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Angela Merkels Aufstieg hat mehrere Startpunkte. Aber eine Nacht war - sozusagen nervenpolitisch - alles entscheidend: Es war die Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 1999. Eine Nacht, in der Merkel schlecht, andere würden sagen überhaupt nicht geschlafen hat.

Eine Nacht, die mit der Veröffentlichung eines Artikels der damaligen CDU-Generalsekretärin endete, in dem sie die Partei aufforderte, sich vom Übervater Helmut Kohl zu emanzipieren. Eine Bombe war das, und in Erwartung des großen Knalls fand Merkel keinen Schlaf.

Sie hatte schon länger über einen solchen Schritt nachgedacht, aber erst nachdem Kohl am 16. Dezember via Fernsehen erklärt hatte, er werde seine unbekannten Spender ganz sicher nicht nennen, war für sie klar, dass die Partei zum Überleben eine Trennung von Kohl brauchte.

Die Folgen waren zunächst verheerend, die damals noch sehr kleine Beraterrunde um Merkel musste tagelang kämpfen, um im Zorn der Kohlianer in der Partei nicht zu ertrinken. Das Weihnachtsfest im gleichen Jahr war vom politischen Überlebenskampf gezeichnet. Zumal Merkel ihren eigenen Parteichef Wolfgang Schäuble vor der Veröffentlichung des Briefes nicht eingeweiht hatte.

Erst Anfang Januar, als Kohl-Enkel Roland Koch die Vergehen der Hessen-CDU (illegale Parteispenden waren als jüdische Vermächtnisse ausgegeben worden) einräumen musste, konnte Merkel ein erstes Mal durchatmen. Seither wird ihr öffentlicher Appell in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht mehr mit Vorsicht und Schrecken beschrieben.

Wann immer man mit Merkel und ihren Weggefährten spricht, gilt der damalige Akt der Emanzipation als stärkster Beleg dafür, dass auch die oft zögerliche Merkel bereit sei, ihre Karriere zu riskieren, wenn es darauf ankommt. Viel Ehre für einen einzigen Artikel.

Foto: AP

10. April 2010, 18:142010-04-10 18:14:00 ©