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Angola:Im Schatten der Fassaden

Trial of Angolan activists

Domingos da Cruz (Zweiter von rechts) ist einer der 17 jungen Angolaner, die für ihre Teilnahme an einem Lesezirkel zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden.

(Foto: Paulo Juliao/dpa)

Angola ist eine der wichtigsten Volkswirtschaften Afrikas, doch auf Demokratie warten die Menschen vergebens. Begegnung mit einem Opfer der Willkür.

Von Isabel Pfaff, Luanda

Natürlich war er glücklich, als er aus dem Gefängnistor trat. Als er endlich raus durfte, er und die 16 anderen jungen Angolaner. Ein wackeliges Video hat den Moment ihrer Freilassung festgehalten: die jubelnden Ehefrauen, Ehemänner, Mütter und Väter, die mit erhobenen Fäusten "Liberdade, liberdade" schreien - Freiheit. Und dann zu den Freigelassenen rennen und sie in den Arm nehmen.

Nach mehr als einem Jahr darf Domingos da Cruz wieder bei seiner Familie sein. "Aber ich habe keinerlei Sicherheit, was mit mir passieren wird", sagt er mit einem Schulterzucken. Da Cruz ist ein schmaler, leiser Mann von 33 Jahren. Er sitzt an einem Cafétisch, vor ihm eine Wasserflasche, hinter ihm lärmt ein Fernseher. Es ist der Tag nach der Freilassung, noch nicht einmal 24 Stunden hat er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern verbracht. Trotzdem war er zu einem Treffen bereit. Er sagt, "nur weil ich auf freiem Fuß bin, ist es noch nicht vorbei."

Acht Jahre Gefängnisstrafe für das Lesen von Aufsätzen und Büchern

In den Augen der angolanischen Regierung haben Domingos da Cruz und seine 16 Mitstreiter vor ziemlich genau einem Jahr einen schweren Fehler begangen. Die Gruppe hatte sich an einem Juniabend in Vila Alice verabredet, einem der wenigen Viertel der Hauptstadt Luanda, wo noch pastellfarbene Häuschen aus der portugiesischen Kolonialzeit stehen. Hier wollten die Studenten, Musiker, Lehrer und Journalisten Bücher über gewaltfreie Protestformen diskutieren. Der Treffpunkt: ein Buchladen mit Glasfront zur Straße, offen für alle. Auch für die Polizisten, die den Lesezirkel kurze Zeit darauf sprengten. Sie nahmen die Teilnehmer fest, verhafteten später noch weitere Aktivisten. Erst im November, nach fünfmonatiger Untersuchungshaft, begann ihr Prozess. Die Anklage lautete auf Vorbereitung eines Aufstands und Verschwörung gegen den Präsidenten. Waffen hatte man bei den 15 Männern und zwei Frauen zwar nicht gefunden. Dafür jede Menge Papier: regierungskritische Aufsätze, Bücher, Rap-Texte.

Der Prozess um die 17 Aktivisten hat einen recht eindeutigen Einblick in den Charakter des angolanischen Regimes gewährt. Präsident José Eduardo dos Santos lenkt das rohstoffreiche Land im Südwesten Afrikas seit bald 37 Jahren; unter ihm hat Angola den Bürgerkrieg erlebt, aber auch die Boomjahre seit 2002. Heute ist das Land der zweitwichtigste Ölexporteur und die drittgrößte Volkswirtschaft in Afrika. Doch auf echte Demokratie warten die Menschen in Angola bis heute.

Das Land steckt fest in der Hand der Regierungspartei MPLA und noch fester in den Händen der Präsidentenfamilie. Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung vor, mit Gewalt gegen Andersdenkende vorzugehen; auf der Rangliste der Pressefreiheit nimmt Angola den 123. Platz von 180 ein.

Doch der Fall der 15+2, wie die Aktivisten genannt werden, ist selbst für angolanische Verhältnisse heftig: Im März verurteilte das Provinzgericht von Luanda die Aktivisten für ihre gewaltfreien politischen Aktivitäten zu Gefängnisstrafen zwischen zwei und acht Jahren.

