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Jahreswechsel:Angst vor der Zukunft

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Ständige Unsicherheit kann lähmen.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Das Jahresendgefühl 2019 ist nicht wohlig, sondern bang: Es ist ein Gefühl diffuser Unsicherheit. Was kann man tun?

Kolumne von Heribert Prantl

An den Polen wird das Eis immer dünner. In Polen und Ungarn wird der Rechtsstaat immer dünner. In den USA regiert ein Präsident, der alles leugnet, was ihm nicht passt. Einen Klimawandel gibt es nicht, sagt er; deswegen haben die USA das Klimaschutzabkommen gekündigt. Das Klima interessiert Trump nicht; Recht und Verträge interessieren ihn auch nicht, nur Deals; ihn juckt es, Diplomatie durch Twitterei und Pöbelei zu ersetzen. Ihn juckt es, einen gigantischen Zaun zu bauen, um Flüchtlinge aufzuhalten.

Die Zukunft war jedenfalls schon einmal besser: Es implodiert der alte Glaube daran, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sich, und sei es langsam, weiterentwickeln. Das Jahresendgefühl 2019 ist nicht wohlig, sondern bang. Es ist das Gefühl diffuser existenzieller Unsicherheit. In der Natur stehen ungeheuer viele Zeichen auf Unheil. Und zwischen den Großmächten stehen die Zeichen auf Konfrontation; das Wort Entspannungspolitik klingt heute wie ein Fremdwort.

Populistische Extremisten packen die alten Wahnideen wieder aus; sie suchen das Heil wieder dort, wo einst das Unheil begonnen hat; sie preisen den Nationalismus als Heilslehre. Der Brexit schafft gewaltiges Unbehagen: Wie geht es mit Europa weiter? Und die Hinfälligkeit des alten Parteiensystems nun auch in Deutschland macht unruhig. Es herrscht Bangen, wie das alles weitergeht.

Im World Wide Web bilden sich immer mehr Räume, in denen nur das Echo der eigenen Stimme widerhallt und verstärkt wird: ich und ich in Potenz und Präpotenz. Da gibt es nichts, was das eigene Urteil, den eigenen Geschmack, die eigene Meinung infrage stellen könnte, auch nicht die eigenen Vorurteile und Irrtümer. Das führt zu vernetzter Verblödung. Wie gesagt: Die Zukunft war schon mal besser.

Vom Evangelisten Lukas wurde soeben, am Weihnachtsabend, die himmlisch-anrührende, die hoffnungsfrohe Geschichte von der Geburt des Jesuskindes in Bethlehem als Evangelium verlesen. Es gibt bei Lukas auch andere, unheildräuende Textstellen, zum Beispiel diese: "Es wird ein Bangen sein unter den Völkern, die weder ein noch aus wissen vor dem Tosen und Wogen des Meeres." Solche Sätze klangen einem noch vor wenigen Jahren wie Science-Fiction im Ohr. Heute aber rollt das Bangen der Völker auch in Europa an. Menschen flüchten über das tosende Meer und suchen ein besseres Leben in Europa. Die Menschen werden, so sagt Lukas, vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen.

Unheilsboten waren nie beliebt. Die Abwehr rührt nicht nur daher, dass Flüchtlinge nicht so sind wie die Eingesessenen, sondern auch daher, dass diese nicht werden wollen wie sie. Migration wird daher nicht gestaltet, sondern bekämpft.

Es ist bitter, wenn das schöne Wort Zukunft vom Frohwort zum Drohwort wird. Das darf nicht passieren. Der populistische Extremismus und der neue aggressive Nationalismus sind keine Naturgewalten, sie sind nicht zwangsläufig, sie kommen nicht einfach unausweichlich auf uns zu. Es gibt keine Zukunft, von der man sagen könnte, dass es sie einfach gibt, dass sie einfach über uns kommt. Nicht vor dem sogenannten Populismus muss man sich also fürchten, sondern vor einem Phlegma, das so tut, als sei gegen diesen sogenannten Populismus kein Kraut gewachsen.

Zukunft ist nichts Festgefügtes, Zukunft kommt nicht einfach; es gibt nur eine Zukunft, die sich jeden Augenblick formt: je nachdem, welchen Weg ein Mensch, welchen eine Gesellschaft wählt, welche Entscheidungen die Menschen treffen, welche Richtung die Gesellschaft einschlägt.

Zur guten Zukunft gehört es, eine Spaltung zwischen Jung und Alt zu verhindern. Andauernd heißt es: Die Jungen würden von den Alten um ihre Zukunft betrogen. Das stimmt so nicht. Eltern und Großeltern geben in der größten Mehrzahl ihr Bestes, um ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.

Bedroht ein Wohlergehen der Alten die Zukunft der Jungen? Nur eine Gesellschaft, die ihre Alten ehrt, hat eine gute Zukunft; schließlich sind die Jungen die zukünftigen Alten. Derzeit wird diese Verheißung für die Jungen auf eine nie da gewesene Weise wahr: Die Deutschen erben so viel wie nie. In diesem Jahrzehnt wird die sagenhafte Summe von 2600 Milliarden Euro vererbt.

Allerdings verschleiert die Durchschnittssumme eine riesige Ungleichheit: Viele Jungen erben nichts oder nur Schulden. Der Konflikt zwischen Reich und Arm ist derjenige, der die Zukunft wirklich bedroht. Nicht die Alten rauben den Jungen den Planeten, sondern die Reichen rauben den Armen den Planeten.

Zukunftspolitik: Die Gesellschaft braucht eine neue Konkretion der alten Solidarität, sie braucht eine neue Utopie. Das ist ungeheuer wichtig für die Zukunft der Gesellschaft. Seitdem nach 1990 der Tod der Utopien lauthals verkündet wurde, genau seitdem ist der Aufstieg des extremistischen Populismus und der politischen Dummheit zu erleben. Und weil es noch keine neuen großen Ideen, weil es keine großen Ideale gibt, suchen die Menschen im Abfall der Geschichte nach den alten. Das ist der Grund für die Wiederkehr des Nationalismus, das ist der Grund für die neuen politischen Schwarzmarktfantasien. Was hilft dagegen? Es hilft das Denken; Denken ist wichtiger als Twittern.

Die Beschwörung von angeblichen Alternativlosigkeiten angesichts der Globalisierung haben einen gefährlichen Fatalismus befördert. Dass aus dem herrlichen Wort "Zukunft" so etwas Abscheuliches wie "Zukunftsfähigkeit" gemacht wurde, ist zum Heulen. Das Wort Zukunftsfähigkeit ist verlogen, weil es so tut, als gäbe es eine feststehende Zukunft, für die man sich fähig machen müsse. Zukunftsfähigkeit muss neu definiert werden, nämlich so: Wie wird die Zukunft fähig für die Gesellschaft? Wie wird sie fähig für ein Leben, das mehr ist als Überleben? Wie bleibt das Leben lebenswert für die kommenden Generationen?

Zukunft sollte so sein, dass Menschen heil und friedlich leben können. Sich mit aller Kraft darum zu bemühen - das ist Zukunftspolitik, das ist Politik gegen den populistischen Extremismus.

Heribert Prantl ist Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung.

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© SZ vom 28.12.2019
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