Angriffe auf IS-Milizen Die Zurückhaltung ist vorbei

Kopten trauern um die Gastarbeiter, die in Libyen von IS-Terroristen ermordet wurden.

(Foto: REUTERS)
  • Nach der Ermordung von 21 koptischen Christen in Libyen fliegt Ägypten Vergeltungsangriffe gegen den Islamischen Staat (IS).
  • Libyens international anerkannte Regierung in Tobruk begrüßte die Luftschläge, mit denen das Nachbarland nun offen in den libyschen Bürgerkrieg eingreift.
  • Die von Islamisten geführte Gegenregierung in Tripolis verurteilte die Angriffe Ägyptens dagegen als "Attacke auf die Souveränität Libyens".
  • In Ägypten bangen die Menschen nun um eine Gruppe von Fischern, die ebenfalls enführt worden sein soll.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Sie haben ein Leben gesucht in Libyen, gefunden haben sie einen grausamen Tod. Islamistische Extremisten, die sich zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekennen, haben 21 koptischen Christen aus Ägypten an einem Strand - offenbar am Mittelmeer - mit Messern die Köpfe abgetrennt und am Sonntagabend ein Video davon ins Internet gestellt. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Am Montag flogen ägyptische Kampfjets im Morgengrauen Luftangriffe in Libyen. Laut einem Militärsprecher wurden Ausbildungslager und Waffendepots des IS bombardiert, am Nachmittag stiegen die Jets zu einer zweiten Angriffswelle auf. Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte noch in der Nacht im Fernsehen angekündigt, dass sich Ägypten das Recht auf eine angemessene Antwort vorbehalte, um Vergeltung gegen "diese Mörder und Kriminellen zu üben".

Ägypten gibt damit die Zurückhaltung im Kampf gegen den Islamischen Staat auf; an der von den USA geführten internationalen Koalition gegen die Dschihadisten hatte Kairo sich nicht aktiv beteiligt. Allerdings kämpft das Militär auf dem Sinai gegen Ansar Beit al-Maqdis, eine Gruppe, die sich dem IS angeschlossen hat. Zudem interveniert Ägypten nun offen in dem Bürgerkrieg im Nachbarland, nachdem es bisher die international anerkannte Regierung in Tobruk unter Premier Abdullah al-Thinni und den mit ihm verbündeten General Khalifa Haftar unterstützt hatte - auch mit Luftschlägen oder zumindest Hilfe für Jets aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Ziele in Libyen attackiert hatten.

Präsident Sisi hat ein Problem: Trotz der Terrorgefahr suchen viele Ägypter Arbeit in Libyen

Thinnis Regierung begrüßte die Angriffe und teilte mit, diese seien mit ihr abgestimmt. Auch sie habe die Islamisten bombardiert. Bei der ersten Welle wurden nach libyschen Angaben mindestens 64 Dschihadisten getötet. Ägypten attackierte offenbar Ziele nahe der Islamistenhochburg Derna, libysche Jets griffen Ziele nahe Ben Jawad und Sirte an, jener Hafenstadt am Mittelmeer, in der die 21 Kopten entführt worden waren. Es werde auch an diesem Dienstag weitere abgestimmte Angriffe geben, kündigte der Sprecher der libyschen Luftwaffe an. Den Einsatz ägyptischer Bodentruppen lehnte Tobruk jedoch ab. Die von Islamisten geführte, nicht anerkannte Gegenregierung in Tripolis verurteilte dagegen die ägyptischen Luftschläge scharf. Sie seien "eine Attacke auf die Souveränität Libyens".

Präsident Sisi ist in einer schwierigen Lage: Trotz des Bürgerkriegs und der wachsenden Bedrohung durch islamistische Extremisten suchen weiter Hunderttausende Ägypter ein Auskommen in Libyen. Die 21 Opfer kommen aus der oberägyptischen Provinz Minya, einer der ärmsten Regionen des Landes. Noch vor zwei Wochen, als die Bedrohung längst bekannt war, sagten muslimische und christliche Gastarbeiter dort der Süddeutschen Zeitung, sie würden versuchen, so bald wie möglich nach Libyen zurückzukehren. Sie finden in ihrer Heimat keine Arbeit, zudem verdienen sie im Nachbarland ein Vielfaches.

Sisi kündigte dennoch an zu verhindern, dass Ägypter weiter nach Libyen reisten. Die Regierung hat ihren Landsleuten sogar angeboten, sie in Sicherheit zu bringen. Doch zum einen ist unklar, wie das logistisch funktionieren soll. Zum anderen ist zu vermuten, dass viele Ägypter trotz der Bedrohung in Libyen bleiben wollen. Kairo hat zudem bislang keinerlei Ankündigungen gemacht, ob die Regierung den Familien der Gastarbeiter helfen werde, deren Zahl immer noch auf Hunderttausende bis zu einer Million geschätzt wird. Den Hinterbliebenen der Opfer sagte die Regierung eine Entschädigung von umgerechnet 23 000 Euro pro Getötetem zu.

Die Terroristen suchten gezielt nach christlichen Arbeitern

Bisher waren Christen, nach Schätzungen bis zu ein Drittel der Arbeiter, besonders gefährdet - gegen die "feindliche koptische Kirche" agitiert auch das IS-Video. Die meisten ihrer Opfer kidnappten die Terroristen aus einem Gebäude, in dem viele Ägypter wohnen. 15 Maskierte durchsuchten es Zimmer für Zimmer. Sie ließen sich die Ausweise zeigen, auf denen in Ägypten die Religionszugehörigkeit vermerkt ist. Mit vorgehaltenen Waffen separierten sie die Christen von den Muslimen und zerrten sie in Handschellen in ihre Autos. Nachdem Kairo nun offen in Libyen eingreift, könnte die Gefahr für muslimischer Ägypter steigen: Den jordanischen Piloten Moaz al-Kasasbeh hatten die Dschihadisten getötet ungeachtet der Tatsache, dass er Muslim war.

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Viele Ägypter pendeln nach Libyen, weil sie dort deutlich mehr Geld verdienen. Der Bürgerkrieg im Nachbarland bringt sie in Lebensgefahr. Doch der Druck, die Familie ernähren zu müssen, ist oft größer als die Angst.   Von Paul-Anton Krüger

Angehörige der Opfer hatten am Wochenende in Kairo demonstriert und der Regierung vorgeworfen, nicht genug für deren Freilassung zu tun - allerdings muss man davon ausgehen, dass die Männer zu diesem Zeitpunkt schon tot waren: Standbilder aus dem Video waren schon am Donnerstag in einer Propaganda-Publikation des IS erschienen. Diese Veröffentlichung und auch die Produktionsqualität des Videos legen nahe, dass es wesentlich engere Verbindungen zwischen libyschen Dschihadisten und dem IS-Kalifat in Syrien und Irak gibt, als bislang angenommen. In Ägypten bangen die Menschen nun um 21 Fischer aus Kafr al-Scheich, die vor der Küste Libyens gekidnappt und nach Misrata verschleppt worden sein sollen.