Amoklauf:Winnenden, Utøya, München

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Seit einem Jahr plante der 18-jährige David S. seine Bluttat - die Pistole beschaffte er sich im Darknet. Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte er möglicherweise einen Mitwisser.

Von Detlef Esslinger, München

Neun Menschen sind tot, und ebenso der Mann, der sie erschossen hat. David S., 18 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in München, hat alles andere als spontan gehandelt, die Polizei musste nur sein Zimmer in der Wohnung seiner Eltern durchsuchen, um herauszufinden: Seit über einem Jahr plante S. diese Tat. Und er verhielt sich dabei so, wie es auch schon bei früheren Amokläufern beobachtet worden war. Am Sonntagmittag gaben die Ermittler bekannt, was sie über den Mann bisher herausgefunden haben - und am Abend, dass sie einen möglichen Mitwisser festgenommen haben. Bei diesem handelt es sich um einen 16-Jährigen, der mit David S. befreundet war. Er hatte sich am Freitag gleich nach dem Amoklauf bei der Polizei gemeldet. Die Polizei vernahm ihn zunächst, ermittelte dann weiter - und entdeckte Widersprüche zwischen ihren Erkenntnissen und den Aussagen des Jugendlichen. Sie verdächtigen ihn nun, von dem Amoklauf gewusst, dies aber nicht gemeldet zu haben. Ein Sondereinsatzkommando nahm ihn um 18.15 Uhr in einer Wohnung im Stadtteil Laim fest. Die Polizei hält es für denkbar, dass er für einen Facebook-Aufruf zu einem Treffen im Kinokomplex Mathäser verantwortlich ist. Einen ähnlichen Aufruf hatte David S. zum OEZ verfasst. Was den Amokschützen David S.

betrifft: Der Präsident des bayerischen Landeskriminalamts (LKA), Robert Heimwerker, sagte am Sonntag, dieser habe sich seit Frühsommer vergangenen Jahres mit der Tat befasst. Er besuchte Winnenden und dort die Tatorte, an denen im März 2009 ein 17-Jähriger 15 Menschen und anschließend sich selbst erschossen hatte. Die Ermittler fanden Fotos dieser Tatorte auf der Digitalkamera von S. Außerdem schrieb er eine Art Manifest, "auf dem er sich mit dem, was er vorhat, befasst hat", wie Heimberger sagte. Er korrigierte eine frühere Darstellung der Polizei, im Zimmer von S. das "Manifest" des norwegischen Massenmörders Anders Breivik gefunden zu haben. Dies stimme nicht.

Trauer am Schreckensort: Menschen nehmen in München Abschied von den Opfern des Amoklaufs. (Foto: Johannes Simon/Getty)

Aber war es ein Zufall, dass S. seinen Amoklauf ausgerechnet am 22. Juli, dem fünften Jahrestag von Breiviks Taten, beging? Vielleicht ja, vielleicht nein. Die Öffentlichkeit darf spekulieren, ein LKA-Präsident tut es nicht. Zur Vorbereitung von S. gehörte das Computerspiel "Counter Strike: Source", das 2004 auf den Markt kam. LKA-Präsident Heimberger sagt: "Dies ist ein Spiel, das nahezu jeder bisher ermittelte Amokläufer gespielt hat." Die Ermittler haben 58 Patronenhülsen gefunden. 57 stammten aus der Glock 17 von David S., und die 58. aus der Waffe eines Polizisten, der auf ihn geschossen, aber nicht getroffen hatte. Als S. um 20.30 Uhr nördlich des OEZ von einer Polizeistreife angesprochen wurde, hielt er sich seine Glock an den Kopf und drückte ab. Bei der Pistole handelte es sich um eine wieder gebrauchsfähig gemachte Theaterwaffe. S. hatte sie sich über das Darknet beschafft, einen verborgenen und verschlüsselten Bereich des Internets.

Es wird von Whistleblowern und Regimekritikern genutzt, aber auch von Kriminellen. Eine andere Frage am Wochenende war, ob und welche Lehren Polizei und Politik nun ziehen müssen. Die Minister Sigmar Gabriel (Wirtschaft, SPD) und Thomas de Maizière (Innen, CDU) brachten eine Verschärfung des Waffenrechts ins Gespräch. Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) dachte laut über einen Bundeswehr-Einsatz im Inland nach - "sollten wir eine großflächige, schwere Terrorlage haben". Sein bayerischer Kollege Joachim Herrmann (CSU) schloss sich an: "Die Bedenken aus historischen Gründen sind überholt." Es gab aber auch Politiker, die einen anderen Ton anschlugen. Die Forderung der bayerischen FDP war: dass Politiker mit dem schnellen Fordern aufhören. "Die Regierung sollte sich eine einwöchige Bedenkzeit auferlegen", sagte ihr Generalsekretär Daniel Föst. In der solle sie "auf halbgare Forderungen verzichten und nüchtern analysieren, was genau ist".

Polizisten vor dem OEZ in München. (Foto: Johannes Simon/Getty)

Und die Polizei? Zur Verunsicherung in München trug bei, dass viele Polizisten in Zivil, aber sichtbar bewaffnet unterwegs waren - und von Passanten für Terroristen gehalten wurden. In den Städten sind jedoch immer Streifenbeamte in Uniform und in Zivil eingesetzt; am Freitagabend war laut LKA-Chef Heimberger die Devise: "Nicht umkleiden, sondern einschreiten." Vielleicht ist dies ja ein Thema, über das es demnächst noch Debatten geben wird.

© SZ vom 25.07.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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