"Das Gericht?" Domingos da Cruz lächelt müde. "Es gibt nur eine einzige Macht in diesem Land, und die heißt José Eduardo dos Santos." Der Präsident allein habe entschieden, so hohe Strafen zu verhängen - und sie jetzt überraschend auszusetzen. Wie die anderen Aktivisten steht da Cruz nun unter Hausarrest, so lange, bis das Berufungsverfahren der 15+2 am Obersten Gerichtshof entschieden ist.

Da Cruz hat das unauffällige Äußere junger afrikanischer Intellektueller, er trägt ein einfaches T-Shirt und Gummislipper zu den Jeans. Er ist Jurist, bis zu seiner Verhaftung hat er als Uni-Dozent gearbeitet. "Den Job habe ich natürlich verloren", sagt er. Da Cruz hat die höchste Strafe der Gruppe erhalten, achteinhalb Jahre. In der Logik des Regimes ist das schlüssig: Er gehört zu den bekanntesten Dissidenten Angolas, eines seiner Bücher heißt "Werkzeuge, um eine Diktatur zu zerstören und eine neue Diktatur zu verhindern". Im Prozess musste er es Seite für Seite vorlesen.

Man merkt dem zurückhaltenden jungen Mann nicht an, was für ein Jahr hinter ihm liegt. Die Untersuchungshaft in wechselnden Gefängnissen, der Prozess, der sich über Monate hinzog. Im Dezember trat da Cruz mit drei anderen für mehrere Wochen in den Hungerstreik, um gegen die Dauer des Verfahrens und ihre Haftbedingungen zu protestieren. "Die Zellen waren schmutzig und voller Tiere, wir hatten kein Licht", erzählt er. Seine Frau durfte ihm einmal pro Woche ein Essenspaket bringen, dafür musste sie sich von den Wärtern durchsuchen lassen. Manchmal musste sie sich auch nackt auszuziehen.

Die Verhaftung von Kritikern hat viel mit der Angst des Regimes vor Kontrollverlust zu tun

War ihm und seiner Familie klar, dass ihnen so etwas passieren konnte? "Natürlich", sagt da Cruz. "Der Präsident ist ein sehr gefährlicher Mann." In jedem Fall ist er einer, der zur Zeit unter erheblichem Druck steht. Seit der Ölpreis abgestürzt ist, hat die Regierung von dos Santos an Spielraum verloren. Beobachter vermuten, dass die Verhaftung der 15+2 viel mit der Angst des Regimes vor Kontrollverlust zu tun hat.

Mit dem großen internationalen Interesse an dem Prozess hatte die Regierung aber offenkundig nicht gerechnet. Menschenrechtsorganisationen schlugen Alarm, auch die sonst in Angola zurückhaltende EU kritisierte das Verfahren. Mit jedem Foto von den Angeklagten in Sträflingskleidung, von den abgemagerten Aktivisten im Hungerstreik bekam Angolas Image als glitzerndes Aufsteigerland neue Risse. Dass die 17 jetzt in den Hausarrest entlassen wurden, deuten viele als Reaktion darauf.

Das Schicksal von Domingos da Cruz und seinen Mitstreitern ist damit jedoch nicht entschieden. Solange die Justiz ihr Urteil aufrechterhält, kann das Regime die Aktivisten jederzeit wieder in die Zange nehmen - ein geschickter Trick, Kritiker zum Schweigen zu bringen, ohne sie zu Märtyrern werden zu lassen.

Da Cruz will dieses Spiel nicht mitspielen. "Warum sollte ich jetzt aufhören? Angola ist doch immer noch dasselbe Land." Er deutet nach draußen, auf die staubige Straße, die Müllberge neben der Fahrbahn, die Kinder, die zwischen kaputten Autos Fußball spielen. "Unser Land ist so reich, und trotzdem haben die meisten Angolaner nicht einmal sauberes Wasser."

Als das Abendlicht in das Café bricht, macht sich da Cruz auf den Nachhauseweg. Zum Abschied wünscht man ihm alles Gute für sein Verfahren, doch er winkt lächelnd ab. "Nicht die Justiz - dos Santos entscheidet über uns."

© SZ vom 16.07.2016
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