Angela Merkel:"Für Putin zählt nur Power"

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Als Bundeskanzlerin traf Angela Merkel Russlands Präsidenten Wladimir Putin zuletzt noch im August 2021.

Als Bundeskanzlerin traf Angela Merkel Russlands Präsidenten Wladimir Putin zuletzt noch im August 2021.

(Foto: Evgeny Odinokov/Imago)

Die Altkanzlerin hat sich rar gemacht in der Öffentlichkeit. Jetzt lässt sich erfahren, was sie zu aktuellen Krisen und ihren eigenen Möglichkeiten zu sagen hat.

Die Altkanzlerin hat sich rar gemacht. Seit fast einem Jahr regiert die Ampelkoalition unter Olaf Scholz (SPD), und die Auftritte von Angela Merkel seither lassen sich an ein, zwei Händen abzählen. Viele hätten gern mehr gewusst über ihre Einschätzung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und mögliche Fehler in ihrer 16-jährigen Amtszeit. Einmal saß sie mit dem Spiegel-Reporter Alexander Osang auf einer Bühne und plauderte so dies und das. Ebendieser Osang hat sie aber nicht nur im Berliner Ensemble befragt, er hat Angela Merkel auch ein Jahr begleitet.

Seine Erkenntnisse und Erlebnisse hat er eben in einer großen Spiegel-Titelstory zusammengefasst. "Ich bin jetzt in der Reflexionszeit angekommen", sagt also Angela Merkel. "Das Hamsterradphänomen wird weniger."

Ein paar sehr nachdenkliche Sätze hat sie auch zur aktuellen Politik und ihren letzten Monaten an der Macht hinzugefügt. Am Ende ihrer Amtszeit habe sie keine Möglichkeit mehr gesehen, auf Russlands Präsident Wladimir Putin einzuwirken. Bei ihrem Abschiedsbesuch in Moskau im August 2021 habe sie das Gefühl gehabt: "Machtpolitisch bist du durch. Für Putin zählt nur Power."

"Ich hatte nicht mehr die Kraft, mich durchzusetzen"

Merkel betonte, das Abkommen von Minsk, das 2014 einen ausufernden Krieg zwischen Russland und der Ukraine verhindern sollte, sei 2021 "ausgehöhlt" gewesen. Sie habe sich im Sommer 2021 vergeblich zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron um ein EU-Treffen mit Putin bemüht. "Aber ich hatte nicht mehr die Kraft, mich durchzusetzen, weil ja alle wussten: Die ist im Herbst weg." Letztlich sei sie außenpolitisch "keinen Millimeter mehr weitergekommen. Nicht nur, was die Ukraine angeht. Transnistrien und Moldau, Georgien und Abchasien, Syrien und Libyen".

Sie sei sich mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama in der Einschätzung von Putin einig gewesen. "Wir haben nach der Krim-Annexion Russlands (2014) alles versucht, um weitere Überfälle Russlands auf die Ukraine zu verhindern, und unsere Sanktionen im Detail abgestimmt", wird Merkel zitiert. Sie war in den vergangenen Wochen öffentlich kritisiert worden, weil sie keine Fehler in der Russlandpolitik der vergangenen 16 Jahre eingeräumt habe. Durch den russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 sei eine "euphorische Phase" der Geschichte abgeschlossen worden.

"Heute steht man eher einer Welt gegenüber, die wieder voller Komplikationen ist", sagte Merkel. "Geschichte wiederholt sich nicht, aber ich fürchte, dass sich Muster doch wiederholen. Das Grauen verschwindet mit den Zeitzeugen. Aber es verschwindet auch der Versöhnungsgeist."

Angela Merkel dem Journalisten Alexander Osang im Juni in Berlin.

Angela Merkel mit dem Journalisten Alexander Osang im Juni in Berlin.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Merkel lobte in dem Gespräch den Widerstand der Ukrainer. Sie glaube, dass Deutschland nicht als erste Nation modernste Panzer schicken sollte, weil man in Russland "mit Deutschland immer noch gut Stimmung machen kann". Zugleich äußerte sie Respekt für den kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew. Dieser habe sich auf offener Bühne geweigert, Putins Krieg zu unterstützen. "Es kostet, denke ich, so einen Mann unfassbare Kraft, sich gegenüber Russland zu behaupten."

In Zentralasien bewege sich etwas mit Blick auf Russland. Zugleich warnte Merkel davor, in der Außenpolitik zu hohe Ansprüche zu stellen. "Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Latte nicht so hoch hängen, dass zum Schluss niemand übrig bleibt, der unseren Ansprüchen noch genügen kann."

Zum Ende ihrer eigenen Politikerkarriere sagte sie, sie bereue es nicht, dass sie nicht noch einmal bei der Bundestagswahl als Kanzlerkandidatin angetreten war. "Da musste mal jemand Neues ran." "Schon erstaunlich, wie viel dann nach 16 Jahren Arbeit unvollständig bleibt", sagt sie und fährt fort: "Es gibt zum Beispiel immer noch keine gut funktionierende elektronische Patientenkarte. In Deutschland fehlt einfach manchmal auch die Grundneugierde, die Freude an Neuem."

Wer es noch genauer wissen will, muss dann auf Merkels Erinnerungsbuch warten. Aber das ist erst für 2024 angekündigt.

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