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Angola:"Wir können endlich ein Kapitel schließen"

Vor 17 Jahren erschossen Regierungssoldaten den umstrittenen angolanischen Unabhängigkeitskrieger Jonas Savimbi. Erst jetzt durften die Familie und alte Weggefährten ihn in seinem Heimatdorf begraben.

Von Bernd Dörries, Lopitanga

Angolas Rebellenchef Jonas Savimbi war im Kalten Krieg zunächst Kommunist, dann Antikommunist. Und in Angola kämpfte er erst gegen die Kolonialisten, dann gegen die eigenen Leute.

(Foto: Trevor Samson/AFP)

In den Bäumen hängen riesige Plakate, die Jonas Savimbi mit den Großen dieser Welt zeigen und ihn so wohl selbst zu einem machen sollen. "Den alten Mann" haben sie ihn schon genannt, als er noch recht jung war, auf den Plakaten ist er im Weißen Haus mit Ronald Reagan und mit George Bush dem Älteren zu sehen. In den Archiven hätten sich womöglich auch Fotos gefunden, die Jonas Savimbi mit Franz Josef Strauß zeigen, die beiden in der Staatskanzlei in München. Aber vielleicht war das der Familie zu klein und provinziell für die letzte große Bühne für Jonas Savimbi, von der er ja eigentlich schon seit vielen Jahren verschwunden war.

Vor 17 Jahren wurde der Unabhängigkeitskrieger von angolanischen Regierungssoldaten erschossen und unter einem Baum verscharrt. Erst am Samstag durfte ihn die Familie beisetzen. Etwa 20 000 Menschen sind in sein Heimatdorf Lopitanga gekommen. In einer Feldküche gibt es wässrige Suppe aus riesigen Töpfen und warmes Bier. Zwei Brunnen wurden gebaut, weil es hier in der tiefsten Provinz Angolas kein fließendes Wasser gibt und keinen Strom. Auf dem großen Platz des Dorfes exerzieren junge Frauen und singen revolutionäre Lieder, auf großen Transparenten wird die Revolution gepriesen. Savimbi hätte es wahrscheinlich gefallen, der "ewige Rebell" wurde er auch genannt, weil er den größten Teil seines Lebens im Busch verbrachte, Lager aufschlagen, Brunnen bohren und seine Leute exerzieren ließ - alles für den großen Kampf ums Vaterland. Bis zu 70 000 Leute hatte seine Unita, erst führte er Krieg gegen die portugiesischen Kolonialisten und nach der Unabhängigkeit 1975 noch 27 Jahre gegen das kommunistische Regime, Angolaner gegen Angolaner. Es war Afrikas Dreißigjähriger Krieg, mit einer halben Million Toten.

Angola war eine der Gegenden, die der Kalte Krieg zu einem ziemlich heißen Ort gemacht hat

"Wir können endlich ein Kapitel schließen", sagt Rafael Savimbi. Er trägt ein T-Shirt mit dem Foto seines Vaters, wie viele der Trauergäste, die sich am Samstag zu Fuß auf den Weg durch den Busch gemacht haben oder auf den Ladeflächen von Lkw hierhergekommen sind. Sie singen, sie lachen, sie tanzen den halben Tag, und immer wieder wischen sie sich die Tränen aus den Augen. "Es ist alles sehr emotional", sagt Rafael Savimbi. In der afrikanischen Kultur sei es die schlimmstmögliche Demütigung, den Angehörigen den Leichnam eines der Ihren vorzuenthalten: Ohne Beerdigung in der Heimat können sie keinen Kontakt zu den Geistern der Vorfahren aufnehmen. "Siebzehn Jahre haben wir es versucht, aber die Regierung hat uns nicht gelassen, so groß war der Hass", sagt Rafael Savimbi.

