Angriffe in Afrika Bundesregierung bittet USA, Afrika-Kommando in Stuttgart nicht groß zu verkünden

Die Antwort muss wohl lauten: Weil sich eine Reihe von afrikanischen Ländern verweigert haben. Mindestens zwölf Staaten lehnten die US-Bitte ab, das Africom-Hauptquartier - oder auch nur eine Regionalstelle - aufzunehmen. Zu allgegenwärtig war schon damals die Kritik an Amerikas Krieg gegen den Terror. In Deutschland macht man sich schnell und freiwillig zum Komplizen: Als die Entscheidung gefallen ist, dass das Africom nach Stuttgart kann, bittet ein deutscher Regierungsbeamter die Amerikaner, die Sache erst mal nicht zu groß zu fahren. "Das würde nur Anlass zu Schlagzeilen in der Presse geben und zu einer unnötigen öffentlichen Debatte führen", so wird der Deutsche in einem internen US-Dokument zitiert.

Klar: Warum sollte man so etwas öffentlich diskutieren, wenn man es auch hinter verschlossenen Türen entscheiden kann? Ein erstaunliches Demokratieverständnis. Zumal die Amerikaner nicht bestreiten, dass der Drohneneinsatz in Afrika aus Deutschland gesteuert wird. Sie lenken höchstens ab. Bei seinem Deutschlandbesuch im Juni erklärt US-Präsident Barack Obama: "Ich kann jedoch bekräftigen, dass wir Deutschland nicht als Ausgangspunkt für unbemannte Drohnen verwenden, die dann auch Teil unserer Aktivitäten im Bereich der Terrorismusbekämpfung sind. Ich weiß, dass es einige Berichte in Deutschland darüber gegeben hat, dass das eventuell der Fall sei. Es ist nicht so."

Ein Ratschlag guter Krisen-PR lautet: Bestreite Vorwürfe, die niemand erhoben hat. Nun: Obamas englischer Ausdruck für "Ausgangspunkt" lautet "launching point" - was in der Militärsprache für den Ort steht, an dem eine Drohne in die Luft gebracht wird. Tatsächlich heben die Drohnen für den US-Krieg in Afrika nicht in Deutschland ab. Natürlich nicht. Das hatte aber auch niemand behauptet.

Das Ergebnis der Recherchen von SZ und NDR, auf die Obama sich bezog, lautete: Die USA steuern den Drohnenkrieg in Afrika aus Deutschland. Und das wiederum hatte Obama selbst indirekt längst bestätigt: In einem öffentlichen Brief an den Kongress hatte er im Juni 2012 geschrieben, "das US-Militär" habe "in Somalia konkrete Maßnahmen gegen Al-Qaida-Mitglieder ergriffen, darunter solche, die auch Mitglieder der al-Shabaab sind".

Alle Aktionen des US-Militärs in Afrika aber unterstehen dem Africom. Auch die von Barack Obama erwähnten Angriffe wurden also aus Deutschland gesteuert.

Noch einmal: Der Brief Obamas ist öffentlich, er steht im Internet, es ist kein Geheimdokument. Jeder, der wissen will, was das Afrika-Kommando von Deutschland aus so tut, kann das erfahren - auch die Bundesregierung.

Man muss nur wollen.

Mittlerweile folgt die in Dschibuti gestartete US-Drohne dem beweglichen Ziel gute eineinhalb Stunden, geflogen von der Tausende Kilometer weiter in einem Container in New Mexico sitzenden Pilotin. Es ist jetzt neun Uhr westeuropäischer Zeit. Für die Crew ist es ein "Routinekampfeinsatz", so steht es im Einsatzprotokoll. Dort steht auch, dass die Drohne im Folgenden an Höhe verliert, und von der Pilotin aufs Meer manövriert wird, wo sie abstürzt.

Im Absturzbericht ist über die Drohne festgehalten: sieben Jahre alt, fast 17.000 Flugstunden, 900 Landungen, ein ausgetauschter Motor. Der Schaden: 4,2 Millionen Dollar.

Interessanter wäre: Wie oft sie getötet hat bis zu diesem 21. Februar 2012.

Drei Tage später bringt eine andere Drohne den Auftrag zu Ende. Über diesen Flug ist weniger bekannt. Es ist der 24. Februar. Als Salman Abdullahi an diesem Tag mit den Ziegen nach Hause kommt, hat die Dämmerung schon eingesetzt. Der Vater ist noch nicht wieder da. Allerdings geht er manchmal mit den Kamelen so weit, dass er erst nach Mitternacht zurück ist.

Aber dann kommt eines seiner Kamele zurück, ohne ihn, und wenig später noch eines. Und noch eines. Langsam wird Salman Abdullahi nervös. Am Abend ziehen er und seine Geschwister los, um den Vater zu suchen. Aber sie finden ihn nicht. Sie legen sich schlafen, und hoffen, dass der Vater am nächsten Morgen zu Hause ist.

