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Angriff auf Österreich 1915:Höhnischer Gegenvorschlag aus Wien

Paris, London und Berlin waren zu großzügigen Zugeständnissen bereit, kaum überraschend, da es sich um Absprachen zu Lasten eines Vierten, nämlich Österreichs, handelte.

Dieses sperrte sich lange, vor allem gegen Gebietsabtretungen - etwa des Trentinos - mitten im Krieg, die administrativ nur schwer umzusetzen und der heimischen Öffentlichkeit kaum zu vermitteln gewesen wären. Warum sollte man Krieg führen, wenn man eigene Gebiete kampflos einem nicht einmal mitkämpfenden Nachbarn ausliefern solle?

Aus Wien kam der höhnische Gegenvorschlag, Deutschland könne ja Elsass-Lothringen an Frankreich zurückgeben, und dann könnten alle wieder nach Hause gehen.

Am Ende hatten die Entente-Mächte mehr anzubieten, denn sie mussten ja nicht sofort liefern: Sie boten die Brennergrenze, Istrien, Triest, Einfluss in Albanien und Teile des Osmanischen Reiches an. Als Italien am 24. April 1915 in London darüber einen Geheimvertrag abschloss, konnte es sich schmeicheln, nun endgültig in die Runde der europäischen Großmächte aufgenommen worden zu sein.

Vier Wochen später begann der Krieg in den Alpen. Die verzweifelten Bemühungen deutscher Emissäre wie Matthias Erzberger und Fürst Bülow, Italien zu halten, waren ebenso vergeblich geblieben wie die Warnungen des Papstes.

Leichtsinn und Panik

Italien ging also sehenden Auges, mit realpolitischem Kalkül in den Ersten Weltkrieg, nicht in der Mischung aus Leichtsinn und Panik, mit der sich die Großmächte im Sommer 1914 in den Weltbrand gestürzt hatten.

Allerdings tobten inzwischen die Leidenschaften auf vielen Straßen und Plätzen, angeheizt vor allem von den "Interventionisten", also der Kriegspartei.

Ihre Wortführer waren der Dichter Gabriele D'Annunzio, der im Mai 1915 ein Dutzend in ihrem Pathos heute kaum zu ertragender Reden vor Zehntausenden Zuhörern hielt, und der Sozialist Benito Mussolini, der sich in fliegendem Wechsel von einem linksradikalen Pazifisten zu einem nationalistischen Kriegstreiber wandelte, und dafür sogar eine neue Zeitung finanziert bekam, unter anderem von der italienischen Waffenindustrie.

Das wirtschaftlich eher zurückgebliebene, gesellschaftlich tief gespaltene Italien wurde in Kultur und Propaganda zu einem Laboratorium der Avantgarde, wo schon im ersten Halbjahr 1915 der neue faschistische Propagandastil der Zukunft erprobt wurde, der Appell an die Massen, die hämmernde Rhetorik, das Pathos von Blut und Kampf.

Dem angeblich kühlen "sacro egoismo" von Ministerpräsident, Außenminister und König sprang die neue Massenagitation ebenso paradox wie wirkungsvoll an die Seite. Selten sind Kabinettspolitik und Literatengeschwätz eine so explosive Verbindung eingegangen.

Das Tragische an diesen nur aus dem Geist ihrer Zeit, dem ungebrochenen Machtstaatsdenken und der Obsession mit nationaler Integrität, begreiflichen Vorgängen war: Die italienische Gesellschaft in ihrer Breite war gar nicht für den Krieg, weder die liberale Parlamentsmehrheit noch die katholische Kirche, am wenigsten die arme Landbevölkerung, die schon der verbreitete Analphabetismus daran hinderte, das Wüten in den Zeitungen zur Kenntnis zu nehmen.

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