Süddeutsche Zeitung

Todesstrafe:Zahl der Hinrichtungen steigt deutlich

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Laut einem Bericht von Amnesty International gab es 2021 weltweit 20 Prozent mehr Exekutionen, die Zahl der Todesurteile stieg um 40 Prozent. Der deutliche Anstieg gegenüber dem Vorjahr ist auf einige wenige Länder zurückzuführen.

Von Paul-Anton Krüger, Berlin

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat für das vergangene Jahr einen deutlichen Anstieg bei der Vollstreckung der Todesstrafe verzeichnet. In einem am Dienstagmorgen veröffentlichen Bericht heißt es, 2021 seien mindestens 579 Todesurteile in 18 Ländern vollzogen worden, ein Anstieg um etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr; 2020 waren mindestens 483 Menschen getötet worden. Noch stärker nahm die Zahl der neuen Todesurteile zu. Wurden 2020 noch 1477 solche Richtersprüche dokumentiert, waren es 2021 mindestens 2052 in 56 Staaten, ein Zuwachs von fast 40 Prozent. Weltweit saßen mindestens 28 670 zum Tode verurteilte Menschen in Todeszellen.

Die tatsächlichen Zahlen der Exekutionen und Todesurteile dürften weit höher liegen, weil sich Amnesty darauf beschränkt, sie aus öffentlich zugänglichen Quellen zu dokumentieren. In China, dem Land, das mit Abstand die meisten Todesurteile weltweit vollstreckt, werden Daten über die Anwendung der Todesstrafe als Staatsgeheimnis eingestuft. Amnesty spricht von Tausenden Exekutionen und Todesurteilen allein in der Volksrepublik. Auch Vietnam hält Hinrichtungen geheim. Aus Belarus, Laos und Nordkorea liegen kaum Informationen vor.

Iran exekutiert bei Drogendelikten

Der Anstieg war in erster Linie auf Iran zurückzuführen. In der Islamischen Republik wurden mindestens 314 Menschen hingerichtet, was die höchste ermittelte Fallzahl seit 2017 ist. Im Jahr 2020 hatte Iran mindestens 246 Menschen hingerichtet. Weltweit war die Zahl der Hinrichtungen im Jahr 2020 insgesamt wegen der Corona-Pandemie am geringsten; für 2021 stellte Amnesty den zweitniedrigsten Wert seit 2010 fest. In Iran wurden besonders viele Menschen wegen Drogendelikten exekutiert; im vergangenen Jahr waren es 132, was 42 Prozent an der Gesamtzahl entsprach. Im Jahr 2020 waren nur 23 Menschen wegen derartiger Straftaten hingerichtet worden.

Auch in Saudi-Arabien verzeichnete Amnesty einen starken Anstieg von 27 Exekutionen im Jahr 2020 auf 65 im vergangenen Jahr. 52 Menschen waren wegen Mordes verurteilt worden, neun weitere Personen wurden wegen terroristischer Verbrechen hingerichtet. Markus Beeko, Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland, sagte, verantwortlich für den neuerlichen Anstieg sei "die kleine Gruppe unbelehrbarer Staaten, die an diesen grausamen und unmenschlichen Tötungen festhält"; namentlich nannte er Iran und Saudi-Arabien. Auch in den ersten Monaten des Jahres 2022 habe sich der negative Trend fortgesetzt: Saudi-Arabien ließ im März an einem einzigen Tag 81 Menschen hinrichten.

Willkürliche Urteile in Myanmar

Eine alarmierende Zunahme der Anwendung der Todesstrafe verzeichnete Amnesty nach der Verhängung des Kriegsrechts in Myanmar. Nahezu 90 Personen seien in Schnellverfahren vor Militärtribunalen willkürlich zum Tode verurteilt worden, denen das Militär auch Befugnisse für Verfahren gegen Zivilisten übertragen hat. Auch Ägypten verhängte die Todesstrafe weiterhin in großem Umfang, auch auf der Grundlage von Aussagen, die durch Folter erpresst wurden. Das vom Militär dominierte Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sisi nimmt auch immer wieder Massenhinrichtungen vor. Hingerichtet wurden dort im vergangenen Jahr mindestens 83 Menschen.

In den USA setzte sich der Rückgang der Hinrichtungen 2021 fort und erreichte mit elf die niedrigste Zahl seit 1988. Im Jahr 2020 waren noch 17 Menschen von der US-Justiz getötet worden. Die Regierung von Japan richtete nach einer Unterbrechung von 24 Monaten am 21. Dezember 2021 drei Männer hin, die in getrennten Fällen wegen Mordes verurteilt worden waren. In Europa richtete Belarus als einziges Land einen Menschen hin. In Russland galt 2021 weiter ein Moratorium.

Trotz der insgesamt wieder gestiegenen Zahlen geht der internationale Trend laut Amnesty in Richtung einer Abschaffung der Todesstrafe. So sei die Zahl der Staaten, aus denen Exekutionen bekannt wurden, mit 18 auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Statistik. Nur noch eine "isolierte Minderheit" von Staaten erlaube die Todesstrafe. Die Hinrichtungsmethoden waren laut Bericht Enthauptung, Erhängen, Giftinjektion und Erschießen. Knapp ein Viertel der hingerichteten Personen waren demnach Frauen.

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