Angela Merkel Die fröhliche Unbeirrbarkeit der Kanzlerin

Die schnodderig-larmoyante Art mit der Merkel Verantwortung für das schlechte Unions-Ergebnis übernimmt, erscheint vor allem wie der Versuch, die Diskussion über ihre wirkliche Verantwortung abzuwürgen.

(Foto: Getty Images)

Neugier, das sei ihr Antrieb für die vierte Amtszeit, so Merkel. An den Gründen für die Wahlniederlage ihrer Partei zeigt sie allerdings kaum Interesse.

Kommentar von Nico Fried, Berlin

Angela Merkel hat die Gefahr, die auf sie im Falle einer vierten Kanzlerschaft zukommen kann, schon einmal aus nächster Nähe erlebt: In Helmut Kohls Regierungsjahren 13 bis 16 saß sie als Umweltministerin am Kabinettstisch. Am meisten ging ihr damals auf den Geist, dass der Kanzler seine Herrschaft nur noch wie in Sonnenlicht getaucht wahrnehmen wollte, vor wachsenden Problemen aber immer fester die Augen verschloss.

So weit ist es mit Merkel noch lange nicht. Aber auffallend ist schon die Diskrepanz zwischen der Freude Merkels über den Wahlsieg und den nachdenklichen Reaktionen in der CDU. Von der Katastrophenstimmung in der CSU mal ganz zu schweigen. Die Kanzlerin hat recht, wenn sie sagt, dass ein erneuter Regierungsauftrag nach zwölf Jahren in der Verantwortung keine Selbstverständlichkeit sei. Diese Befriedigung ist aber in erster Linie eine persönliche Kategorie. Mit Blick auf das politische Ganze steht die fröhliche Unbeirrbarkeit, die Merkel seit dem Sonntagabend zur Schau trägt, doch in einem gewissen Missverhältnis zu den Verwerfungen, die dieser Wahltag hinterlassen hat.

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"Die Rechtsbrecherin soll Kanzlerin bleiben" - ein desolat komponiertes Stück

Die schnodderig-larmoyante Art ("in Gottes Namen"), mit der Merkel manche Verantwortung für das schlechte Unions-Ergebnis übernimmt, erscheint vor allem wie der Versuch, die Diskussion über ihre wirkliche Verantwortung einfach abzubiegen. So ähnlich hat es einst der damalige Außenminister Joschka Fischer vor einem Untersuchungsausschuss gemacht, als er gleich zu Beginn der Vernehmung rief: "Schreiben Sie: Fischer ist schuld." Merkel sagt, die Polarisierung im Land sei mit ihrem Namen verbunden, aber sie sagt nicht, was daraus folgt, außer dem Bemühen, die Enttäuschten mit guter Politik zurückzuholen. Das wiederum stellt Merkel in Aussicht, seit die AfD in den ersten Landtag eingezogen ist. Nur betrifft der Erfolg der Rechten mittlerweile nicht mehr einzelne Landtage, sondern ganze Landstriche.

Es mag sein, dass zu Merkels gelöster Stimmung eine stille Genugtuung darüber beiträgt, dass die CSU für ihr dramaturgisch desolat komponiertes Stück "Die Rechtsbrecherin soll Kanzlerin bleiben" abgestraft wurde. Das aber kann über zweierlei nicht hinwegtäuschen: Merkel hat in der Schmierenkomödie seit deren Premiere im Bierzelt zu Trudering mit Inbrunst mitgespielt. Und die Mehrzahl der abtrünnigen bayerischen Wähler empfand Horst Seehofer gegenüber der Kanzlerin nicht etwa als zu hart, sondern als zu weich.

Vielleicht war es auch die Erfahrung mit Kohls selbstherrlicher Erstarrung, deretwegen Merkel für ihre vierte Kandidatur Neugier als Antrieb nannte. An den Gründen ihres glanzlosen Sieges zeigt sie bislang wenig Interesse. Man muss sich wahrlich nicht alle Beschwerden der Wutbürger zu eigen machen. Und schon gar nicht muss man sie aus ihrer Verantwortung entlassen, sich zu überlegen, wen sie mit ihrem Protest unterstützen. Aber ernst nehmen muss Merkel dieses Phänomen - nicht zuletzt deshalb, weil es auch vielen ihrer Wähler allmählich Angst macht.

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