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Angriff in Freiburg:Nase gebrochen, Platzwunde, "alles sozusagen pillepalle"

Oberbürgermeisterwahl in Freiburg

Martin Horn auf dem Weg zu einem Rettungswagen.

(Foto: dpa)

Martin Horn wird zum Oberbürgermeister von Freiburg gewählt und daran kann ein Schlag ins Gesicht auch nichts ändern. Über einen parteilosen Lokalpolitiker, der junge Familien anspricht und Facebook-Videos aus dem Krankenhaus postet.

Seine linke Gesichtshälfte schimmert blau-lila-rot, seine angeschwollene Nase gelblich. Unter seinem Auge kleben Pflasterstreifen, um die frische Naht zu schützen. Der Kragen seines weißen Hemds hat Blutflecken. Das Sakko und seine auffällige Brille mit dem dicken schwarzen Rand hat Martin Horn abgelegt. "Wir lassen uns nicht unterkriegen", sagt der lädierte Lokalpolitiker.

Wenige Stunden vorher hat Horn noch gefeiert. Die Freiburger haben den 33-Jährigen zum Oberbürgermeister gewählt. Bei seiner Wahlparty standen die Gratulanten Schlange. Horn streckte jedem die Hand hin.

Dann war ein Mann an der Reihe, der ihm nicht die Hand geben wollte. Er schlug Horn unvermittelt ins Gesicht - ob mit der Faust oder doch mit einer Flasche, weiß selbst das Opfer nicht. Es ging so schnell und der Schlag war so fest.

Fernsehbilder zeigen: einen verdatterten Wahlsieger, der sich ein Tuch mit Eis gegen das blutende Gesicht hält und in einen Krankenwagen steigt. Fassungslose Zuschauer in der so beschaulich wirkenden Innenstadt. Und einen Anzugträger in Handschellen, der sich gegen die Polizisten wehrt, die ihn abführen.

Der Schrecken ist groß, die Attacke erinnert an die Messerangriffe auf die spätere Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und den Bürgermeister des sauerländischen Altena, Andreas Hollstein. Reker wurde 2015 von einem Rechtsextremen schwer verletzt. Hollstein überstand die Attacke in einem Imbiss mit einer Schnittverletzung am Hals.

In Freiburg ist der mutmaßliche Täter nun ein 54-Jähriger, bereits polizeibekannt und offenbar verwirrt. Ein politisches Motiv habe er offenbar nicht gehabt, erklären die Ermittler später.

Kurz nach Mitternacht stellt Horn ein Handyvideo auf Facebook online, das er noch in der Klinik aufgenommen hat. Er redet darin 53 Sekunden lang ohne Punkt und Komma.

Er lasse sich nicht "die Laune verderben", erst recht nicht am Weltlachtag, und danke den Wählern, seinen Unterstützern, "Polizei, Ärzte, alles top", er sei nicht allzu schwer verletzt, "eine gebrochene Nase und zwei kleine Stiche dort, einen angebrochenen Zahn, alles sozusagen pillepalle" und er werde gleich wieder zurück zur Wahlparty fahren, "das passt und jetzt nicht zu viele Sorgen machen, das wird schon, danke".

Ein Facebook-Video aus der Klinik posten, das hat bislang noch kein deutscher Politiker gemacht. Horn gehört zu einer neuen Generation und das ist es, was für die Freiburger wohl vor allem seinen Reiz ausgemacht hat. Der bisherige Oberbürgermeister Dieter Salomon ist seit 16 Jahren im Amt.

Salomons Wahl 2002 war eine kleine Sensation: Er wurde der erste grüne Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Da war Martin Horn gerade mal 17 Jahre alt. Der Grüne ist auch diesmal wieder angetreten, doch nach zwei langen Amtszeiten haben sich die Freiburger für den Wechsel entschieden. Im zweiten Wahlgang haben mehr als 44 Prozent Horn gewählt, der keiner Partei angehört. Nicht einmal ein Drittel der Wähler wollte Salomon bis 2026 als Oberbürgermeister behalten. Horns junges Gesicht kam ihnen gerade recht.

Er hat einen kleinen Sohn; seine Frau, eine Architektin, ist hochschwanger. Seine Politik ist ebenfalls maßgeschneidert für junge Familien, Horns Haupt-Wahlkampfversprechen: Kommunalpolitik soll wieder näher am Bürger sein. Die Stadt soll bezahlbare Wohnungen bauen. Und Kinderbetreuung soll günstiger werden; langfristig will Horn die Kita-Gebühren ganz abschaffen.

Mit Bildungspolitik hat sich Horn schon in der Vergangenheit beschäftigt. Der Sohn eines Pfarrers war Kinder- und Jugendreferent für zwei evangelische Kirchengemeinden und bildungspolitischer Referent für das Diakonische Werk. Studiert hat er Internationale Soziale Arbeit und Europa- und Weltpolitik. Zuletzt war Horn Europa- und Entwicklungskoordinator der Stadt Sindelfingen und dozierte an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.

Ein besonders kontroverser Kandidat war der Parteilose nicht. Im Wahlkampf unterstützte ihn die SPD und vor dem zweiten Wahlgang auch die FDP. Horn selbst hat öffentlich gesagt, dass er meistens die Grünen wählt.

"Er ist unheimlich offen und interessiert", sagt Julien Bender über Horn. Der Freiburger SPD-Chef Bender war es, der Horn ursprünglich die Kandidatur vorgeschlagen hatte. Damit, dass sie den Amtsinhaber vom Thron stoßen würden, hatten die beiden nicht gerechnet. Am Tag nach dem Anschlag schildert Bender, wie Horn ihm vom Krankenwagen aus zurief, er komme gleich zur Party zurück. Bei seiner Rückkehr wirkte er trotz des ramponierten Gesichts gefasst, sagt Bender, "und das sagt so viel über ihn aus". Bender meint, dass Horns professionelle Art, seine "interessante Persönlichkeit" und seine Überparteilichkeit den Unterschied machten. Andererseits hält der Unterstützer diese Überparteilichkeit auch für Horns größte Herausforderung. Es mache, meint Bender, Politik nicht einfacher, wenn man viele Interessen bündle.

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