Amtszeit von Bundeskanzlerin Merkel:Länger als Gerhard Schröder

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"Warum wird der Schröder nicht aufgehängt?" - diese Frage, die jährlich 100.000 Besucher vor der Kanzlergalerie stellten, hat sich seit 2007 erübrigt. Gerhard Schröder und Angela Merkel bei der Enthüllung des Porträts des Ex-Kanzlers.  (Foto: dpa)

Erste Frau, erste Ostdeutsche - seit 2584 Tagen regiert Angela Merkel nun in Deutschland, länger als Gerhard Schröder. Mit ihrem Vorgänger pflegt die Kanzlerin ein distanziertes, aber respektvolles Verhältnis. Denn ohne ihn wäre sie vielleicht nie Kanzlerin geworden.

Von Nico Fried, Berlin

Es kann durchaus von Vorteil sein, dass man die Bürde der Macht in der Regel auf den Schultern trägt. Eine Hand hätte Angela Merkel nämlich damals nicht mehr frei gehabt. Am späten Nachmittag des 22. November 2005 übergab ihr Gerhard Schröder das Kanzleramt. Merkel erhielt von den Mitarbeitern des Hauses einen Blumenstrauß zur Begrüßung, Schröder einen zum Abschied, den er aber gleich an seine Nachfolgerin weiterreichte. Zwei Hände, zwei Sträuße.

Schröder fuhr in einer Limousine davon, Merkel im Aufzug in den siebten Stock. Zum ersten Mal betrat sie als Kanzlerin das Kanzlerbüro. Ein Zeuge erinnert sich, dass sie nur kurz den Blick durch den Raum schweifen ließ. Kein Probesitzen. Merkel blieb beim ersten Mal nicht lang. Aber lange ist sie seit dem ersten Mal geblieben.

An diesem Dienstag ist Merkel 2584 Tage im Amt. Einen Tag länger als Gerhard Schröder. Sie ist damit die am viertlängsten regierende Kanzlerin hinter Helmut Kohl (16 Jahre), Konrad Adenauer (14 Jahre) und Helmut Schmidt (achteinhalb Jahre). Aber natürlich könnte man auch sagen, dass sie die am fünftkürzesten amtierende Regierungschefin ist, nur denkbar knapp vor Schröder sowie vor Willy Brandt (viereinhalb), Ludwig Erhard (drei) und Kurt Georg Kiesinger (knapp drei Jahre). Es liegt im Auge des Betrachters.

Die Wiederwahl als Beweis

Das Kanzlerbüro hat 142,51 Quadratmeter. Gemütlich geht anders, aber die Sicht auf Reichstag und Tiergarten ist sehr schön. Ein funktional eingerichteter Raum, abgesehen von einigen Skulpturen auf dem Fensterbrett, darunter eine Oase mit goldenen Kamelen und Wasser aus Kristallen - ein Geschenk des Königs von Saudi-Arabien. Gehört natürlich nicht Merkel, sondern dem Staat. Ansonsten kann man wenig kaputt machen in diesem Büro, es sei denn man tritt auf das Handy, das die Kanzlerin während des Ladevorgangs an der Steckdose schon mal auf dem Teppichboden liegen lässt.

Merkel hatte schon Geschichte geschrieben, als sie an jenem 22. November noch im Fahrstuhl fuhr: Erste Frau, erste Ostdeutsche. Eine Überraschung ihrer Kanzlerschaft war, dass sie es überhaupt wurde, eine zweite, dass sie ihren Titel 2009 verteidigte. Ihr selbst bedeutet die Wiederwahl besonders viel. Für jeden Regierungschef ist die Wiederwahl wie der Beweis, dass es sich beim ersten Mal nicht nur um einen Irrtum der Geschichte handelte. Für Schröder war außerdem von Bedeutung gewesen, dass er länger Kanzler war als die SPD-Ikone Willy Brandt - auch wenn er damit Merkel erst möglich machte.

Denn sie wäre wohl nie Kanzlerin geworden, wenn Schröder drei Jahre zuvor gegen Edmund Stoiber nicht knapp gewonnen hätte. Und sie wäre es ganz sicher nicht mehr geworden, wenn Gerhard Schröder zwei Monate zuvor gegen sie nicht sehr knapp verloren hätte. "Glauben Sie im Ernst", so Schröder am Wahlabend in der legendären TV-Elefantenrunde, "dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel bei dieser Sachlage einginge, indem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden. Also, ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen."

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Die Kirche blieb im Dorf, aber Schröder nicht Kanzler. Es ist sein Geheimnis, ob er Merkel als einfacher großkoalitionärer Abgeordneter im Bundestag wählte, bevor er kurz darauf sein Mandat abgab. Sicher ist, dass beide über die Jahre ein distanziertes, aber respektvolles persönliches Verhältnis pflegten. Schröder kritisierte in der Anfangszeit gelegentlich außenpolitische Entscheidungen Merkels wie den Empfang des Dalai Lama. Ansonsten wirkte die große Koalition auch auf den Außenstehenden eher beschwichtigend. Und bei Merkel gesellte sich im Amt der Respekt für die Leistung des Vorgängers zu ihrer Erleichterung, den Wahlkämpfer Schröder nicht mehr fürchten zu müssen.

Der widmete sich neuen Aufgaben wie seinem Posten als Aufsichtsratschef der Nordstream-Pipeline. Als Merkel und Schröder sich 2007 auf dem Hoffest der SPD-Fraktion begegneten, ermahnte der Vorgänger scherzhaft seine Nachfolgerin, es müsse jetzt Schluss sein mit den Streitereien in der Regierung: "Wir in der Wirtschaft brauchen Ruhe."

Mit der Euro-Krise kam die Schuldzuweisung

Als wenig später im Kanzleramt das Porträt Schröders enthüllt würde, revanchierte sich Merkel mit der Bemerkung, die 100 000 jährlichen Besucher müssten nun vor der Kanzlergalerie nicht mehr fragen: "Warum wird der Schröder nicht aufgehängt?"

Mit der Euro-Krise freilich kam die Schuldzuweisung: Rot-Grün trage die Verantwortung dafür, dass die Stabilitätskriterien 2003 aufgeweicht worden seien, lautet die Kritik Merkels und der mittlerweile schwarz-gelben Koalition, wobei die Kanzlerin den Kanzler Schröder selten namentlich nennt. Der weist die Vorwürfe sowieso zurück und verweist auf die Erfolge seiner Reformen.

Merkels Europa-Politik beurteilt er zurückhaltend. "Ich weiß, wie schwierig Entscheidungsprozesse gerade in Europa sein können", sagte Schröder jüngst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ohnehin habe er sich zum Maßstab gemacht, nicht "so schäbig" mit der Nachfolgerin umzugehen, wie Helmut Kohl mit ihm umgegangen sei.

Fast unfreundlicher als mit Merkel ging Schröder am 25. November mit seiner Partei und deren Leiden an der Agenda 2010 ins Gericht: Er glaube, "die deutsche Sozialdemokratie wäre heute die stärkste in Europa, wenn sie die Kraft gefunden hätte zu sagen: Die Agenda war richtig." Eine Woche später sprach das dann mutmaßlich in genüßlicher Absicht Merkel aus: "Ich sage ganz einfach und knapp und klar: Die Agenda 2010 war richtig." Es war wie ein maliziöser Gruß von Kanzlerin zu Kanzler.

© SZ vom 18.12.2012 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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