Angela Merkel:Merkel machte den Deutschen in Krisen keine Angst

Auch bei der Abschaffung der Wehrpflicht und dem Ausstieg aus der Atomkraft ist nicht ihre Überzeugung treibende Kraft gewesen. Ersterem stimmte sie nur zu, weil der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg es zur Bedingung für die Erfüllung ihrer Sparauflagen machte.

Und der Atomausstieg wurde nicht beschlossen, weil Merkel voller Überzeugung gegen die Kernenergie auftrat, sondern weil sie und die Unionswahlkämpfer Stefan Mappus und Horst Seehofer nach dem Unglück von Fukushima kalte Füße bekamen. Und das, nachdem ausgerechnet diese drei in den Monaten davor entschieden für eine Laufzeitverlängerung der AKWs eingetreten waren. Schnellstmögliche Anpassung an die äußeren Umstände verlangt höchstmögliche Flexibilität in allen inhaltlichen Fragen.

Geschadet hat Merkel all das lange nicht. Im Gegenteil: Am Ende ihrer zweiten Amtszeit, im Herbst 2013, kam sie bei der Bundestagswahl auf mehr als 41 Prozent der Stimmen. Das Merkel'sche System der Stimmungspolitikerin hatte einen Höhepunkt erklommen.

Das allerdings dürfte auch damit zu tun haben, dass sie den Deutschen in den Zeiten der ganz großen Krisen keine Angst machte. Ihr Bild der "schwäbischen Hausfrau" vom Herbst 2008 und ihre Botschaft während der Euro-Krise, nichts zu riskieren, sondern "immer auf Sicht zu fahren", passte zu den Sorgen der Menschen. Und es bestärkte Merkel in ihrer Strategie, sich als Künstlerin der Mitte zu präsentieren. Falsch war daran in den konkreten Krisen nichts; in diesen Phasen ging es nicht um Profilbildung, sondern um Stabilisierung.

Selbst ihr Verhalten vor und nach Beginn der Flüchtlingskrise passte zunächst in dieses Muster. Auch da war sie - anders als es vor allem harte Konservative behaupten - nicht Agierende, sondern Reagierende. Sie hatte das Land trotz der längst bekannten Krise am Mittelmeer nicht auf so etwas vorbereitet.

Und als die Zahl der Flüchtlinge dramatisch anstieg, öffnete sie nicht etwa aktiv eine Grenze, sondern erklärte, man könne die Grenzen im EU-Schengen-Raum halt nicht einfach schließen. Danach reagierte sie im Umgang mit der Türkei wie bei der Verschärfung der Asyl- und Ausländergesetze vor allem auf den Druck von außen - nach Krisengesprächen, nach Terroranschlägen, nach einer Silvesternacht von Köln, die die Stimmung im ganzen Land massiv beeinflusste.

Hat Merkel ein Ziel für ein Bündnis mit der SPD?

Dass sie sich in den ersten Monaten der Krise deutlich für Weltoffenheit und Hilfsbereitschaft aussprach, dürfte sie im Nachhinein noch einmal in ihrer alten Skepsis gegenüber jedem klaren Bekenntnis bestätigt haben: Kaum etwas ist ihr später mit solcher Aggressivität vorgehalten worden wie ihre Erklärung, dass alle miteinander die Aufgabe schaffen würden.

Wieder ein Bekenntnis, wieder endete der Streit darum in einer Wahl, die wie ein Debakel aussieht. Mehr als acht Prozent Minus am 24. September, dazu das schlechteste Unionsergebnis in Jahrzehnten - nur die noch schlechteren Zahlen der anderen haben die Kanzlerin fürs erste gerettet.

Und doch, nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche steht vieles auf der Kippe. Die Union und mit ihr die Kanzlerin sind schwächer als vor vier Jahren. Damals konnte sie gegenüber einer ebenfalls ziemlich schwachen SPD großzügig sein; anders hätte ein Mindestlohn damals kaum seinen Weg in einem Koalitionsvertrag gefunden. Heute könnte Merkel derartiges nur schwer akzeptieren, gleichzeitig müsste die SPD-Spitze eigentlich sogar mehr fordern, weil sie andernfalls fürchten muss, die eigene kritische Basis kaum für eine Koalition gewinnen zu können.

Und was will die Kanzlerin? In der Sache? Hat sie ein Ziel, eine Richtung, eine Überschrift für dieses schwere Bündnis? Kann sie sagen, wie sie auf Frankreichs Emmanuel Macron reagieren möchte? Wird sie erklären, was es für sie und ihre Politik bedeutet, dass jetzt in Österreich eine neue Regierung im Amt ist? Kann sie einfach so tun als sei nichts passiert, obwohl damit eine weitere Regierung in der EU ihre Flüchtlingspolitik komplett ablehnt? Auch danach wird sie ab sofort vermehrt gefragt werden. Gesagt hat sie dazu bis heute herzlich wenig. Dieses "wenig" kann sehr schnell zu wenig werden, um der CDU und sich selbst noch einmal Kraft und Richtung zu geben.

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