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Bildungsministerin:Ist der Ruf erst ruiniert

Jahresveranstaltung des Deutschlandstipendiums

Manche Rede von Anja Karliczek bot schon Anlass für Spott, doch inzwischen hat sie Kritiker zumindest in menschlicher Hinsicht überzeugt.

(Foto: Monika Skolimowska/dpa)
  • Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) gilt vielen als Fehlbesetzung.
  • Die Ministerin habe zu wenig Expertise und sei immer noch nicht im Amt angekommen, sagen Kritiker.
  • Doch Karliczek, darauf deutet vieles hin, bemüht sich gerade um einen zweiten Anfang, tritt mutig auf und kann Erfolge vorweisen.

Es scheint eine Art Gesetz zu geben, wonach in jeder Bundesregierung ein Kabinettsmitglied auch einen festen Platz in Satiresendungen einnimmt. Prototyp für diese Rolle ist der Freidemokrat Rainer Brüderle, der sein Amt ausübte, als lege er es darauf an, in der "Heute-Show" zu landen. Im aktuellen Kabinett finden sich mehrere Bewerber. Vorn aber liegt Anja Karliczek (CDU) die ohne diesen Spott wohl noch unbekannter wäre als ohnehin schon. Unfreiwillig hat die Bundesbildungsministerin sich den Ruf einer zuverlässigen Stoff-Lieferantin erworben. Sie gilt vielen als Fehlbesetzung. Wenn vor der Europawahl über Ministerwechsel spekuliert wird, taucht ihr Name auf jeder Streichliste auf.

Aber was wäre, wenn sie den Job doch kann? Während viele sie längst abgeschrieben haben, setzte Karliczek in das negative Grundrauschen hinein einen großen Erfolg. Nach zähen Verhandlungen verständigten sich Bund und Länder Anfang Mai auf ein Milliardenpaket für die Wissenschaft. Es bringt den Hochschulen und Forschungseinrichtungen langfristig eine verlässliche Finanzierung, wie es sie vorher nicht gab. Den Durchbruch schreiben einige Politiker, die an den Verhandlungen beteiligt waren, auch dem Geschick der Bundesministerin zu, Menschen einzubinden.

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Menschliche Aufmerksamkeit jenseits von Floskeln ist eine Seltenheit im politischen Geschäft. Karliczek aber verstehe sich darauf, sie zeige sich zugewandt und könne schnell auf der persönlichen Ebene eine Basis aufbauen. So schildern es Kollegen, die sie in den Verhandlungen erlebten. Sie habe offen gezeigt, wie erleichtert sie war, Kollegen umarmt. Sie spürten, wie wichtig dieser Erfolg ihr war.

Anja Karliczek, darauf deutet vieles hin, bemüht sich gerade um einen zweiten Anfang. In ihrem Ministerium an der Spree hat sie wichtige Positionen neu besetzt und einen erfahrenen Pressesprecher engagiert, Ulrich Scharlack, er war zuvor lange bei der Unionsfraktion. Den Unterschied merkt man sofort. Anfangs wurde die unbekannte Ministerin abgeschirmt, es war kaum ein Termin zu bekommen. Den gibt es nun schnell, und sie nimmt sich am Rande einer Bundestagssitzung viel Zeit, zum Kaffee wird auch Kuchen bestellt, Karliczek kommt ins Plaudern. Sie sagt, es sei wichtig, verlässliche Beziehungen aufzubauen. "Denn die sind in solchen Verhandlungen oft eine Brücke."

Manche halten es für belebend, dass Karliczek oftmals eine Sichtweise von außen habe

Später an diesem Abend werden die Stipendien der Humboldt-Stiftung verliehen. Karliczek hält die Laudatio. In ihrer Rede spricht sie über Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit. Sie kritisiert die Enge, die Forscher in vielen Ländern einschränkt. Und stellt sich gegen Angriffe auch auf Wissenschaftler hierzulande, die Historiker Jörg Baberowski und Herfried Münkler, die Ethnologin Susanne Schröter: "Diese Entwicklung macht mir große Sorgen." Es wirkt nicht angelesen wie frühere Reden.

Sie erscheint sicherer in der Wissenschaftspolitik, die ihr anfangs so fremd war, dass man sich fragte, was die Kanzlerin mit der Besetzung dem Land und Karliczek selbst zumutete. Nun zeigt sie mehr Mut. Aber lässt sich das Bild noch drehen?

Als im Februar 2018 durchsickerte, dass sie Bildungsministerin werden sollte, war die erste Reaktion vieler Beobachter: Anja wer? Als sich die Antwort herumsprach - geboren 1971 im westfälischen Ibbenbüren, Bankkauffrau, Hotelfachfrau, BWL-Studium an der Fernuni Hagen, Mutter dreier Kinder, Katholikin -, folgte die zweite Reaktion: eine teils herablassende Debatte über die Frage, wie viel Expertise ein Ministeramt und das Bildungsministerium im Besonderen erfordert. Im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen, zuletzt die Mathematikprofessorin Johanna Wanka, hatte Karliczek da wenig zu bieten. Manche lästerten, sie sei eine Proporzministerin.