Die diensthabenden Piloten, die an diesem Tag nach Schichtende wie immer aus dem Krieg zurück in ihre Wohnzimmer fahren, haben einen guten Tag hinter sich: Ihre Hellfire-Raketen haben rund 60 Kilometer von Mogadischu zwei Autos in die Luft gejagt. In einem stirbt Mohamed Sakr, der mutmaßliche Al-Shabaab-Kämpfer. Hingerichtet nach Dienstanweisung, nach klaren, formalen Kriterien. Auch in Ramstein, das weiß man von anderen Afrika-Einsätzen, steht vor den Monitoren ein Militärjurist, der Fragen stellt wie: Ist das Ziel sicher identifiziert? Sind die Mittel angebracht? Ist der geschätzte Kollateralschaden vertretbar im Rahmen der Mission? Erst wenn er hinter allen Punkten Häkchen setzen kann, wird gefeuert. Ein Vorgehen, das nur innerhalb der Logik des US-Drohnenkriegs schlüssig ist - bedenkt man, dass nur wenig später eine völkerrechtswidrige Exekution stattfindet.

Die Militärjuristen bitten die Piloten oft, noch ein letztes Mal auf den Bildschirm zu schauen, bevor sie die Rakete loslassen. Es könne ja, so erklärt es einer, in letzter Sekunde "die sprichwörtliche Busladung voller Nonnen" neben dem Ziel auftauchen.

Aber da war nur ein Kameltreiber.

Als Maxamed Abdullahi auch am nächsten Morgen nicht zurück ist, brechen Salman und seine Geschwister erneut auf, um ihn zu suchen. Unterwegs erfahren sie von einem Bombenanschlag, aber noch bringen sie diese Nachricht nicht in Verbindung mit dem vermissten Vater. Dann treffen sie eine Frau, die ihre Kamelmilch in die Stadt bringt, um sie zu verkaufen. Sie erzählt, am Anschlagsort liege die Leiche eines Zivilisten. Die eigenen Toten bringen die Al-Shabaab-Leute immer gleich weg, sie werden als Märtyrer feierlich begraben. Zivilisten lassen sie liegen, oft tagelang.

Salman Abdullahi und seine Clan-Angehörigen folgen der Wegbeschreibung der Milchverkäuferin, und stoßen am Anschlagsort auf die Kadaver von ein paar toten Kamelen, und auf die zerrissene Leiche eines Mannes: Der Oberkörper liegt wie hingeworfen auf einem Baum, den Rest darunter. Nur das Gesicht ist einigermaßen unversehrt. Salman Abdullahi erkennt seinen Vater sofort. Starr vor Schock und unfähig, den Körper des Vaters anzufassen, sieht er zu, wie andere aus seinem Clan die Leichenteile aufsammeln, in einen Karren legen, zudecken und nach Hause bringen. Ein richtiges Begräbnis haben ihnen die Al-Shabaab-Milizen verboten, so heben sie hastig ein Grab aus und beerdigen Maxamed Abdullahi. Getötet von den Amerikanern bei einem von Deutschland aus gesteuerten Angriff, liegen gelassen von den Kämpfern der Al-Shabaab-Miliz.

Maxamed Abdullahi hinterlässt seinem Sohn kein einziges Foto von sich. Er hat nie eine Kamera besessen, und er hat sich auch nie fotografieren lassen. Fotos bringen Unglück, so denken viele Somalier. Und doch gibt es eine digitale Erinnerung: Auf den Videoaufzeichnungen der Bordkamera muss kurz vor dem Einschlag der Hellfire-Rakete ein großer, schmaler Nomade zu sehen sein, gehüllt in traditionelle somalische Gewänder, das Bettzeug um den Kopf gewunden, schwarze Billig-Sandalen an den Füßen. Aufgenommen einen Moment vor seinem Tod. Es ist das einzige Bildnis, das von Maxamed Abdullahi bleiben wird, abgespeichert im digitalen Archiv des US-Militärs, vielleicht auch auf einem mittlerweile aussortierten Computer, jedenfalls irgendwo in Ramstein. In Deutschland.

Wenn das Richtmikrofon der Drohne angestellt war, ist auf diesen Aufnahmen sogar zu hören, was dort unten passiert ist. Die Explosion, Schmerzensschreie, die Stille danach. Was auch immer. Wenn der Co-Pilot auf Wärmebildkamera geschaltet hat, konnte die Besatzung zusehen, wie sich die Temperaturen nach dem Anschlag verändert haben. Wie die Körper der Menschen immer kälter wurden.

Mitarbeit: Christian Fuchs, Antonius Kempmann, Abdalle Ahmed Mumin, Tanjev Schultz, Jan Strozyk, Tobias Zick

Die ARD sendet diesen Donnerstag einen Themenabend zur Serie "Der geheime Krieg": Um 21:45 Uhr berichtet das Magazin "Panorama" über Deutschlands Rolle im amerikanischen Drohnenkrieg. Zuschauer können den Film auch im Social-TV schauen und direkt mitdiskutieren. Dann folgt die Talkshow "Beckmann", um 0:00 Uhr schließlich der Dokumentarfilm "Schmutzige Kriege".