Angeblicher Hitlergruß von Graz:Provokateure! Retusche! Musik-Geschunkel!

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Aufregung im österreichischen Wahlkampffinale: Die rechtspopulistische FPÖ wehrt sich gegen den Vorwurf, auf einer Kundgebung hätten junge Männer den Hitlergruß gezeigt - und liefert innerhalb von 24 Stunden drei sich teilweise widersprechende Erklärungen.

Von Oliver Das Gupta

Heinz-Christian Strach: Der Vorsitzende der FPÖ pflegt seit Jahren ein enges Netzwerk an Populisten. (Foto: Heinz-Peter Bader/Reuters)

Fotos von einer Kundgebung der rechtspopulistischen FPÖ sorgen für anhaltende Aufregung in Österreich - und das wenige Tage vor der Wahl zum Bundesparlament, dem Nationalrat. Auf den Bildern sind junge Männer zu sehen, die ihren rechten Arm recken - so wie zum verbotenen Hitlergruß, dem Symbol alter und neuer Nazis. Die Szenen sollen sich am Montag in Graz zugetragen haben, der Hauptredner war FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, der sich gerne HC nennen lässt.

Mehrere österreichische Medien haben über die Causa berichtet, ebenso Süddeutsche.de. Sebastian Pay, ein Mitglied der Sozialistischen Jugend (SJ), hat die Fotos gemacht, die SZ.de vorliegen.

Inzwischen konterte die FPÖ gewohnt empört - mit dreierlei Begründungen innerhalb von 24 Stunden.

  • Variante 1: Strache kolportierte am frühen Dienstagnachmittag via Facebook ein Gerücht, das er angeblich im Internet gefunden haben will. Demnach vermutete ein nebulöser Augenzeuge, dass die fotografierten jungen Männer mit dem "Krampf im rechten Arm" in Wirklichkeit Linke gewesen seien. Sie seien angeblich mit einem "Tourbus" herangekarrt worden und "in Position" gebracht worden. Der anonyme Tippgeber behauptet, er habe ein entsprechendes Telefonat mitangehört.
  • Variante 2: Strache meldete sich am Mittwochvormittag erneut und äußerte sich zur den Vorfällen in Graz. Diesmal behauptete er, die Fotos seien retuschiert.
  • Variante 3: Wenige Stunden später, am Mittwochnachmittag, präsentierte die FPÖ ein wohl von Parteianhängern gefertigtes Video. Es zeigt zweierlei: Erstens, dass die Rechtspopulisten offensichtlich Gegendemonstranten filmen. Zweitens, dass die jungen Männer, die auf den veröffentlichten Fotos ihre rechten Arme heben und zur Musik bewegen ("HC für Österreich - er kämpft für unser Recht"). Sie sind kurz in dem Video zu sehen. Nun ist nicht mehr von retuschierten Fotos die Rede und auch nicht von eingeschleusten Provokateuren, sondern von "absurden Hitlergruß-Vorwürfen". Die FPÖ nahm die jungen Männer umgehend in Schutz: "Sowohl politische Mitbewerber wie auch manche Medien, welche diese jungen Menschen wie auch die FPÖ in Zusammenhang mit dieser Causa in Misskredit gebracht haben, sind nun dringlich aufgefordert, umgehend eine Entschuldigung zu tätigen", erklärte Straches Generalsekretär Harald Vilimsky. "Derartige Gemeinheiten und Manipulationen jungen Menschen gegenüber sind besonders verwerflich."

Was das kurze Video nicht zeigt, wird auf weiteren Fotos von der Szenerie ersichtlich. Offensichtlich zählten die Männer, die mit der erhobenen Rechten zur Musik wedelten, zu einer Gruppe, die wohl zur rechtsextremen Szene gehört.

Ein Foto, das SZ.de nun veröffentlicht, zeigt einen anderen jungen Mann, der den rechten Arm reckt und direkt in die Kamera schaut. Auf einem anderen Foto ist er von hinten zu sehen - der rechte Arm ist auch auf diesem Foto oben. Um ihn stehen andere junge Männer. Sie tragen Glatze. Einer, der eine Flecktarn-Hose trägt, ist auf mehreren Fotos zu sehen. Auf weiteren Aufnahmen ist zu sehen, dass sich der Arme-Recker mit den Glatzköpfen unterhält. Einer aus der Gruppe hebt beide Arme, aber keiner hebt den linken Arm.

Den rechten Arm hochgereckt: Junger FPÖ-Fan (rechts) auf Wahlkampfveranstaltung mit HC Strache in Graz. Eine andere Aufnahme zeigt ihn von hinten - den Arm ebenfalls ausgestreckt. Der junge Mann links auf diesem Bild hat wohl beide Arme erhoben. (Foto: Sebastian Pay)

Die Begründung und die Attacken der FPÖ weist der Fotograf und Jungsozialist Sebastian Pay zurück: "Die Argumentation ist ein bisserl schwindlig", sagt er zu SZ.de. Das Video zeige nur einige Sekunden der Veranstaltung, die eineinhalb Stunden gedauert habe. Pay bleibt dabei: "Der junge Mann mit dem blauen Hemd hat den Hitlergruß gezeigt". Ein zweiter, mit brauner Jacke, habe ebenso den Arm gehoben, sogar in Richtung Gegendemonstranten. Pay hat ihn fotografiert. "Er war allerdings offensichtlich stark alkoholisiert, der wollte provozieren." Die Umherstehenden hätten einander gekannt und sich unterhalten, auch Mitglieder des FPÖ-Nachwuchses Ring Freiheitlicher Jugend glaubt Pay erkannt zu haben.

Die Causa wird wohl sich wohl noch bis nach der Wahl am 29. September hinziehen, es wird ein juristisches Nachspiel geben. Die FPÖ hat auf ihrer Homepage angekündigt, dass "Klagen wegen Verleumdung, übler Nachrede und Kreditschädigung" vorbereitet würden.

Pays sozialdemokratischer Nachwuchs ist da schon weiter: Die Sozialistische Jugend Steiermark hat inzwischen Anzeige erstattet gegen die Arme-Recker.

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