, flotten Schrittes strebt sie auf die große Tür zu, durch die am Eröffnungstag dieser weltwichtigen Konferenz nur gehen darf, wer als Staats- und Regierungschef ein Plastikkärtchen höchster Sicherheitsstufe trägt. Da stellt sich Rousseff dieser bullige Mann im hellblauen Hemd in den Weg, ein UN-Sicherheitsbeamter: "Your badge, please?" - Ausweis? Die Präsidentin stoppt, stutzt, schaut hilflos zu ihren Begleitern. Schulterzucken, verlegenes Lächeln - "vergessen!".

Ein Berater will den UN-Mann erweichen, es hilft nichts. Rousseff muss zurück. Zu Ihresgleichen, zu den anderen 149 Staats- und Regierungschefs, darf sie erst vordringen, nachdem ein Legationsrat das präsidentielle Stück Plastik herbeigeschafft hat. Dasselbe widerfährt wenig später dem japanischen Premierminister Shinzo Abe. Und auch Angela Merkel, die erst am späten Vormittag in Paris eintraf, soll laut dem französischen Sender BFM-TV von UN-Sicherheitsleuten gestoppt worden sein. Angeblich kam sie dann im zweiten Anlauf durch - an einer anderen Tür.

Hollande müht sich redlich, andere Mächte in den Krieg zu ziehen

Sicherheit ist alles, an diesem ersten Tag der Weltklimakonferenz. Nach den Anschlägen mit 130 Opfern hat der französische Staat alle Sicherheitskräfte mobilisiert: 15 600 Polizisten, Gendarmen und Soldaten sichern den Großraum Paris. Weitere 2800 Mann schützen das Messegelände von Le Bourget, dem kleinen Vorort im Norden von Paris, der einen schmucken Flughafen beherbergt. Die Chefs müssen deshalb kaum mehr als einen Kilometer zum Konferenzzentrum fahren. Aber selbst für diesen Katzensprung haben Klima-Gladiatoren wie Barack Obama und Wladimir Putin ihre eigenen gepanzerten Limousinen von daheim einfliegen lassen. Zum Klima-Konklave in der Kriegszone.

Gastgeber François Hollande ließ schon vor Tagen durchblicken, dass er die Konferenz "COP21" nutzen wolle, ein weltweites Bündnis gegen den IS-Terror zu schmieden. In seiner Eröffnungsrede nennt er Terror und Erderwärmung in einem Atemzug, als "zwei große, weltweite Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen". Deshalb, nicht etwa wegen Kairos CO₂-Ausstoß, trifft sich Hollande demonstrativ mit Ägyptens starkem Mann General Abdel Fattah al-Sisi. Frankreich liefert haufenweise Waffen, allen voran Kampfjets und Fregatten, an das Regime. Die Rechnungen bezahlt wenigstens zum Teil das sunnitische Königreich Saudi-Arabien.

Und Hollande müht sich, andere Mächte in den gemeinsamen Krieg zu ziehen. Das Menü zu Mittag (Rüben mit Jakobsmuscheln, Geflügel von freilaufenden Hühnern, Bio-Käse) ist ein erster Schritt. Zu seiner Linken hat Hollande Angela Merkel platziert, zu seiner Rechten trennen den Amerikaner Barack Obama und den Russen Wladimir Putin nur zwei Stühle (auf denen UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Chinas Herrscher Xi Jinping sitzen).

Obama und Putin nehmen sich dann eine halbe Stunde Zeit füreinander. Man habe die Lage in der Ukraine erörtert und sich über Syrien ausgetauscht, heißt es. Der Amerikaner soll den Russen aufgefordert haben, Syriens Diktator Baschar al-Assad abzuschreiben sowie Luftangriffe auf prowestliche Oppositionsgruppen zu unterlassen. Nichts Neues also, nur dies: Obama "bedauerte" den Abschuss eines russischen Jets durch die Türkei. Ein kleine Geste, immerhin. Das Klima soll dennoch so unterkühlt gewesen sein, wie es Umweltschützer dem blauen Planeten wünschen.

Einen kleinen Beitrag für den Frieden in der Welt leisten derweil in einem anderen Nebenzimmer Angela Merkel und Jean-Claude Juncker. Gemeinsam reden beide erst auf Putin, dann auf dessen ukrainischen Widerpart Petro Poroschenko ein, doch bitte im Konflikt um die Ost-Ukraine und die Krim aufeinander zuzugehen.

Auch anderswo lief es nicht besser. Weil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sich nicht zu einer Entschuldigung für den Abschuss des russischen Kampfjets durchringen konnte, bekam er von Putin keinen Termin. Später warf Putin am Rande der Klimakonferenz der Türkei sogar Schützenhilfe für die Terrormiliz IS vor. Mit dem Abschuss habe Ankara den Ölhandel des IS sichern wollen, sagte Putin laut der Agentur AFP: "Wir haben jeden Grund zu glauben, dass die Entscheidung zum Abschuss unseres Flugzeug von dem Willen bestimmt war, die Öl-Lieferrouten zum türkischen Territorium zu sichern." Kein gutes Omen für die Anti-Terror-Koalition, die Hollande sich kürzlich noch ausgemalt hatte.

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SZ vom 01.12.2015/fued
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