Zum Tod des Altkanzlers Kohl und seine Familie - eine öffentliche Tragödie

Inszenierte Idylle: Der damalige CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, mit seiner Ehefrau Hannelore und seinen Söhnen Peter (re.) und Walter (li.) im Jahre 1975 während des Urlaubs in Österreich

(Foto: dpa)
  • Erst das Land, dann die Partei, dann lange nichts. Familie mit Vater fand bei den Kohls nur statt, wenn der Politiker idyllische Bilder für den Wahlkampf brauchte.
  • Nach dem Suizid seiner Frau wurde der Blick frei auf Helmut Kohl als Familienmensch.
  • Er war weder fähig noch Willens, diese Rollen auszufüllen.
Von Thorsten Denkler

"Walter, deine Mutter ist tot." Es gibt nicht viele Menschen, die einem nah genug sind, eine Nachricht von so ungeheurer Bedeutung zu überbringen. Walter Kohl hätte sich wohl gewünscht, dass sein Vater die Kraft dazu gehabt hätte. Helmut Kohl hatte sie nicht. Oder wollte sie nicht haben.

Es war seine Büroleiterin, die Sohn Walter telefonisch über den Suizid von Hannelore Kohl informierte. Dienstweg statt Familiengespräch. Kaum eine Szene verdeutlicht wohl besser den tiefen Graben zwischen Helmut Kohl und seinen beiden Söhnen Peter und Walter.

Familiengeheimnisse dieser Art gehören nicht in die Öffentlichkeit, sollten nicht zwischen zwei Buchdeckel gepresst der Nation zum Studium vorgelegt werden. Walter Kohl hat es dennoch getan. "Leben oder gelebt werden", nannte er das Werk. Es hat die Republik erschüttert. Ein Akt der Selbsttherapie, wie er es beschrieb. Es habe ihn davor bewahrt, es seiner Mutter nachzutun und Suizid zu begehen.

Erst das Land, dann die Partei, dann lange nichts

Das Bild von Kohl, dem Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas, es war schon durch die Spendenaffäre erschüttert. Mit der Offenbarung der Söhne kamen verstörende Details aus dem Leben der Familie Kohl ans Licht.

Hier der Patriarch Kohl, der Bundeskanzler, der Weltstaatsmann, der Architekt der deutschen Einheit. Dort seine Frau und seine zwei Kinder, die selbst im Ausland von Titelseiten mit Mr. Germany verfolgt wurden, aber doch eigentlich ihren Vater vermissten. Eine Rolle, die Kohl nie einnahm.

Walter Kohl: "Sie sehen einen Menschen, der sehr traurig ist"

Zu seinen beiden Söhnen hatte Altkanzler Helmut Kohl bis zuletzt keinen Kontakt. Vom Tod seines Vaters habe er im Radio erfahren, erzählt Walter Kohl Journalisten. mehr ...

Erst das Land, dann die Partei, dann lange nichts. Familie mit Vater fand bei den Kohls nur statt, wenn er idyllische Bilder für den Wahlkampf brauchte. Für Walter Kohl waren das inszenierte Wohlfühlmomente in einer ständig gelebten Tragödie: "Wahlkämpfe, das waren doch Kämpfe um unsere Existenz als Familie. Eine schlechte Hochrechnung, ein schlechtes Endergebnis einer wichtigen Wahl, das kann auch wirtschaftlich vernichtend sein. Wer stellt denn schon einen Verlierer wieder auf?"

Hannelore. Sie war ihrem Mann am Anfang seiner Karriere noch eine gute Ratgeberin. Sein Sohn Peter ist sich sicher, dass Kohl seinen Blick nur nach Frankreich statt auch gen Osten geschärft hätte, wenn er, der Pfälzer, nicht eine Frau geheiratet hätte, die in Leipzig aufwuchs: "Hannelore machte Helmut Kohl, so wie wir ihn kannten, möglich."

Hannelore war 16 Jahre die First Lady, hatte sich als fürsorgende Mutter der Nation eigene Verdienste erworben. Das alles zählte nicht mehr, als auch sie in den Strudel der Spendenaffäre geriet. Sie musste die Häme ertragen, die ihrem Mann galt. Dazu kam etwas, dass ihr als Lichtallergie zugeschrieben wurde. Im Laufe der Jahre wurde es immer schlimmer damit. Fachärzte kennen allerdings keine Lichtallergie.

Sie regierten Deutschland

mehr... Bilder

Hannelore Kohl schotte sich ab. Die Rollläden runter. Kein Sonnanstrahl durfte hinein. Aus dem Dunkeln des Kanzlerbungalows in Oggersheim heraus sammelte sie sechs Millionen Euro ein, mit denen ihr Mann die Strafzahlungen der CDU an die Staatskasse ausgleichen konnte. Der Bungalow, ein Hochsicherheitstrakt inmitten eines Wohnviertels, war ihr Zuflucht und Gefängnis zugleich. Die Nachricht vom Tod seiner Frau erreichte Kohl am 5. Juli 2001, als er in Berlin die Freigabe seiner Stasiakten zu verhindern versuchte. Er war 41 Jahre mit Hannelore verheiratet.

Bis zu dem Tag war nur wenig nach außen gedrungen, die Mauern um den Bungalow waren hoch genug. Einblick hatten nur wenige. Kohl kapselte sich danach ab. Eine neue Frau trat in sein Leben, Maike Richter. Sohn Walter beschrieb allerdings auch Gerüchte, Kohl und Maike Richter hätten weit vor dem Tod seiner Mutter engen Kontakt zueinander gehabt.