Angriffe auf Flüchtlinge Von der Gruppenidentität zur Abwertung der Anderen

Hinter dieser Entwicklung steckt eine Reihe von Faktoren, die Sozialwissenschaftler seit Jahren untersuchen. Und während es in der Vergangenheit noch verpönt war, darauf hinzuweisen, ist es inzwischen weitgehend Konsens:

Der Fremdenfeindlichkeit und ihren Auswüchsen liegt zum einen ein tief verwurzeltes, latentes Misstrauen des Menschen gegenüber allem Unbekannten und Ungewohnten zugrunde. Ein Misstrauen, das sich - trotz aller Neugier - während der Evolution des Menschen offenbar als Überlebensvorteil erwiesen hat. Denn dem Unbekannten erst einmal mit Vorsicht zu begegnen - mit der Option, über das Kennenlernen Vertrauen zu entwickeln -, schützte vor möglichen Gefahren.

Die Wurzeln der Angst
Fremdenfeindlichkeit

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Zum anderen spielt das Bedürfnis eine wichtige Rolle, die Menschen in Gruppen zu unterteilen, um sich besser orientieren zu können. Das tun schon Kinder sehr früh. Solche Gruppen können sich über gemeinsame Wertvorstellungen ergeben, über Traditionen, Religionen, Ethnien, Sprachen bis hin zur Vorliebe für eine bestimmte Sportart oder einen Fußballklub. Und eine wichtige Unterscheidung von Gruppen ist die zwischen jenen, zu denen man sich selbst zählt, und allen anderen.

Unser Gehirn arbeitet mit Stereotypen

Die Erkenntnisse der Verhaltensbiologen deuten darauf hin, dass auch dieses Verhalten bereits in der Evolution des Menschen entstanden ist. Demnach hat sich der Homo sapiens in Kleingruppen entwickelt, die mit anderen Gruppen in Konkurrenz um begrenzte Ressourcen standen. Die Mitglieder dieser Gruppen waren auf Kooperation angewiesen, die nur funktioniert, wenn man sich kennt und vertraut, sagt etwa der Soziobiologe Eckart Voland von der Universität Gießen. Je größer solche Gruppen werden, desto weniger kennt man sich. Dafür können sich die Mitglieder an bestimmten Merkmalen erkennen, die für bestimmte Gruppen stehen. Und damit die Kategorisierung leichter und schneller funktioniert, arbeitet unser Gehirn auch mit Stereotypen, mit Vorurteilen.

Für den Einzelnen ist Sozialwissenschaftlern zufolge die Zugehörigkeit zu Gruppen ein wichtiger Aspekt der eigenen sozialen Identität. Als Mitglied werden wir von den anderen akzeptiert und geschätzt. Das führt zu einem höheren Selbstwertgefühl und dem Gefühl, mehr Einfluss zu haben, mehr Kontrolle, mehr Chancen, eigene Interessen durchzusetzen. Zugleich nehmen wir an den Mitgliedern der eigenen Gruppe eher gute Eigenschaften wahr als schlechte. Wer wollte schon einer Gruppe angehören, in der das umgekehrt wäre?

Dieses Verhalten ist für sich genommen weder gut noch schlecht. Es kann jedoch negative Folgen haben. Denn die Identifikation mit bestimmten Gruppen und die Neigung, diese aufzuwerten, birgt die Gefahr, dass wir andere Gruppen im Vergleich zu unserer eigenen abwerten.

Das wird besonders gefährlich, wenn Menschen Angst haben, in der Gesellschaft abgehängt zu werden, wenn sie Angst haben, den Job, die Wohnung oder den erarbeiteten Wohlstand zu verlieren, wenn sie fürchten, dass das vertraute Umfeld sich zu sehr verändert, wenn sie fürchten, nicht mehr dazu zu gehören.

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