Amoklauf Warum Polizisten in München in Zivil im Einsatz waren

Diese Polizisten waren am Freitagabend in München eindeutig als Polizisten zu erkennen - aber nicht alle der 2300 Beamten, die im Einsatz waren. Das war keine Panne, sondern Konzept.

(Foto: Sven Hoppe, dpa)

Beamte sollen ohne Uniform, aber mit gezogener Waffe unterwegs gewesen sein. Dass Polizisten nicht sofort erkennbar sind, kann bei Terrorfällen einen entscheidenden Vorteil haben.

Von Martin Bernstein und Joachim Käppner

Freitagabend, Marienplatz. Während sich am Olympia-Einkaufszentrum das Amokdrama abspielt, ist eine Münchnerin auf dem Heimweg vom Büro, steigt aus der S-Bahn und fährt die Rolltreppe hoch. Noch zwei, drei Stufen, dann hat sie das Zwischengeschoss erreicht. Ihr fällt auf, dass es seltsam menschenleer ist, dort, wo sich sonst die Fahrgäste drängen. Nur an den Seiten halten sich noch einige auf. Da hört sie Rufe: "Weg, weg, weg!" Sie will umkehren, aber sie ist ja auf einer Rolltreppe, es geht aufwärts, und da sieht sie schon den Mann, sechs, sieben Meter vor ihr: groß, schwarz gekleidet, über der Schulter trägt er eine längere Schusswaffe, wahrscheinlich eine Maschinenpistole.

Sie versteckt sich hinter einer Säule, läuft durch das Zwischengeschoss, zehn, zwölf Meter, zu einer Treppe, die wieder hinab zur S-Bahn geht. Als sie unten ankommt, fährt ein Zug ein (bald danach wird der Nahverkehr eingestellt). Mehrere Menschen drängen hinein. Sie halten diejenigen, die hier aussteigen wollen, davon ab: In der Station sei ein Bewaffneter. So berichtet es die Augenzeugin.

Bei dem Mann handelte es sich wohl um einen Polizisten in Zivil, der offen eine Waffe trug. Auch beim eigentlichen Tatort, dem Olympia-Einkaufszentrum, hielten Zeugen nicht uniformierte Beamte für Attentäter. Die Fehlinformation, es seien drei Mordschützen unterwegs, ist offenbar aus diesen Aussagen entstanden.

4300 Notrufe

Nach SZ-Informationen soll die Münchner Polizei den Bundesdienststellen schon gegen 23 Uhr mitgeteilt haben, zwei der drei verdächtigen Personen seien Polizisten in Zivil, die von Zivilisten als potenzielle Attentäter gemeldet worden waren. Das Polizeipräsidium München will derlei Vorkommnisse nicht bestätigen. Es hat am Freitag zwischen 18 und 24 Uhr insgesamt 4300 Notrufe erhalten. Die 2300 in der Stadt eingesetzten Polizisten mussten deshalb an die verschiedensten Orte eilen, von denen angebliche Schüsse oder Personen mit einer Schusswaffe gemeldet wurden. Ob dabei wiederum die gerufenen Beamten in einigen Situationen auch nach ihrer Waffe griffen, lässt sich nach Auskunft aus dem Präsidium nicht im Detail rekonstruieren. Es waren jedenfalls Zivilpolizisten im Einsatz. Ebenso wie ihre uniformierten Kollegen tragen sie Waffen, die aber nur in Gefahren- oder Bedrohungssituationen gezogen oder in Anschlag gebracht werden dürfen. Eine solche galt aber wohl als gegeben, da die Zeugenaussagen befürchten ließen, auf Straßen oder in Bahnhöfen könnten sich bewaffnete Terroristen befinden. Es sei aber keinesfalls so gewesen, dass Beamte in Zivil mit gezückten Waffen durch die Innenstadt gelaufen seien und erst dadurch die Panik ausgelöst hätten, sagt ein Sprecher des Präsidiums.

Normalerweise haben Zivilstreifen Überzieher und Armbänder dabei, auf denen groß "Polizei" steht. Wenn manche Münchner Beamte keine solche Kennzeichnung übergestreift hatten, sei das jedoch erklärbar, sagt Oliver Malchow, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP): "Das hängt immer von der Einsatzlage ab. Gerade bei Terror- oder Amoksituationen, bei denen die Beamten den Täter noch suchen, kann es vorteilhaft sein, dass sie nicht sofort erkennbar sind." In solchen Situationen sind sie darauf trainiert, die Waffe schussbereit zu tragen: "Sie müssen sehr schnell sein, denn die Attentäter schießen auch sofort." Es gebe also Lagen, in denen bewaffnete Polizisten für Augenzeugen nicht als Polizisten zu erkennen sind - sodass sie den Notruf wählen und die Polizei faktisch die eigenen Kollegen sucht.

"Es herrscht noch nicht einmal Notstand"

Davon abgesehen ist der Münchner Einsatz für Malchow ein weiterer Beleg dafür, dass die Bundeswehr bei solchen Einsätzen fehl am Platz sei: "Die Soldaten sind dafür nicht ausgebildet, speziell nicht für die Verhältnismäßigkeit der Mittel." Scharf kritisiert er die Unionspolitiker, die nach der Münchner Schreckensnacht wieder den Einsatz der Bundeswehr im Innern forderten: "Was hätte die Bundeswehr in München tun können, was die Polizei nicht kann? Nichts." Wer nach den Streitkräften rufe, "der verbreitet doch damit die Botschaft: Die Polizei ist überfordert und kann nicht mehr für unsere Sicherheit sorgen." Dieselben Politiker hätten mit dafür gesorgt, dass bundesweit in den vergangenen Jahren 16 000 Stellen bei der Polizei abgebaut worden seien. Dabei habe die Polizei beim Axtangriff bei Würzburg, beim Amoklauf in München und dem Bombenanschlag von Ansbach sehr gut gearbeitet. Jenen Politikern, die den Einsatz der Bundeswehr im Inneren fordern, hält Malchow entgegen: "Wir befinden uns nicht im Krieg. Es herrscht noch nicht einmal ein Notstand."

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