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Analyse zur NRW-Wahl:Was Merkel und Schulz fürchten müssen

Merkel Schulz NRW

Bis zuletzt kämpfen Angela Merkel und Martin Schulz in NRW für ein starkes Ergebnis ihrer Parteien.

(Foto: AFP, dpa, SZ)

Der Ausgang der NRW-Wahl gilt als Vorentscheidung im Bund. Aber es geht auch um die Moral der Truppen.

Angela Merkel verhält sich, als habe man sie aus einem tiefen Mittagschlaf geweckt und sofort auf die Bühne gestellt. Langsam reiht sie Wort an Wort. Gelegentlich stöpselt sie nach dem Prinzip Versuch und Irrtum Silben aneinander: Ver-, nein, bestrafen, sagt sie etwa. Weiß sie, wo sie ist? "Hier in Rheinland-...", ups!, "Nordrhein-Westfalen", entfährt es ihr einmal. Und weiß sie, wer sie ist? "2004, als ich Bundeskanzlerin wurde." Es war 2005.

Mittwoch in Haltern, am Rande des Ruhrgebiets. Die Frühlingssonne knallt auf den proppevollen Marktplatz, aber die Kanzlerin hat noch nicht ihre Betriebstemperatur erreicht. Endspurt der CDU-Vorsitzenden im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf. Sie ist freundlich empfangen worden, Applaus, auch Jubel, nur ein Transparent: "Hau ab, lüg' woanders!". Ein älterer Herr sagt zu seinem Nebenmann: "Ich wollte eigentlich in den Garten, aber das kann ich mir ja nicht entgehen lassen."

Doch jetzt redet Merkel so komische Sachen: "Ich freue mich, hier zu sein, um noch mal mit Ihnen ins Gespräch zu kommen." Ins Gespräch? Die Kanzlerin spricht, das Publikum hört zu. Sie spricht weiter. Die Leute hören weiter zu. Fehlt da nicht was? Genau: Beifall. Erst nach Minuten klatscht mal jemand. Wenn man das Bild vom Endspurt wörtlich nimmt, sieht Merkel in diesem Moment die Konkurrenz von hinten, bevor sie richtig losgelaufen ist.

Leverkusen, Fußgängerzone, der Kandidat ist gerade angekommen und bringt erst mal die Disziplin "Bad in der Menge" hinter sich. Auf der Höhe des Nagelstudios "Le Nails" hat die SPD einen Baldachin aufgebaut, unter dem Martin Schulz derart entschlossen durch die Menschentraube pflügt, Hände schüttelt und Schultern klopft, dass die örtliche Landtagskandidatin im Gedränge den Anschluss verliert. "Man kommt nicht hinterher", sagt sie mit einem Anflug von Verzweiflung. Dann bekommt Schulz ein Mikro in die Hand.

Um den Baldachin herum sind Leute stehen geblieben. Schulz sagt, dass der Geldbeutel der Eltern nicht über die Chancen von Kindern entscheiden dürfe. Applaus. Und er erklärt, worum es am Sonntag gehe: "Um die Wahl zwischen Hannelore Kraft, der Ministerpräsidentin unseres Landes, und ihrem Herausforderer."

Um Hannelore Kraft oder Armin Laschet also. Ist das noch derselbe Schulz, der die NRW-Wahl Anfang April zum Testfall für den Kampf ums Kanzleramt erklärt hat? Wenn die SPD hier gewinne, rief Schulz da in den Saal, dann verheiße dies, dass sie auch im Bund stärkste Partei und er selbst Bundeskanzler werde. Und jetzt, da aus diesem scheinbar entschiedenen Rennen eine knappe Sache zu werden scheint? Da geht es, das sagt Martin Schulz in Leverkusen nun noch einmal, "um Hannelore Kraft oder ihren Herausforderer".

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