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Angriff auf Togos Nationalelf:Fußballer zwischen den Fronten

Ein brutaler Angriff, der vielleicht erst der Anfang ist: Nach Jahrzehnten des Streits um die ölreiche Region Cabinda attackieren die Rebellen nun Sportler.

Arne Perras

Die Rebellion in Cabinda hatte die Welt längst vergessen. Seit Jahrzehnten kämpfen dort Rebellen für ihre Unabhängigkeit, aber nur selten drangen noch Nachrichten aus der westafrikanischen Region über die Grenzen hinaus.

Cabinda; Angola; Westafrika; Reuters

Ein angolanischer Soldat bewacht in Cabinda die Quartiere der Sportler des Afrika-Cups.

(Foto: Foto: Reuters)

Das hat sich am Nachmittag des 8. Januar mit einem Schlag geändert. Plötzlich haben die Aufständischen in diesem feuchtheißen Küstenstrich die globale Aufmerksamkeit erobert. Ihr Angriff auf die ahnungslose Nationalelf Togos zählt zu den brutalsten Übergriffen, die Sportteams im Laufe der Geschichte erlitten haben.

Cabinda ist nun also in aller Munde. Dort schwelt ein Konflikt, der niemals ganz gelöst, aber von der Regierung Angolas, Gastgeber des diesjährigen Afrika-Cups, stets kleingeredet wurde. Ein explosiver Cocktail macht Cabinda, das von 300.000 Menschen bevölkert wird, seit nahezu einem halben Jahrhundert zu einem Unruheherd.

Es gibt jede Menge Öl vor der Küste, die Aussicht auf unermesslichen Reichtum erhöht die Einsätze der politischen Auseinandersetzung. Die Bevölkerung ist arm und fühlt sich von der Zentralregierung in Luanda vernachlässigt und ausgebeutet, bewaffnete Gruppen wollen deshalb die Unabhängigkeit erzwingen.

Die Exklave grenzt im Landesinneren an die beiden riesigen Kongostaaten, links und rechts der Flussmündung. Zwischen Kongo-Brazzaville und Angola gibt es immer wieder Spannungen, wegen der Konkurrenz um die Rohstoffvorkommen im Meer.

Heute liefert Cabinda die Hälfte der angolanischen Erdölproduktion, das Gebiet ist für die regierende Clique Angolas also unverzichtbar - und für amerikanische Erdölfirmen auch. 2006 wurde zwischen Rebellen und Regierung zumindest ein "Memorandum für Frieden und Versöhnung" unterzeichnet, seither behauptet Angola, dass der Krieg in Cabinda sein Ende gefunden habe und die Lage stabil sei.

Dennoch schwelte der Kampf um Cabinda weiter, aufständische Milizen haben immer wieder Regierungs- und Militäreinrichtungen attackiert. Auch brasilianische und chinesische Experten, die meist im Ölsektor arbeiten, wurden angegriffen. Der Staat schlug mit Härte zurück. Menschenrechtsgruppen berichteten über Folter, willkürliche Verhaftungen und das große Leid der Zivilbevölkerung, die zwischen die Fronten gerät.

Cabinda ist als einzige der 17 angolanischen Provinzen durch die Mündung des Kongoflusses vom Rest des Staates getrennt. Im Jahr 1885 errichteten die Portugiesen ein Protektorat über den Küstenstreifen, 1954 wurde dort mit der Erforschung der Ölvorkommen begonnen.

Zwei Jahre später führte Portugal Angola und Cabinda zu einer Verwaltungsunion zusammen. Im Kampf gegen die europäische Imperialmacht, die Angola 1975 in die Unabhängigkeit entließ, wuchsen mehrere rivalisierende Befreiungsgruppen heran. So stürzte Angola in einen zähen Bürgerkrieg, der erst im Jahr 2002 endete.

Der Kampf um die Exklave Cabinda ging all die Zeit weiter. Ein dauerhafter Friede wurde bis heute nicht ausgehandelt. Als Kompromiss galten bisher eine weitreichende Autonomie und eine bessere Verteilung der Erdöleinnahmen. Die Attacke auf die Fußballmannschaft dürfte die Friedensbemühungen aber wieder um Jahre zurückgeworfen haben. Die Härte des Staates wird nun noch zunehmen, und die Attacke auf wehrlose Fußballer deutet auf eine extreme Radikalisierung des militärischen Rebellenflügels hin.

Zum Angriff auf die togoische Fußballelf bekannte sich der bewaffnete Arm der Rebellengruppe FLEC/PM (Befreiungsfront der Exklave von Cabinda), der schon vor dem Afrika-Cup mit Anschlägen drohte. Im Schreiben der Gruppe heißt es: "Am Freitag, 3 Uhr nachmittags, 8. Januar 2010, hat der Widerstand der FLEC/PM einen Angriff gegen angolanische Truppen ausgeführt, die Togos Nationalauswahl eskortierten." Laut FLEC ist das erst "der Anfang einer Serie von gezielten Aktionen, die im Territorium Cabinda weitergehen werden."

© SZ vom 11.01.2010/aho
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