Türkei:Das Schiff soll "weitersuchen, bis es etwas findet"

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Türkei: Präsident Erdoğan und die "Abdülhamid Han" im Hafen von Mersin.

Präsident Erdoğan und die "Abdülhamid Han" im Hafen von Mersin.

(Foto: Presidential Press Office/via Reuters)

Der türkische Präsident Erdoğan schickt mit markigen Worten wieder ein Bohrschiff ins östliche Mittelmeer. Griechenland und Zypern fürchten neue Provokationen.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Die Türkei schickt wieder ein Bohrschiff ins östliche Mittelmeer. Damit ist erneuter Streit mit dem Nachbarland Griechenland programmiert. Die beiden Nato-Staaten streiten seit Jahren erbittert über die Besitz- und Förderrechte der Bodenschätze auf dem Meeresgrund. Frühere Reisen türkischer Bohr- oder Forschungsschiffe, die im östlichen Mittelmeer nach Bodenschätzen suchten, hatten die Türkei und Griechenland 2020 an den Rand eines militärischen Konflikts geführt. Die Türkei ließ ihre Schiffe von Fregatten begleiten, Griechenland schickte daraufhin ebenfalls Kriegsschiffe.

Das Bohrschiff, die 238 Meter lange Abdülhamid Han verließ am Dienstag die anatolische Hafenstadt Mersin. Präsident Recep Tayyip Erdoğan sagte bei der Zeremonie, nach der das Schiff zu seiner Reise aufbrach, es werde zunächst in die Region Iskenderun fahren und dann so lange "weitersuchen, bis es etwas findet". Für die "Forschungs- und Bohrarbeiten", so Erdoğan, müsse man "von niemandem eine Erlaubnis oder Genehmigung einholen".

Die weitere Route des Schiffes und die gewählten Seegebiete für seine Bohrungen sind bisher noch nicht bekannt. Sie könnten rund um Zypern liegen, spekulierten griechische Medien. Der türkische Energieminister Fatih Dönmez hatte bei der Ankündigung der Reise der Abdülhamid Han erklärt, das Schiff werde in der "Blauen Heimat" arbeiten.

Die "Blaue Heimat" ist ein politisch vorbelasteter Begriff, mit dem die Türkei Anspruch auf weite Teile der Ägäis und des östlichen Mittelmeers erhebt. Der Präsident der nur von Ankara anerkannten Republik Nord-Zypern, Ersin Tatar, hatte vor der Abreise gesagt, das Bohrschiff werde rund um Zypern bohren. Auch die Seegrenzen und Förderrechte rund um die seit 1974 geteilte Mittelmeerinsel Zypern sind umstritten.

Es geht um die Besitzverhältnisse der Bodenschätze

Im östlichen Mittelmeer werden große Erdgas-Vorkommen unter dem Meeresgrund vermutet sowie andere wertvolle Rohstoffe. Der Verlauf der Seegrenzen zwischen Griechenland und der Türkei gibt auch deswegen seit Jahrzehnten Anlass zu Streit. Denn mit den Grenzen sind auch die Besitzverhältnisse bei Gas, Öl oder anderen Bodenschätzen verknüpft. Die Türkei sieht sich in ihrem Recht auf die potenzielle Ausbeutung behindert, weil Griechenland seine Grenzen rund um seine Inseln zum Nachteil der Türkei abgesteckt habe und selbst winzige unbewohnte Felsen zugrunde lege.

Die Seegrenzen des EU-Staats Griechenland sind aber international breit anerkannt. Athen hat - anders als Ankara - zudem das internationale Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (Unclos) von 1982 unterzeichnet. Es regelt die Nutzung der Weltmeere. Auf der Basis der Seegrenzen werden die Förderrechte für Rohstoffe und die Fischereirechte bestimmt. Es geht um die Reichweite des Festlandsockels eines Landes und um "exklusive Wirtschaftszonen", die ein Staat beanspruchen kann. Die Türkei ist dem Abkommen nie beigetreten und fühlt sich nicht daran gebunden.

Auch Zypern ist Teil dieses türkisch-griechischen Streits. Rund um die geteilte Mittelmeerinsel gibt es ebenfalls Gasvorkommen. Hier streiten die Republik Zypern, ein EU-Staat, und die Türkei sowie der 1975 von der Türkei besetzte Nordteil Zyperns um die Zugriffsrechte. Die "Türkische Republik Nordzypern" wird als Staat aber allein von der Ankara anerkannt.

Die Abdülhamid Han gehört der Türkischen Öl-Gesellschaft TPAO. Das 238 Meter lange Schiff ist das vierte Bohrschiff der Türkei, es kann bis zu 12 200 Meter tief bohren und dabei nach Öl oder Gas suchen. Die TPAO hatte das 2013 gebaute Schiff 2021 gebraucht in Südkorea gekauft. Die Türkei, die im Land selbst keine größeren Gas- oder Ölvorkommen hat, will bei ihrer Energieversorgung möglichst rasch autark werden. Ankara setzt dabei auch auf Öl- und Gasfunde sowohl im Schwarzen als auch auch im östlichen Mittelmeer. Im Schwarzen Meer wurden jüngst bereits angeblich sehr große Gasfelder entdeckt.

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