Angola war eine der Gegenden auf der Welt, die der Kalte Krieg zu einem ziemlich heißen Ort gemacht hat. Die beiden Blöcke kämpften auf dem ganzen Kontinent um Einfluss, Angola war durch seine späte Unabhängigkeit ein Land, das sich noch auf keine der beiden Seiten geschlagen hatte. Jonas Savimbi ließ sich einst in China zum maoistischen Buschkrieger ausbilden und nahm dann den Kampf gegen die portugiesischen Kolonialisten auf. Weil es aber bereits eine andere marxistische Befreiungsbewegung gab, die MPLA, die Waffen, Soldaten und Geld aus dem Ostblock bekam, wurde Savimbi halt Antikommunist und treuer Gefährte Washingtons im Kampf gegen das Böse aus Moskau. Auch er bekam Waffen und Geld. Beide Seiten rüsteten sich in einen Wahn, Kuba schickte 50 000 Soldaten über das Meer, die südafrikanische Armee rückte mit Panzern und Militärgeheimdienstlern ein.

Letztes Geleit für den „ewigen Rebell“: 20000 Menschen kamen am Wochenende zur Trauerfeier für Jonas Savimbi.

(Foto: Rodger Bosch/AFP)

"Es war eine unglaublich schöne Zeit", sagt Daniel de la Rey, 69, über die damalige Zeit. Er hat einen schwarzen Anzug an und sitzt in der ersten Reihe der Trauergäste, an seiner Brust baumeln ein paar Dutzend Orden: 1979 hat ihn die südafrikanische Armee in den Krieg geschickt, 1981 riss ihm eine Mine beide Arme ab. Die Armee wollte ihn nach Hause holen und entlassen, Savimbi ihn aber bei sich behalten, ein paar Monate später war er wieder im Dienst. Im Jahr 1983 heiratete er seine Frau, die dann in den Lagern der Unita die Verletzten pflegte. Ein weißes Ehepaar aus der Apartheid-Armee verfällt den schwarzen Unabhängigkeitskriegern. "Es gab einen ungeheuren Zusammenhalt, die Unita-Anhänger kamen aus den Dörfern und wollten lernen, wollten ihr Land verändern und in den Kampf ziehen. Ich bin wegen der Menschen geblieben." Zusammen mit sieben weiteren Veteranen ist de la Rey am Samstag zu Beerdigung gekommen. Drei von ihnen wurden schwer verwundet, aber alle sagen: Angola ist ein Teil von uns. Es war die Zeit unseres Lebens. Sie waren jung, es war ein Abenteuer. Und in der Mitte stand Jonas Savimbi, ein Mann, der auf den Bildern eher wie ein Discogänger aussieht, den breiten weißen Hemdkragen immer über Jacken oder Anzug geschlagen. Er hat uns in die Augen gesehen und in seinen Bann gezogen, sagen viele Kämpfer und Sympathisanten von damals.

In den 1980er-Jahren hatte die Linke in Europa und den USA Che Guevara und Thomas Sankara als revolutionäre Ikonen, Rechte und Konservative hielten sich gerne Savimbi als afrikanischen Hausrevolutionär. Zumindest, solange es Sinn hatte. Solange der Kalte Krieg tobte und manchmal überhitzte.

"Es war keine Freundschaft, nur Mittel zum Zweck", sagt der Sohn Savimbis heute. Als die Sowjetunion zerbrach, wurde Angola uninteressant, Wahlen wurden abgehalten, Savimbi verlor. Womöglich weil der Urnengang gefälscht war, weil Savimbi den USA zu unabhängig war, die angolanischen Ölreseveren nationalisieren wollte. Beweise gibt es keine. Aus dem charismatischen Freiheitskrieger wurde ein Tyrann, der Friedensverträge schloss und sie nicht einhielt, der einen sinnlosen Krieg immer länger machte und auch engste Vertraute hinrichten ließ, der Frauen angezündet haben soll, die ihm nicht willig genug waren. Auf der Bühne der Trauerfeier wird nur der Held besungen, der das Beste zum Wohle aller wollte. Der Sohn Savimbis sagt, vor allem junge Leute würden sich heute wieder für die Reden und Ziele seines Vaters interessieren. "Dem Land geht es miserabel, die vielen Milliarden aus dem Öl wurden von der korrupten Elite gestohlen." Der Vater habe nie geklaut. Savimbi junior ist bereits stellvertretender Generalsekretär der Unita und will weiter nach oben. Wie seine Chancen dafür stehen, hängt auch von dem Blick auf die Vergangenheit ab, wie das Erbe seines Vaters gesehen wird. "Er hat auch Fehler gemacht und sich 2001 ein Jahr vor seinem Tod dafür entschuldigt", sagt der Sohn.

