Angriffe auf US-Vertretungen:"Er agiert wie ein verschuldeter Pokerspieler"

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Der Tod von US-Botschafter Christopher Stevens sowie drei seiner Kollegen ist dann auch ein wichtiges Thema in den Abendsendungen der Kabelsender, doch noch länger wird über die Auswirkungen auf den laufenden Wahlkampf debattiert. Während Ezra Klein Romneys Aktion im liberalen Sender MSNBC als Verzweiflungstat bezeichnet ("Er agiert wie ein hochverschuldeter Pokerspieler, der ständig den Einsatz erhöht"), muss auch Bill O'Reilly, Aushängeschild des konservativen Kanals Fox News, zugeben, dass das erste Statement aus Boston "nicht ganz akkurat" war.

Senator John McCain, einer der erfahrensten republikanischen Außenpolitiker, vermeidet bei CNN jede Aussage zu Romneys erster Erklärung und konzentriert sich wie viele andere Konservative auf den Vorwurf, Obamas Führungsschwäche gefährde Amerikas Sicherheit. Ungeteiltes Lob erhält Mitt Romney, dessen außenpolitische Überzeugungen acht Wochen vor der Wahl ebenso vage sind wie seine Pläne in der Steuerpolitik, allerdings von seinen einstigen Widersachern Rick Santorum und Newt Gingrich sowie von Sarah Palin. Sie schreibt auf ihrer Facebook-Seite: "Es ist Zeit, dass unser Präsident sich hinter Amerika stellt und die Taten der islamistischen Extremisten verurteilt."

Zerstörer und Marines

Und wie reagiert der als Schwächling und Dauer-Entschuldiger gescholtene Barack Obama? Der US-Präsident schickt zwei Kriegsschiffe an die libysche Küste. Die beiden Zerstörer sowie 50 US-Marines würden als "Präventivmaßnahme" entsendet, teilte ein anonymer US-Regierungsvertreter mit. Bereits zuvor war aus dem Pentagon verlautet, dass die US-Armee eine Anti-Terror-Einheit nach Libyen schickt.

In einem CBS-Interview, das in voller Länge am Sonntag ausgestrahlt wird, gibt Obama den erfahrenen Staatsmann und erteilt dem Neuling Mitt Romney eine Lektion: Er habe als Präsident gelernt, dass alle öffentlichen Äußerungen "von Fakten gestützt" sein müssten. Sein Herausforderer agiere hingegen nach dem Motto "Erst schießen, dann zielen" (Video-Ausschnitt hier).

Allerdings sind die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten und in Nordafrika auch für den Amtsinhaber nicht ohne Risiko: Sollte sich in den kommenden Tagen herausstellen, dass wirklich Al-Qaida-Sympathisanten für den Tod der vier Amerikaner in Bengasi verantwortlich waren und eine solche Aktion am Jahrestag von 9/11 durchführen konnten, dann würden - zu Recht - Fragen nach der Arbeit von CIA und Regierungsbehörden gestellt werden. Eins steht fest: Die letzte der drei TV-Debatten zwischen Obama und Romney, bei der sich am 22. Oktober alles um Außenpolitik dreht, wird spannend werden.

Linktipp: In der Sendung Morning Joe bei MSNBC analysiert Joe Klein, Kolumnist des TIME-Magazins, welche Rolle der Streit über die angemessene Reaktion auf Irans Nuklearprogramm in der aktuellen Debatte spielt - und wieso sich Israels Premier Benjamin Netanjahu in den US-Wahlkampf einmischt.

Mit Material von AFP.

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