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Analyse von Geheimdokumenten:US-Journalisten üben heftige Kritik am Drohnenkrieg in Pakistan

To match Special Report USA-PAKISTAN/DRONES

Mit Drohnen wie dem hier abgebildeten Modell Reaper führen die USA in Pakistan einen blutigen Krieg gegen den Terror.

(Foto: Reuters)

Eine Analyse von Unterlagen der CIA zeigt: Der US-Geheimdienst räumt lediglich einen toten Zivilisten im Rahmen der Drohnenangriffe in Pakistan ein. Doch unabhängige Journalisten veröffentlichen wesentlich höhere Opferzahlen bei der unbeteiligten Bevölkerung. Offensichtlich gab es sogar einen Deal zwischen CIA und pakistanischem Geheimdienst.

Pervez Musharaf war von 2001 bis 2008 diktatorischer Präsident Pakistans. 2004 segnete er einem Bericht der New York Times zufolge einen Deal zwischen der CIA und dem pakistanischen Militär-Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) mit den Worten "in Pakistan fallen ständig Dinge aus der Luft" ab. Inhalt des Abkommens: Die USA beseitigen den pakistanischen Dissidenten und Staatsfeind Nek Mohammed und erhalten dafür die Erlaubnis, Drohnenangriffe in Pakistans Luftraum zu fliegen.

In einem Interview mit dem TV-Sender CNN hat Musharaf jetzt das Zustandekommen des Geheimdeals bestätigt. Er behauptete aber, die pakistanische Regierung habe Angriffe der USA "nur in einigen Fällen, wenn das Ziel absolut isoliert war und keine Chance auf Kollateralschäden bestand", genehmigt.

Dem widerspricht die US-amerikanische Zeitungsgruppe McClatchy , die eine Analyse von internen Geheimdienstpapieren veröffentlicht hat. Diese besagen, dass mindestens ein Zivilist von amerikanischen Drohnen getötet wurde. Und zwar am 22. April 2011. Im Juni 2011 hatte der damalige Anti-Terror-Berater Obamas und heutige Chef der CIA, John Brennan, verneint, dass es in den vergangenen zehn Monaten zivile Opfer gegeben habe.

Die von McClatchy durchgesehenen Akten decken laut Jonathan S. Landay, Autor der Analyse, die meisten Drohnenangriffe in Pakistan von 2006 bis 2008 sowie in einem Zeitraum von Februar 2010 bis September 2011 ab. Viele Einträge würden Schätzungen der Opferzahlen, als auch die Namen der Militärgruppierungen, die als Ziel ausgegeben waren, enthalten - in den meisten Fällen sei das al-Qaida gewesen.

Angriffe nicht nur gegen al-Qaida

Für den angegebenen Zeitraum fänden sich aber auch Drohnenangriffe, die nicht gegen das Terrornetzwerk geführt wurden. Als Ziele werden demnach das afghanische Widerstandsnetzwerk Haqqani, die pakistanischen Taliban und Gruppen, die mit Begriffen wie "ausländische Kämpfer" und "andere Militante" nur vage umschrieben sind, genannt. 45 von 95 Drohnenangriffen von September 2010 bis September 2011 hätten diesen Gruppen gegolten.

Das zeige etwa, dass US-Drohnen auch für den Kampf des pakistanischen Militärs gegen die pakistanischen Taliban eingesetzt wurden - laut Landay haben weder die Regierung George W. Bush noch die von Barack Obama diese Militärhilfe je offiziell eingeräumt. Auch hätte sich der pakistanische Arm der Taliban erst 2007 geformt und wäre von vielen US-Offiziellen nie als ernsthafte Bedrohung für Ziele innerhalb der Vereinigten Staaten eingestuft worden.

Brisanter noch sind die Erwähnungen der "ausländischen" und "anderen" Getöteten. Jonathan S. Landay schreibt, die CIA habe bisweilen Menschen ermordet, die nur verdächtigt wurden, einer militanten Gruppe anzugehören oder mit ihr in Verbindung gebracht wurden.

Micah Zenko, ein Forscher des "Council on Foreign Relations", kritisiert im Magazin Foreign Policy vor allem sogenannte "signature strikes" - Angriffe aus dem Verdachtsmoment heraus. Er sagt, dass "die wiederholt von Präsident Obama und seinen Ministern gemachte Behauptung, dass gezielte Tötungen beschränkt seien auf Bedienstete, Mitglieder oder Verbündete von al-Qaida, die die direkte Bedrohung eines Angriffs auf das Heimatterritorium der USA darstellten, falsch ist."

Eine Untersuchung des Drohnenkriegs des "Bureau Of Investigative Journalism" (BIJ) stützt Zenkos Darstellung. Die dazu veröffentlichte, interaktive Grafik "Out of sight, out of mind" ("Aus den Augen, aus dem Sinn") zählt Stand März dieses Jahres 3105 Tote durch Drohnenangriffe in Pakistan seit 2004. Darunter sind demnach 535 Zivilisten und 175 Kinder.

Nur 47 Tote seien "high profile targets", also gesuchte Terroristenführer , zum Beispiel von al-Qaida, gewesen berichtet das BIJ unter Berufung auf die Nichtregierungsorganisation "New America Foundation". Deren neuester Stand liegt bei 51 getöteten Militärführern.

2348 "andere" Getötete

Bleiben noch 2348 "andere" Getötete. Das BIJ schreibt, die Regierung Obama klassifiziere alle körperlich gesunden Männer als Militärkämpfer, außer Beweise für das Gegenteil würden erbracht. In dieser Grauzone könnten sich so auch die Nachbarn eines getöteten Ziels aufhalten, oder aber tatsächlich ausschließlich eine Bedrohung darstellende Milizen.

In dieser Zahl, 2348, finden sich die in den von McClatchy analysierten Geheimdokumenten erwähnten "ausländischen Kämpfer" und "andere Militante" wieder. Ob jeder von diesen wirklich eine so immanente Bedrohung für die USA war, dass er durch Drohnen eliminiert werden musste, geht der Analyse zufolge aus den Papieren nicht hervor.

Für die Journalisten des BIJ ist sicher: Die unter den Begriffen "andere Getötete" zusammengefassten Opfer wurden zu Zielen, ohne jegliche Anhörung oder Möglichkeit, sich durch Aussagen zu verteidigen. Die CIA räumt in ihren geheimen Unterlagen jedoch nur einen Fall ein: den Tod eines Zivilisten am 22. April 2011 im Bezirk Nord-Waziristan.