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Anne-Will-Interview:Merkels Revanche

Anne Will

Zu Anne Will geht Angela Merkel, wenn sie in Bedrängnis ist. So war es in der Flüchtlingskrise, als die Kanzlerin sich 2015 und 2016 gleich zweimal stellte. Und so ist es jetzt.

(Foto: Wolfgang Borrs/dpa)

Erst übernahm die Kanzlerin die Verantwortung für die verkorkste Osterruhe - jetzt setzt sie die Ministerpräsidenten gehörig unter Druck. Auch NRW-Ministerpräsident Laschet, den eigenen Parteivorsitzenden, verschont sie nicht.

Von Nico Fried, Berlin

Vier Tage sind seit der Bitte um Verzeihung vergangen. Sechs Tage sind es sogar seit der Chaos-Sitzung mit den Ministerpräsidenten. Doch die Kanzlerin denkt noch immer darüber nach, was aus all dem folgen soll, als sie am Sonntagabend bei Anne Will auftritt. Zu Beginn der Sendung meint man dieses Nachdenken sogar zu sehen und zu hören, als Merkel bei den ersten Antworten immer mal wieder Sätze abbricht, neu ansetzt und eher vage bleibt.

So gesehen ist die Kanzlerin ein höflicher Gast: Sie haut nicht als Erstes ihre Botschaft heraus, ungeachtet der Fragen ihrer Gastgeberin. Politisch allerdings ist das ein bemerkenswerter Beginn, weil man sich fragt: Hat sie überhaupt eine Botschaft? Denn man erwartet ja schon ein paar klare Ansagen, wenn Merkel es sogar für nötig erachtet, mal wieder eine Talkshow zu besuchen und sich eine Stunde lang löchern zu lassen.

Zu Anne Will geht Merkel, wenn sie in Bedrängnis ist. So war es in der Flüchtlingskrise, als die Kanzlerin sich 2015 und 2016 gleich zweimal stellte. So ist es jetzt, da die Umfragewerte für das Corona-Management in etwa so schnell sinken wie die Infektionszahlen steigen.

Man kann der Moderatorin nicht vorwerfen, Merkel zu sanft zu befragen. Gelegentlich rutschen Anne Will wohlwollende Freundlichkeiten heraus, zum Beispiel, als sie gleich zu Beginn befindet, für ihre Entschuldigung habe Merkel "zu Recht" großen Respekt erfahren. Oder als sie später das "sehr gute Zitat" aus der Fernsehansprache von vor einem Jahr würdigt: "Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst." Ansonsten aber reibt Will der Kanzlerin doch recht unbeirrbar die Defizite der Corona-Politik unter die Nase und hakt auch nach, wenn es geboten erscheint.

Merkel verlegt sich gerne aufs Kontern

Die Entschlossenheit der Moderatorin schadet auch der Kanzlerin nicht. Merkel ist bekanntermaßen nicht so gut, wenn sie selbst das Spiel machen muss, sondern verlegt sich lieber aufs Kontern. Und so entsteht mit zunehmender Dauer doch das Bild einer Kanzlerin, die zwar die Verantwortung für den Mist übernommen hat, den sie und die Länderchefs mit der missglückten Osterruhe angerichtet haben. Doch macht Merkel auch klar, dass sie jetzt entschlossen ist, die Länder rigoros in die Verantwortung zu nehmen. Das ist doch zumindest eine Ansage.

Berlin und das Saarland rügt Merkel für angekündigte Lockerungen, die nicht den gemeinsamen Beschlüssen zur sogenannten Notbremse entsprächen. Und auch vor Armin Laschet macht sie nicht halt, der nicht nur Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen ist, sondern auch CDU-Vorsitzender, mithin Merkels Parteichef. Anne Will riecht frühzeitig die werbeträchtige Nachricht, die da zu holen ist, und führt Merkel hartnäckig dahin, wo es Laschet weh tun dürfte. Wenn am Ende doch nicht Armin Laschet Kanzlerkandidat der Union werden sollte, hat auch Merkel an diesem Abend ein Scherflein dazu beigetragen.