Karliczek gab sich demütig, kündigte an, "fragen, fragen, fragen" zu wollen. "Jeder, der eine Führungsaufgabe antritt, sollte sich die Zeit zum Ankommen nehmen und zum Einarbeiten", sagt sie heute. "Nur dann können die Aufgaben auch gelingen." Sie habe viele Gespräche geführt, um das Haus kennenzulernen. "In allen Abteilungen habe ich versucht, möglichst viele Menschen zu treffen und einfach zuzuhören."

Doch je länger ihre Amtszeit dauerte, desto größer wurde die Ungeduld. Irgendwann kündigte der Koalitionspartner SPD den "Welpenschutz" (Andrea Nahles) auf und begann, sich laut zu erkundigen, wo die Gesetzentwürfe blieben. Umso begieriger stürzte sich nicht nur die "Heute-Show" auf Satzfetzen Karliczeks, die irgendwo zwischen ungeschickt und instinktlos schwankten: ob es um das Wohlergehen von Kindern in Regenbogenfamilien ging (sie nannte es eine "spannende Forschungsfrage", ob das geht), um Wohnungsnot unter Studenten ("man muss ja nicht in die teuersten Städte gehen") oder um technologischen Fortschritt (der sich "hinter dem christlichen Menschenbild einzureihen" habe). Das Bild der Fettnapf-Ministerin, die trotz Milliardenetat nichts auf die Reihe kriegt, setzte sich fest.

Und heute? Wer sich bei den Menschen umhört, die mit Karliczek beruflich zu tun haben - als Vertreter der Bundesländer oder von Wissenschaft und Forschung -, hört viel Lob für die freundliche Art der Ministerin. Doch weiter reicht die Einigkeit nicht, die Einschätzungen klaffen auseinander. Es gibt jene, die das negative Urteil für grob unfair halten. Die ihren Blick von außen als belebend empfinden. Die einräumen, dass einige unglückliche Reden dabei waren, aber finden, dass Karliczek sich "reingekniet", Details "aufgesogen" habe.

Und dann gibt es die Kritiker, die sich ebenso wie die Fürsprecher sowohl in der Politik als auch in der Wissenschaft finden. Wenn man zusichert, keine Namen zu nennen, hört man bei ihnen ganz andere Dinge. "Bis heute hat man nicht den Eindruck, sie sei angekommen", sagt einer. "Hinter ihrer freundlichen Art kommt wenig. Auf Detailgespräche lässt sie sich nicht ein", ein anderer. Die Verhandlungen zum Digitalpakt seien erst wegen Karliczeks mangelnder Autorität so zäh geraten; der Ruhm für die Wissenschaftspakte gebühre in Wahrheit anderen. Karliczek, auch das hört man, fehle es am Willen und am Wissen, um im Bildungsbereich etwas zu bewegen - "um nicht nur zu verwalten".

Kritiker bemängeln, dass sich die Ministerin auf Detailgespräche nicht einlasse

Karliczek selbst sagt: "Ich bin im Amt angekommen." Mit Hochdruck, so fügt sie gleich an, seien sie und ihr Haus dabei, Projekte umzusetzen und weitere vorzubereiten. "Und wir haben Erfolg. Wir bringen Bildung und Forschung voran. Was man ja am Digitalpakt, Berufsbildungsgesetz und den Hochschulpakten sieht."

Sie formuliert Ziele, als fange sie gerade an. "In meinem Amt will ich neue Akzente in Bildung und Forschung setzen", sagt sie. "Deutschland muss hier vorankommen, vor allem, wenn man an China oder das Silicon Valley denkt." Sie hat dabei auch ihre eigene Perspektive, die wie eine Antwort auf die Vorbehalte aus der Wissenschaftswelt gegen eine Frau mit ihrer Vita klingt. "Wichtig ist mir aber auch etwas, woran vielleicht nicht jeder gleich denkt", sagt sie: "Ich will, dass man die berufliche Bildung und die akademische Bildung nicht mehr als Gegensatz sieht." Vielmehr solle man parallele Wege sehen, "wo man vom einen auf den anderen wechseln kann". Sie denke da auch an die Weiterbildung: "Das Ziel wäre eine Form von Versöhnung."

Letztlich ist es das, was auch Karliczek gerade sucht: eine Form der Versöhnung, mit der Öffentlichkeit, mit ihren Kritikern. Wie lange sie noch daran arbeiten kann, entscheiden andere - womöglich schon nach der Europawahl am Sonntag.

Eine Frage zum Schluss: Guckt die Ministerin eigentlich "Heute-Show"? "Manchmal." Und? "Na ja, man muss auch lachen können." Sie lacht. Und wird ernst. "Herr Welke sollte nicht unterschätzen, dass das, worüber er Witze macht, viele berührt. Nicht alle finden die Gags immer witzig. Zum Beispiel, wenn er über das christliche Menschenbild spottet." Als Oliver Welke, der Moderator, sich über sie in dieser Frage lustig machte, hätten sie Mails erreicht von Menschen, die sich persönlich getroffen fühlten. Auch das gehört für sie dazu.

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