Süddeutsche Zeitung

Angela Merkel:Nichts führt sie in Versuchung

Gute Umfragewerte hin oder her - Angela Merkel wird nicht noch einmal antreten, für eine fünfte Amtszeit. Warum sollte sie das auch? Ihre exponentiell gestiegenen Popularitätswerte wird die Bundeskanzlerin gleichwohl zu nutzen wissen.

Umfragen - wie herrlich! Die Demoskopie hat für den politischen Betrieb in diesen trüben Tagen etwas beruhigend Nostalgisches. Sie simuliert Alltagsroutine in der Krise, wie die geöffnete Bäckerei zwischen lauter geschlossenen Läden, und sie erinnert an eine Zeit, als noch Themen wichtig erschienen wie CDU-Vorsitz und Kanzlerkandidatur. Dass neben der Infektionsverdopplungszahl und der Virusreproduktionsziffer noch die gute alte Sonntagsfrage existiert, legt auf tröstliche Weise nahe, dass unterhalb der Krise politisch Althergebrachtes in die Zeit nach Corona transportiert wird wie Treibholz in einem Fluss.

Angela Merkel ist am Freitag aus der Quarantäne ins Kanzleramt zurückgekehrt. Im Pressespiegel durfte sie als Willkommensgruß Spekulationen über eine fünfte Amtszeit lesen. Anlass sind die Umfragezahlen der Union und die Beliebtheitswerte der Kanzlerin, die gerade - ganz im Trend des Corona-Zeitalters - nicht linear steigen, sondern exponentiell. Das gilt auch für andere Regierungspolitiker aus Bund und Ländern, wenn auch nicht für alle Regierungsparteien.

Manch einer mag in der Abgeschiedenheit der Quarantäne Ruhe finden, über sein Leben nachzudenken. Vielleicht auch Angela Merkel, trotz ungezählter Schaltkonferenzen. Eines aber dürfte sie nicht erwogen haben: die Kandidatur für eine fünfte Amtszeit. Warum auch? Bekommt die Regierung die Krise einigermaßen in den Griff, kann Merkel erhobenen Hauptes gehen. Läuft die Sache schief, wird sich 2021 niemand an ihre Popularität von 2020 erinnern. Der wichtigste Grund aber ist: Merkel hat den Zeitpunkt ihres Abschieds selbst festgelegt, was noch keinem Vorgänger gelungen ist. Und gerade weil sie derzeit so intensiv erlebt, was sie sich mit der vierten Amtszeit zugemutet hat, wird sie sich gewiss nicht noch mal in Versuchung führen lassen.

Umfragen sind immer Momentaufnahmen. Derzeit aber sind sie besonders wenig belastbar. Noch gibt es kaum konkrete Ergebnisse des Krisenmanagements zu bewerten - mal abgesehen von den ersten Hilfen für Firmen und Arbeitnehmer. Beurteilt wird der Eindruck, den Politiker hinterlassen. Insofern sind es mehr Haltungs- als Handlungsnoten. Der erfreulichste Wert ist dabei übrigens nicht der für einen Einzelnen, sondern die Gleichmäßigkeit, mit der die wichtigsten Verantwortlichen positiver bewertet werden als zuletzt - Politik als Mannschaftsspiel.

Die Umfrageergebnisse signalisieren neues Zutrauen in den Staat, aber noch kein zurückgewonnenes Vertrauen. Die Halbwertszeit der jetzigen Zahlen wird sich an der weiteren Entwicklung entscheiden, an der Zahl der Infizierten, der Toten, der Belastung für das medizinische Personal, an den wirtschaftlichen Folgen. Sie wird sich daran bemessen, wie lange die Einsicht in die Notwendigkeit drastischer Beschränkungen die wachsenden Existenzsorgen, den Aufenthalt in schwierigen privaten Verhältnissen, die Isolation im Pflegeheim oder auch nur den schlichten Freiheitsdrang überwiegt. Völlig wertlos sind gute Umfragen aber auch jetzt nicht: Wenn die Kanzlerin ihre Popularität etwas nützt, dann zwar nicht, um sich für eine fünfte Amtszeit aufzustellen, sondern wenn sie jetzt an Bürgerinnen und Bürger immer und immer wieder appellieren muss, sich an die geltenden Regeln zu halten.

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SZ vom 04.04.2020
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