Nicht ganz so deutlich ist all das, was Merkel zur weiteren Bekämpfung der Pandemie zu sagen hat. Einen alternativen Wellenbrecher, der die gescheiterte Osterruhe ersetzen könnte, präsentiert sie nicht. Vom Testen allein ist sie auch nicht überzeugt, das Arbeiten im Home-Office will sie den Unternehmen noch entschiedener abverlangen und ansonsten sähe sie in Regionen mit hoher Inzidenz wohl gerne verschärfte Ausgangssperren in den Nachtstunden.

Gemessen an den furchterregenden Prognosen, die aus dem Robert-Koch-Institut zuletzt zu hören waren, gemessen selbst an den Vorstellungen ihres eigenen Gesundheitsministers von einem zweiwöchigen Lockdown, ist das, was Merkel an diesem Abend in Aussicht stellt, ziemlich zurückhaltend. Offenkundig denkt sie auch hier noch nach. Es könnte allerdings auch bedeuten, dass sie an etwas Größerem herumkaut, an einem ultimativen Versuch, die Pandemie zu bezwingen - mit den Ministerpräsidenten oder gegen sie.

"Deutschland hat keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen"

Wie konzentriert, vielleicht auch angespannt Merkel ist, merkt man daran, dass sie über 60 Minuten keinen Scherz einstreut, keinen Nachweis ihrer Schlagfertigkeit anbietet, wie sie es sonst auch in schwierigen Situationen gerne mal macht, um sich vom Druck zu befreien. Nicht so an diesem Abend. Es ist ernst - und die Kanzlerin nimmt es auch ernst.

So bleibt es eine sehr sachliche Sendung. Eindeutig mehr Talk als Show. Anne Will verfängt sich gelegentlich in zu vollen Fragen, die Merkel Ausweichmöglichkeiten bieten. Alles in allem aber findet die Moderatorin einen guten Weg, hart zu fragen, ohne sich selbst wichtiger zu nehmen als das, was sie wissen möchte.

Sie fragt nur einmal nach Merkels Gefühlen und ob sie enttäuscht sei von den Ministerpräsidenten. Das Gefühl, das Merkel in der Antwort beschreibt, hat dann wenig mit einer Emotion zu tun, sondern eher mit einem Eindruck. Es habe sich eine Rollenverteilung verfestigt, in der das Kanzleramt immer ein wenig strenger sei und die Länder deshalb zum Ausgleich lockerer sein dürften. Das könne man sich nicht leisten.

Über manche Strecke wiederholt sich vieles von dem, was Merkel schon häufig gesagt hat. Da präsentiert sie sich auch relativ unbeirrbar. Sie räumt ein, dass es Unzulänglichkeiten gegeben habe, zum Beispiel auch beim Schutz der Altenheime, aber dass man stets dazugelernt habe. In der Art und Weise, wie der Impfstoff beschafft wurde, will sie weiter keinen grundsätzlichen Fehler erkennen. Im Gegenteil: "Ich wehre mich ein bisschen dagegen, dass da blauäugig gehandelt wurde", sagt die Kanzlerin.

Und überhaupt würde sie sich wünschen, dass auch das Positive gesehen werde, dass nicht alles schiefgelaufen sei in etwas mehr als einem Jahr der Pandemie. Man dürfe nicht zu viel "Verzagtheit verströmen". Im Vergleich zu den meisten Nachbarstaaten stehe das Land immer noch ganz gut da. "Deutschland hat keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen", findet Merkel.

Ein Problem sei wohl, analysiert die Kanzlerin, dass man in Deutschland immer ein wenig zu perfektionistisch sei. Andererseits wollten natürlich auch immer alle möglichst viel richtig machen, weil man sonst "ganz schön Senge kriegt".

© SZ/pamu/aner
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