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Amerikanische Superreiche:"Die Reichen nabeln sich von der Mittelschicht ab"

Manche Multimillionäre sind stolz darauf, dass sie für soziale oder kulturelle Zwecke spenden.

Dieses Konzept der "Selbst-Besteuerung" hat mir Foster Friess erläutert - jener Mann, der den Wahlkampf des ultrakonservativen Rick Santorum quasi allein finanziert hat. Als ich ihn gefragt habe, ob die Reichen höhere Steuern zahlen sollten, sagte er: "Sie verstehen nicht, wie wir uns selbst besteuern." Es sei viel befriedigender, selbst zu entscheiden, welche Projekte man mit Spenden unterstütze. Das klingt toll: Ich würde auch gern bestimmen, dass etwa all meine Abgaben Kindergärten zugute kommen. Aber dieses Konzept birgt riesige Probleme: Ich fürchte, dass nicht allzu viele freiwillig Geld zahlen würden, um das Abwassersystem zu erhalten. Und Demokratie bedeutet theoretisch doch, dass der Staat Steuern erhebt und wir Bürger entscheiden, wofür wir das Geld ausgeben.

Friess sieht das anders. Warum?

Er ist überzeugt, dass Reiche bessere Menschen sind. Friess hat mir direkt aufs Band gesagt: Bill Gates hat viele Arbeitsplätze geschaffen, arme Leute haben keinen einzigen Job geschaffen. Er findet, dass wir Leute wie Gates oder Steve Jobs verehren sollten. Ginge es nach ihm, sollte die Regierung Geld an Leute wie Gates und Jobs zahlen anstatt etwas von ihnen zu fordern.

Solidarität mit den Mitbürgern scheint unter Amerikas Plutokraten nicht weit verbreitet zu sein.

Die Meinung von Friess ist extrem, aber die Einstellung von liberalen Multimillionären ist nicht viel anders. Dies liegt an der Globalisierung. Wegen ihrer Berufe sind die neuen Superreichen auf der ganzen Welt unterwegs: Sie haben weniger mit ihren Landsleuten gemein als mit den Mitgliedern dieser transnationalen Elite, die zwar aus anderen Ländern stammen, aber die gleichen Internate in England und die gleichen Hochschulen in Amerika besucht haben. Heute essen sie in den gleichen Restaurants und schlafen in den gleichen Hotels. Sie nabeln sich von der Mittelschicht ihres Heimatlands ab - wirtschaftlich, sozial, emotional und auch kulturell.

Ihrem Buch zufolge sind die meisten Plutokraten working rich: Sie haben ihre Millionen nicht geerbt, sondern selbst erarbeitet. Eigentlich müssten sie die Probleme der Mittelklasse kennen, deren Löhne seit Mitte der neunziger Jahre stagnieren.

Ich hatte auch gedacht, dass die Superreichen ihre Herkunft nicht vergessen würden. Doch sie denken: Jeder, der sich anstrengt, kann so reich werden wie ich - wenn sich der Staat raus hält.

Hatten Sie nach der Präsidentschaftswahl auch Kontakt mit den Multimillionären, die Mitt Romney unterstützt hatten?

An der Wall Street kursiert ein Witz, dass die Investition in Romney für die Banker die schlechteste Wette seit den subprime-Krediten war. Sie haben viel investiert und wenig bekommen. Mich hat aber das Ausmaß der Verwunderung erstaunt. Sie waren so sicher, dass Romney gewinnen oder es ganz knapp werden würde. Die Plutokraten glaubten, dass sie nicht nur mehr Geld zur Verfügung hatten, sondern auch die effizientere Strategie. Sie sind ja die Management-Experten, die ihre Entscheidungen auf Daten stützen. Und dann hat sie Obama, dieser community organizer, eindeutig ausgestochen. Sie waren entgeistert, als sie in ihren Privatjets vom Bostoner Logan Airport wieder nach Hause flogen.

Akzeptieren die Superreichen die Botschaft der Niederlage - dass Steuersenkungen als Problemlösung nicht ausreichen?

Es gibt etwas, was viele auf Linke in den USA nicht verstehen: Die Superreichen sind überzeugt, dass sie für das wahre Amerika kämpfen. Sie sehen sich nicht als böse Egoisten - es geht um das Beste für das Land und deswegen werden sie sich weiter engagieren. Diese Haltung kam in Romneys Aussage nach der Wahl klar heraus: Er habe verloren, weil Obama Geschenke an seine Klientel verteilt habe, während es ihm uns große Ganze ging.

Dabei ließe sich Romneys Ankündigung, die Finanzmarktregulierung zu lockern und die Steuern zu senken, auch als Geschenke an seine reichen Förderer ansehen.

So ließe sich argumentieren, aber die Plutokraten werden immer sagen, dass niedrige Steuern und Deregulierung dem Land gut tun und es ihnen nicht um den eigenen Vorteil geht. Nicht jeder vertritt diese These so offensiv wie Edward Conard, der Ex-Chef von Bain Capital, der Bücher schreibt und es genießt, mit TV-Moderator Jon Stewart in dessen "Daily Show" über Risiko, Investitionen und Verantwortung zu diskutieren. Doch die große Mehrheit denkt so.

Die soziale Ungleichheit in Amerika ist mittlerweile in den USA genauso groß wie in China. Der Gini-Koeffizient, der wichtigste Gradmesser, gleicht dem eines Entwicklungslandes. Immer mehr Experten sorgen sich um die Stabilität der amerikanischen Gesellschaft.

Es gibt hier zwei verschiedene Argumentationslinien. Es gibt immer wissenschaftliche Literatur, in der argumentiert wird, dass zu hohe Ungleichheit gepaart mit einer Aushöhlung der Mittelklasse zu makroökonomischer Instabilität führe. Wachstum sei gefährdet, weil die Normalbürger nicht mehr genug konsumieren können. Das zweite Szenario geht davon aus, dass es in der Demokratie zu sozialen Spannungen kommt.

Denken Sie, dass es in naher Zukunft zu Protesten kommt?

Langsam scheint das Tabu, in Amerika über Klasse zu sprechen, etwas aufzuweichen. Allerdings wird häufig nicht über Strukturen diskutiert - also inwieweit der Reichtum des obersten Zehntel des obersten Prozents mit der Stagnation der Mittelschicht zu tun hat. Aber ich glaube, dass die US-Gesellschaft ziemlich weit von großen Protesten wie 1968 entfernt ist. Wir können es nicht mit den furchtbaren Bedingungen der industriellen Revolution vergleichen. Auch wenn es nicht mehr nach oben geht, haben heute viele Amerikaner ein beträchtliches Wohlstandsniveau mit beheizten Wohnungen, Fernsehern und Reisen erreicht. Die meisten fühlen sich noch immer ziemlich wohl.

© Süddeutsche.de/joku/woja
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