Der Veteran Daniel de la Rey hat eine Savimbi-Biografie zur Trauerfeier gebracht, mit der Unterschrift des alten Mannes, die weitere Widmungen von Veteranen bekommt. Das Buch ist 1987 erschienen und wird von Savimbis Kritikern als eine naive Verehrung gesehen. Auch der Autor sagt mittlerweile, Savimbi habe eine psychopathische Seite gehabt. "Es hat mich traurig gemacht, als ich von diesen Vorwürfen gehört habe", sagt de la Rey. Immer wieder habe er darüber nachgedacht, wie es dazu habe kommen können. "Auch Savimbi hat schlimme Massaker der anderen Seite erlebt, das hat ihn nicht kaltgelassen, das hat etwas mit ihm gemacht." Er und seine Kameraden sagen: Es seien die Politiker, die Kriege beginnen, nicht die Soldaten. Die wüssten, wie sich das anfühlt.

Heute sei das Land stabil, betonen Diplomaten gerne. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit

Fast 20 Jahre ist der Bürgerkrieg in Angola nun vorbei, das Land ist "stabil", wie es die westlichen Diplomaten nennen, was meist eine Chiffre dafür ist, dass eine reiche Clique an der Macht ist, die sich die Reichtümer unter den Nagel reißt, man sich aber nicht die Köpfe einschlägt. In Angola bestand die Hoffnung, dass die Beerdigung Savimbis dazu beiträgt, die verfeindeten Lager zu versöhnen. Die Beisetzung wurde erst möglich, nachdem Savimbis Gegenspieler Präsident José Eduardo dos Santos 2017 aus dem Amt geschieden war und sein Nachfolger willens schien, nach all den Jahren die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Bei Hochzeiten weiß man manchmal nicht, ob beide Brautleute auch wirklich erscheinen, bei Beerdigungen ist zumindest davon auszugehen, dass die Teilnahme der Leiche gesichert ist: In den Tagen vor der Beisetzung begann die MPLA-Regierung aber eine Art Versteckspiel mit den sterblichen Überresten, sie waren nie an dem Ort, an dem die Übergabe vereinbart war. Savimbis Familie wollte einen kleinen Trauerzug durch die Region, die Regierung möglichst wenig Aufsehen. Erst in letzter Minute kam die Leiche an. Das Flugzeug von der Hauptstadt Luanda in die Provinz, mit dem ein Teil der ausländischen Delegation anreiste, wurde stundenlang am Boden gehalten. Ein niederländischer Geschäftsmann, der seit Jahrzehnten in Afrika Geschäfte machte und in Angola eine Landebahn gebaut hat, erinnert sich in der Abflughalle lachend daran, wie hier immer wieder Flugzeuge mit politischen Gegnern vom Himmel fielen. Und nimmt dann lieber das Auto. Auf der Trauerfeier sagt er, Savimbi werde viel zu kritisch gesehen. Viele der Gegner seien einfach falsch informiert.

Angelino Cheia hat seine Informationen aus erster Hand, er steht auf dem Parkplatz vor der Beerdigung, hat ein paar Gäste mit dem Auto gebracht, ist also beruflich hier. 1994 wurde seine Mutter erschossen, mit dem kleinen Bruder auf dem Rücken, erzählt er. "Es war ein sinnloser Tod, der vermeidbar gewesen wäre, wenn Savimbi nicht immer weitergekämpft hätte", sagt Cheia. Wie es ihm gehe, wenn er die Reden auf Savimbi höre? "Es ist seltsam", sagt Angelino Cheia. Aber vielleicht sei es ja doch ein Schritt zur Versöhnung. Irgendetwas müsse sich ja ändern in Angola.

© SZ vom 03.06.2019
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