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Mittelalter in Nordamerika:Plötzlich weg

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Wie eine Vision: Cliff Palace im Mesa Verde National Park in Colorado.

(Foto: imago images/UIG)

Die altindianischen Anasazi im Südwesten der späteren USA verschwanden im 13. Jahrhundert. Bis heute wird in der Forschung über die Gründe spekuliert.

Von Harald Eggebrecht

Wer das erste Mal Cliff Palace im Mesa Verde National Park im Südwesten des US-Bundesstaats Colorado erblickt, möchte an eine Vision glauben, eine Traumprojektion. So unwirklich, unbedingt geheimnisvoll und zugleich anziehend wirken die hellen steinernen Türme, mehrstöckigen Häuser und rituellen Kreisvertiefungen der sogenannten Kivas, die altindianische Baumeister vor 1000 Jahren kühn und raffiniert unter den gewaltigen Felsüberhang einpassten.

Mesa Verde ist insgesamt ein von Klüften durchzogener, mächtiger und dicht bewaldeter Tafelberg, der bis zu 2600 Meter Höhe erreicht, und Cliff Palace ist eines der berühmtesten archäologischen Monumente überhaupt in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Insgesamt schützt der Mesa Verde National Park aber mehr als 4000 Fundstätten, von denen die wichtigsten und eindrucksvollsten von Indianern errichtet wurden und als Ruinen heute geradezu magisch wirken. Denn Ende des 13. Jahrhunderts verließen die Bewohner plötzlich ihre Stätten und Siedlungsräume, in die sie schon in vorchristlicher Zeit gekommen waren.

Die Architekten waren die Ancestral Puebloans oder auch Chacoans oder Hisatsinom, wie sie von ihren Nachfahren, den Hopi, Zuni und anderen heute hier lebenden Pueblo-Indianervölkern, genannt werden - im Gegensatz zu der 1936 von Alfred V. Kidder, dem Vater der amerikanischen Archäologie gerade im Südwesten, vorgeschlagenen und dann geläufig gewordenen Bezeichnung "Anasazi". Die stammt aus der Navajo-Sprache und bedeutet wenig freundlich "Feinde unserer Vorfahren". Dabei ist es keinesfalls gesichert, dass sich diese frühen Indianer überhaupt als eine Völkerschaft verstanden oder eine gemeinsame Sprache benutzten.

Schon Jahrhunderte vor der Ankunft spanischer Weißer und auch der Apachen und Navajos aus dem Norden sind hier im Vierländereck, der "Four Corners", wo Utah und Colorado an Arizona und New Mexico grenzen, die Anasazi eingewandert. Sie haben sich von halbnomadischen Korbflechtern zu jenen souveränen Baumeistern entwickelt, deren Hinterlassenschaften zu den großen Schätzen im Südwesten der USA gehören.

Die Zentren dieser Kultur, die zwar keine Schrift hervorbrachte, aber neben der Architektur auch viele Felsenbilder und Petroglyphen schuf, lagen vor allem im Chaco Canyon in New Mexico, in Mesa Verde in Colorado, auch im Canyon de Chelly in Arizona. Dazu sind in Utah und in weiteren Canyons in Colorado bedeutende Spuren dieser trotz aller Ausgrabungen weiterhin mysteriösen Kultur zu finden.

Die klimatischen Verhältnisse waren nicht gerade einladend

Über den Bauten liegt eine rätselhafte Melancholie. Warum verließen die Ancestral Puebloans in der Hochblüte ihrer Kultur so gut wie auf einen Schlag ihre Zentren und verschwanden im Dunkel der Geschichte? Das Warum hat bisher so wenig erschöpfende Antworten zur Rätsellösung gebracht wie die Frage, wohin sie entschwunden sind.

Für viele Experten sind die heutigen Völker der Hopi, Zuni und andere wohl Nachfahren der Ancestral Puebloans. Hopi und Zuni sehen das selbst so. Darüberhinaus wird vermutet, dass Anasazi auch nach Mexico gezogen sind. Mit den Tolteken dort betrieben sie Türkishandel. Umgekehrt fanden Archäologen in Anasazi-Stätten Perlmuttschmuck, der nur von Muscheln von Mexikos Küste stammen kann, ebenso Papageienfedern und seltene Kupferglöckchen.

Erstaunlich bleibt auch, dass weder Chaco Canyon, dessen Bauten als Höhepunkt der Anasazi-Kultur gelten, noch Mesa Verde und andere Siedlungsorte besonders einladend gewesen wären. Selbst zu jener frühen Zeit herrschten im Sommer auf den Hochebenen bis zu 35 Grad Celsius und mehr, im Winter konnten die Temperaturen bis 30 Grad Minus sinken.

Das Bauholz für die mehrstöckigen Großhäuser im Chaco Canyon holten sie aus den westlich gelegenen, 75 Kilometer entfernten Chuska-Bergen. Dafür könnte das etwa 600 Kilometer umfassende Wege- und Straßennetz der Anasazi gedient haben. Manche Straßen waren neun Meter breit, gut für Holztransporte. Auch die Ernährung haben sie wohl durch importierten Mais aus den Chuska-Bergen gedeckt, vermutet Larry Benson von der University of Boulder.

Denn die Böden in Chaco Canyon und Umgebung waren viel zu mager, trocken und salzig, um auf ihnen erfolgreich für etliche Tausend Menschen Ackerbau zu betreiben. Doch am Fuß der schneereichen Chuska-Berge könnten sie mit Bewässerungsanlagen genug Mais, Bohnen, Kürbis und Baumwolle geerntet haben. Manche Forscher nehmen wegen dieser Nahrungsproblematik an, dass Chaco Canyon nicht durchgehend bewohnt war, sondern als zeremoniales Zentrum diente, zu dem man bei wichtigen Anlässen hinpilgerte.

Doch die plötzliche Aufgabe der Siedlungen, Dörfer und Großhäuser kann keine der vielen Theorien wirklich erklären. Einige sehen in lang anhaltenden Dürren den Grund, andere meinen, es könnten ökologische Probleme wie Auspowerung der Böden, kriegerische Auseinandersetzungen und Überbevölkerung dazu beigetragen haben, das alte Leben zu verlassen.

Die wohl tiefsinnigste Hypothese hat der indigene Anthropologe Professor Alfonso Ortiz 1990 in einem Film der Reihe "Terra X" formuliert: "Es könnte sein, dass sie sahen, dass ihre bisherige Lebensweise in Chaco Canyon und den anderen Zentren einfach nicht mehr aufging im Zusammenklang mit der Natur, dass sie also das Scheitern ihres bisherigen Daseins ahnten und sich deshalb zurückzogen als Konsequenz aus dem drohenden Kollaps ihrer bis dahin so erfolgreichen Kultur."

© SZ vom 16.05.2020/odg

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