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Andrea Nahles auf dem Kirchentag:Noahs politische Botschaft

"Geschenk ohne Gegenleistung - das ist uns doch völlig fremd!" Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin, trauert in ihrer Bibelarbeit um das Paradies und erschreckt mit Thesen zum Bösen.

Die Arche mit den vielen Tieren, die Friedenstaube, der Regenbogen - das ist der Teil von Noahs Leben, den zumindest die meisten Kindergartenkinder kennen. Es ist aber noch nicht die ganze Geschichte - in dem Bibelabschnitt aus Genesis geht es auch um Gier, Ungerechtigkeit und schließlich um Vernichtung.

Andrea Nahles auf dem Ökumenischen Kirchentag; pfau

"Die Welt wird nicht mehr heil": Andrea Nahles hält zusammen mit Prälat Stephan Dorgerloh eine Bibelarbeit.

(Foto: Foto: Pfauth)

Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin, steht am Himmelfahrtsmorgen auf einer Bühne am Marienplatz, gleich neben dem Münchner Rathaus, und erzählt ihre Interpretation des Bibeltextes.

Sie ist nicht die einzige Politikerin, die sich auf dem Ökumenischen Kirchentag im theologischen Fach versucht: Neben Nahles beteiligen sich an den Bibelarbeiten auf dem Ökumenischen Kirchentag auch Innenminister Thomas de Maizière, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Gesundheitsminister Philipp Rösler, Niedersachsens Integrationsminister Armin Laschet und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Der Bibeltext wird jeweils vorgegeben - in der Auslegung sind die Vortragenden frei.

Es nieselt, es ist sehr kalt, die Zuhörer sitzen eingemummelt in Regenjacken und Schals auf dem Platz zwischen Bühne und Marienstatue. Vorne singt die Band Habakuk, die seit Mitte der 70er Jahre auf Kirchentagen auftritt, Morning has broken von Cat Stevens. Andrea Nahles singt inbrünstig mit, wippt im Takt und scheint sehr ausgeschlafen zu sein.

Die Stichpunkte ihrer Bibelarbeit hat sie auf einem DIN-A4-Blatt aufgeschrieben. Als Predigt-Fachkraft hat sich Nahles, die Politikerin aus sozialkatholischem Milieu, den Wittenberger Prälat Stephan Dorgerloh zur Seite geholt, einen politisch interessierten Protestanten. Die beiden bleiben erst einmal nah am Genesis-Text - schaffen es dann aber doch, Seitenverweise auf Westerwelle einzubauen.

Man müsse sich die Gesellschaft um Noah vorstellen, erklärt Prälat Dorgerloh, als lebte in München nur noch ein Gerechter. Und drumherum: römische Dekadenz. "Spätrömische Dekadenz", verbessert Nahles. Der Prälat nickt: "Stimmt, Andrea, an solchen Dingen bist du einfach näher dran." - "Soso."

Unheilbare Gier

Noah, so die biblische Geschichte, war der letzte fromme und rechtschaffene Mann seiner Zeit. Keine Abzocke ist den Zeitgenossen Noahs zu schändlich, kein Trick zu mies, es herrschen Hass, Gier und Eifersucht.

Gier und Abzocke? Die Zeichen jener Zeit kommen auch Nahles und Dorgerloh bekannt vor. "Die Welt wird nicht mehr heil", glaubt der Prälat - der Mensch bleibt unperfekt, die Gier ist nicht heilbar. Das Paradies, für Nahles ein Ort des reinen Friedens, der Ehrlichkeit und Offenheit: "ein schöner Traum". Wo der Mensch ist, da sei auch das Böse.

Die These ist sehr grundsätzlich - und erschreckend. Klingt sie doch so gar nicht nach der Hoffnung, die als Motto über dem Kirchentag steht. Sondern nach Resignation vor Gewalt, Krieg und Ungerechtigkeit.

Weil Gott die Bosheit der Menschen nicht mehr mitansehen will, entscheidet er sich in der Noah-Geschichte zur Vernichtung: Eine Sintflut löscht alles Leben auf der Erde aus - nur Noah, seine Familie und ein Pärchen von jeder Tierart überleben in der Arche.

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